Torten, groß wie Kofferradios

15. Oktober 2011, 16:49
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Nach Italien ist Österreich das erste Land mit einem Slow-Food-Wirtshausguide - Severin Corti und Georges Desrues haben die ersten Adressen ausfindig gemacht

Immer schön langsam: Als Gegenpol zu Schnellimbissketten haben sich erst die Bezeichnung und dann die Bewegung "Slow Food" etabliert. Inzwischen geht es um mehr: Lebensmittel sollen fair und möglichst nichtindustriell produziert werden und in der jeweiligen Region statt am anderen Ende der Welt auf den Tisch kommen.

Auch Gasthäuser mögen diese Prinzipien beachten und Entsprechendes servieren. Der populäre Führer Osterie d'Italia stellt seit Jahren die besten Beispiele der Slow-Food-Gründernation vor. Nun kommen erstmals Wirtshäuser eines anderen Landes dran: Unter der Herausgeberschaft von Severin Corti und Georges Desrues haben Referenten in allen österreichischen Bundesländern Adressen ausfindig gemacht, an denen nach den obigen Kriterien und um nicht mehr als 40 Euro für drei Gänge serviert wird.

Standard-Redakteur Corti und Slow-Food-Uni-Absolvent Desrues, ebenfalls in dieser Zeitung mit Beiträgen präsent, schreiben im Vorwort über ihr Schlüsselerlebnis in einem Restaurant auf dem Land: Morcheln aus Kanada? Bärlauch im Sommer aus der Kühltruhe? Muss das sein?

Es muss nicht: Von Vorarlberg (dort gibt es besonders viele) bis hinterm Neusiedler See bemühen sich Wirte um die (Wieder-)Belebung genuin österreichischer Küche. Das soll nicht als Gastro-Chauvinismus, vielmehr als Ergänzung der zahlreichen Führer zu internationaler bzw. nobler Küche verstanden werden.

Liebenswürdig exzentrisch

Slow Food - Gasthäuser in Österreich beschreibt mehr als 200 Betriebe. Manche sind besonders günstig, andere auf liebenswürdige Art exzentrisch. Die einen pflegen die lokale Rindfleischtradition, die anderen kennen die Sorgen von Vegetariern: Es werde nicht nur "die in Wien übliche Troika aus Eiernockerln, gebackenen Champignons und Krautfleckerln" serviert, lobt die zuständige Referentin ein Lokal in der Innenstadt (wir sagen nicht, welches, es ist jetzt schon so überlaufen, dass wir Stammgäste um unsere Plätze fürchten). Und bei der "Malakoff-Torte von der Größe eines Kofferradios" in einer anderen Restauration warte ein Kellner diskret mit einer Alu-Folie.

Auf keinen Fall fad

Fad dürfte es in keinem Lokal sein - soweit uns bekannt, sind die Tipps goldrichtig. Exquisites Drumherum darf man nicht erwarten, das Steirereck hat sich nur in den Führer verirrt, weil zu ebener Erde die Meierei Hervorragendes zu irdischen Preisen bietet. Renommieradressen in Touristenzentren sind nicht vertreten, dafür ist anderswo umso mehr zu entdecken.

Außerdem empfehlen die Autoren in einigen Bundesländern Geschäfte, in Wien auch Heurige. Die Tipps sind à jour, in der Bundeshauptstadt sind neben Klassikern wie dem Böhle auch der Eis-Greißler oder die Holzofen- Bäckerei Gragger & Cie. genannt.

Nobody is perfect, nicht alle sind slow genug. Die Herausgeber (die auch die alphabetische Anordnung der Orte noch perfektionieren können) schreiben, dass man das eine oder andere Lokal übersehen haben kann. Diese mögen sich bei den regionalen Slow-Food-Vereinen, den Convivien, melden. Die nächste Auflage ist bereits in Vorbereitung. (Michael Freund, DerStandard/Album/15.10.2011)

  • Slow Food - Gasthäuser in Österreich 2012
Severin Corti, Georges Desrues (Hg.)
240 Seiten, € 19,90
Brandstätter, Wien 2011
    foto: brandstätter verlag

    Slow Food - Gasthäuser in Österreich 2012
    Severin Corti, Georges Desrues (Hg.)
    240 Seiten, € 19,90
    Brandstätter, Wien 2011

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