Stadt räumt Protest-Gelände vorerst nicht

14. Oktober 2011, 16:08

Menschen werten Verschiebung als Sieg

New York - Die befürchtete Konfrontation zwischen den Demonstranten an der New Yorker Wall Street und der Polizei ist ausgeblieben. Die Stadt sagte die für Freitag in der Früh geplante Reinigung des von den Protestlern besetzten Zuccotti-Parks kurzfristig ab. Die Aktion werde vorerst verschoben, hieß es nur eine halbe Stunde vor dem geplanten Beginn um 7.00 Uhr früh (Ortszeit). Die Demonstranten, die die Fläche unweit der Wall Street seit vier Wochen besetzt halten, jubelten.

"Wenn das Volk vereinigt ist, kann es nicht besiegt werden", skandierten einige. Es waren auch Schilder zu sehen mit der Aufschrift "Der Klassenkampf beginnt hier!". Die Demonstranten betonten, dass ihr Protest friedlich sein solle. Sie würden aber nicht weichen.

Seit etwa einem Monat kampieren Aktivisten unter dem Motto "Occupy Wall Street" ("Besetzt die Wall Street") im kleinen Zuccotti-Park nördlich der Banken- und Börsenstraße. Aus den ursprünglich ein paar Dutzend Studenten sind mittlerweile mehrere Hundert Menschen geworden, denen die Macht der Banken zu groß ist und die höhere Steuern für Reiche und Großunternehmen fordern. Zu einer Demonstration in der vergangenen Woche waren 7000 Menschen gekommen. Immer wieder gab es Festnahmen, die Proteste blieben aber weitgehend friedlich.

Eigentlich hatten am Freitag um 7.00 Uhr Ortszeit (13.00 Uhr MESZ) Putzkolonnen anrücken sollen, um den Park von Dreck zu reinigen, wie es Bürgermeister Michael Bloomberg angekündigt hatte. Das Gelände, das eigentlich eher eine spärlich begrünte Betonfläche ist, könne die Last der vielen Menschen nicht tragen. Anrainer hätten befürchtet, dass die völlig überfüllten Mistkübel Ratten und Ungeziefer anlockten. Der Park sollte mit Hochdruckreinigern gesäubert werden, dann dürften die Demonstranten zurück - Zelte und Schlafsäcke würden allerdings nicht mehr geduldet. Die Protestler hatten befürchtet, dass sie unter diesem Vorwand dauerhaft vertrieben werden sollten, und zum Widerstand aufgerufen.

"Wir sind die 99 Prozent", riefen die Demonstranten in Sprechchören, als die Verschiebung der Räumung eine halbe Stunde vor deren angesetztem Beginn verkündet wurde. "1:0 für die 99 Prozent", schrieben Unterstützer im Chat der Aktion. Die Demonstranten sehen sich als Vertreter der breiten Mehrheit der Bevölkerung, die unter wirtschaftlichen Problemen leide, während das eine Prozent der Finanzelite sich auf ihre Kosten bereichere.

"Dies ist eine Notsituation", hatte die Gruppe, die mit Schlafsäcken im Park campiert, auf ihrer Website geschrieben und damit etliche Unterstützer mobilisiert. "Haltet Bloomberg und Kelly davon ab, "Occupy Wall Street" gewaltsam zu vertreiben", lautete der Aufruf. Ray Kelly ist der Polizeichef der Millionenmetropole und für sein hartes Durchgreifen bekannt. Im Laufe der Demonstrationen hatte es bereits Hunderte Festnahmen gegeben; die Protestler beklagten sich über rüde Polizeimethoden.

Weltaktionstag am Samstag

Aus den Sozialprotesten in einzelnen Ländern soll am Samstag ein globales Phänomen werden. In rund 1000 Städten rund um den Erdball sind laut der Internetseite "www.15october.net" Demonstrationen gegen die herrschenden politischen und wirtschaftlichen Strukturen geplant. "Wir sind keine Güter in den Händen von Politikern und Bankern, die uns nicht vertreten", heißt es in dem Demonstrationsaufruf. Auch in mehreren österreichischen Städten sind Protestaktionen geplant.

In Österreich werden die Proteste unter anderem von Gewerkschaften, der Österreichischen Hochschülerschaft und von dem globalisierungskritischen Netzwerk Attac getragen. Wie Attac-Sprecher David Walch sagte, bestehe die Bewegung "aus vielen Menschen, die sich selbstständig organisieren". Hier erwartet er keine Massenproteste, weil die Krise noch nicht die gleichen sozialen Dimensionen wie in Spanien oder Griechenland habe. Auch deutsche Soziologen sind diesbezüglich skeptisch. So sagte der Soziologe Dieter Rucht vom Wissenschaftszentrum Berlin, dass es zwar eine "massiv verbreitete Unzufriedenheit in der Bevölkerung" gebe. Es fehle aber ein klarer Auslöser und Adressat für die Empörung - anders als die Wall Street in New York. (APA)

Kommentar posten
12 Postings
Peacefaktor
03
14.10.2011, 18:58
Hoffentlich kommen viele Menschen auch in Österreich

Wäre wichtig, auch um ein Zeichen zu setzen, dass man an mehr Partizipation, mehr direkter Demokratie interessiert ist. Es würde zeigen, dass die BÜRGEr mehr verstehen, als ihnen zugetraut wird, und dass sie nicht alles mit sich machen lassen.

Wichtig empfinde ich auch, dass es überall friedlich bleibt. Unzufriedenheit ist angebracht, aber wenn man etwas "besseres" will, muss man "besser" handeln, also gewaltlos.

Und zuletzt ist es auch eine Solidarität mit den Amerikanern, die sich gegen das System auflehnen, was uns alle betrifft. Den Politikern hier wie dort zu signalisieren, dass es so nicht weitegeht wäre auch einmal wichtig. Gerade in Österreich ist die Demonstrationskultur ja nicht gerade berauschend, aber siehe Hainburg...

soki3456
00
14.10.2011, 16:57
Großartiger Artikel bei folgendem Link

http://www.alternet.org/vision/15... age=entire

No banker left behind
01
14.10.2011, 15:17
Tahrir NYC

Gratulation zur erfolgreichen Verteidigung des Platzes!

Gelsomina
30
14.10.2011, 23:14

Die Demonstranten sollten zumindest ihren Abfall selber entsorgen. So wie es aussieht, haben sich heute ganze 12 Leute bereit erklaert, ein bisschen aufzuwaschen.

Die haben nicht einmal fuer ihre eigene Gruppe irgendein Verantwortungsgefuehl, geschweige denn gegenueber jenen, die letztendlich irgendwann mit ihren "Hinterlassenschaften" fertig werden muessen.

Solidaritaet? Offensichtlich eine Einbahnstrasse.

081547112
00
14.10.2011, 16:03

alles eine frage der zeit.

santa fe
 
00
14.10.2011, 15:58

beispielhafter ziviler widerstand ohne gewalt, wichtig für die neue emanzipationsbewegung auf der ganzen welt.

BEDINGUNGSLOSES GRUNDEINKOMMEN/BASIC INCOME GUARANTEE für alle,

finanziert von der FI (finanzindustrie). ralph nader, der pionier der BGE/BIG - bewegung in den USA, ist auf dem zuccotti-park bereits bejubelt worden.

Elén
01
14.10.2011, 17:12
Bedingungsloses Grundeinkommen ..

fand ich auch mal eine durchaus nachdenkenswerte Idee. Ein Bedingungsloses Gruneinkommen löst aber das Problem der Geldschöpfung und d. Problem v. Zins- und Zinseszins nicht. Was hat der Mensch von seinen bedingungslosen 1400 Euro, wenn er bei der Inflation und systemimmanenten Geldentwertung sich drum bloß eine halbe Zitrone kaufen kann. Das bedingungslose Grundeinkommen beschert dem Menschen also nicht die gewünschte Möglichkeit zum selbstbestimmten Leben. Eine wirkliche Lösung kann nur sein, die Geldschöpfung aus dem Nichts und das Zinssystem anzuschaffen. Diese Lösung, so sie kommt, wird für viele sehr hart.

Gelsomina
00
14.10.2011, 23:17

Was meinen Sie mit "Geldschoepfung aus dem Nichts"?

santa fe
 
01
14.10.2011, 18:40

die inflation galoppiert jetzt, ohne das BGE. sie steht in Ö. gerade bei 3,6%.

warum tun die politiker nichts dagegen? weil sie von der FI dafür gesponsert werden. wenn das BGE beschlossen ist, müssen die politiker dafür sorgen, dass ihr betr. gesetz nicht durch inflation kaputt gemacht wird, durch entsprechende zusatz-gesetze.

das BGE bedeutet die erneuerung der demokratie, der solidarität der politik mit 99% der bevölkerung und die wiederherstellung des sozialen friedens.

Der Kluge
30
14.10.2011, 18:06

"Geldschöpfung aus dem Nichts", "Zinseszinssystem"

Einfach unglaublich, wie sich manche von diesem Blödsinn indoktrinieren lassen...

schwejk
00
15.10.2011, 01:23
erklären Sies uns doch bitte.

Wos woar mei Leistung? °|°
00
14.10.2011, 20:42

Einfach unglaublich, wie manche sich von der Gier indoktrinieren lassen...

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.