Barbara Frederick, Ärzte ohne Grenzen-Koordinatorin in Libyen, über die Auswirkungen des Bürgerkriegs auf die Zivilbevölkerung in Sirte
Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen ist seit Februar in Libyen tätig. Koordinatorin Barbara Frederick berichtet im Gespräch mit Bert Eder über die Auswirkungen des Bürgerkriegs auf die Zivilbevölkerung und die Bemühungen, die medizinische Grundversorgung sicherzustellen.
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derStandard.at: Wo befinden Sie sich zur Zeit?
Barbara Frederick: Ich bin in Misrata, wo ein chirurgisches Team von Ärzte ohne Grenzen im Einsatz ist. Vor drei Tagen bin ich aus der umkämpften Stadt Sirte zurückgekehrt.
derStandard.at: Die Truppen des Übergangsrats haben die Stadt mit Artillerie beschossen, um den Widerstand der Gaddafi-treuen Kämpfer zu brechen. Welche Auswirkungen hat dies auf die Zivilisten in der Sirte?
Frederick: Mittlerweile ist der Großteil der Zivilbevölkerung aus der Stadt geflüchtet. Die Flüchtlinge leben in Zelten im Stadtrand und entlang der Küstenstraße.
derStandard.at: Besteht Hoffnung, dass die Zivilisten bald in ihre Häuser zurückkehren können?
Frederick: In der Umgebung des Ibn Sina-Spitals sind viele Gebäude durch Artilleriebeschuss schwer beschädigt worden. Ich habe ein völlig zerstörtes Wohnviertel gesehen. Der Süden der Stadt, wo auch das Spital liegt, ist menschenleer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand dorthin zurückkehren kann, bevor der Wiederaufbau anläuft.
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derStandard.at: Wie würden Sie die Stimmung unter den geflohenen Zivilisten beschreiben? Fühlen diese sich befreit?
Frederick: Solche Diskussionen haben wir nicht geführt. Wir sind hier, um Hilfe zu leisten. Wir kümmern uns darum, die medizinische Grundversorgung der Flüchtlinge und die Anlieferung von Wasser und Lebensmitteln sicherzustellen. Wenn das funktioniert, sind wir zufrieden, ich habe mich nicht nach politischen Fragen erkundigt.
derStandard.at: Hatten Sie Kontakt mit verwundeten Kämpfern?
Frederick: Hier in Misrata behandeln wir jeden Tag Angehörige beider Konfliktparteien, ja. Am Tag versorgen wir etwa 20 Verwundete. Die Kriegsgefangenen werden aus dem Gefängnis zu uns gebracht, wir betreuen aber auch dort Patienten.
derStandard.at: Waren unter den Gaddafi-Kämpfern, die Sie behandelt haben, auch Bürger anderer Nationen? Setzt der gestürzte Diktator wirklich so viele ausländische Söldner ein, wie der Übergangsrat behauptet?
Frederick: Ich kann das nicht bestätigen. Wir sind eine internationale Hilfsorganisation und behandeln alle Patienten, die es in unser Spital schaffen, ohne nach ihrer Staatsbürgerschaft zu fragen.
derStandard.at: Das Team des Roten Kreuzes, das letzte Woche das Spital in Sirte belieferte, berichtet, dass auch das Krankenhaus beschossen wurde. Können Sie dies bestätigen?
Frederick: Das Spital wurde mehrmals von Raketen getroffen. Ob Gaddafi-treue Kämpfer das Gebäude wirklich als Stützpunkt benutzt haben, weiß ich nicht.
Der Großteil der Fenster ist jedenfalls zerbrochen, weshalb die Patienten auf dem Gang untergebracht wurden.
Auch die Wasserversorgung war unterbrochen. Wir haben es nun geschafft, einen Tankwagen voll Wasser in die Stadt zu bringen, um die katastrophalen Hygienebedingungen zu verbessern.
Auch die Stromversorgung per Generator läuft mittlerweile, allerdings haben wir ein Problem damit, genügend Treibstoff heranzuschaffen.
derStandard.at: Liefern die Truppen des Übergangsrats Treibstoff für den Generator?
Frederick: Davon weiß ich nichts.
derStandard.at: Wieviele Patienten befinden sich noch in dem Krankenhaus?
Frederick: Nur noch etwa 25. Der Großteil wurde mittlerweile mit Fahrzeugen des Internationalen Roten Kreuzes in ein Feldspital, das 50 Kilometer außerhalb der Stadt liegt, und von dort mit Hubschraubern weiter nach Misrata und Tripolis gebracht. (derStandard.at/14.10.2011)