Druck, lass nach!

Ein zu hoher Blutdruck gefährdet die Gesundheit, denn unbehandelt kann er Herzinfarkte oder Schlaganfälle verursachen - Senken lässt er sich medikamentös, aber auch operativ

Ein Blick nach innen: Das menschliche Herz pumpt mit jedem Schlag rund 70 Milliliter Blut in die Arterien. Durch die Blutwelle steigt der Druck, dann fließt das Blut in die Organe. Der Druck sinkt wieder. Diese hochkomplexe Dynamik aus Fluss und Rückfluss wird mit dem einfachen Wort Blutdruck zusammengefasst. Er lässt sich leicht messen, doch im Grunde wird nicht der Druck, sondern der Druckunterschied dabei ermittelt. Der höhere, erste Wert heißt systolischer, der zweite diastolischer Blutdruck. Liegt der Wert wiederholt über 140 mm Hg systolisch oder über 90 mm Hg diastolisch, lautet die Diagnose Bluthochdruck, Hypertonie im Fachbegriff.

Bluthochdruck ist ein Volksleiden und einer der wesentlichen Risikofaktoren für einen vorzeitigen Tod. Weltweit sind 13 Prozent aller Todesfälle auf Hypertonie zurückzuführen, etwa jeder vierte Erwachsene ist davon betroffen. Ohne Therapie werden fast alle Organe geschädigt, und die Lebenszeit wird deutlich verringert.

Lange Zeit behandelten Ärzte nur nach Höhe der Blutdruckwerte. Inzwischen weiß man aber, dass die Gefahr für Folgeschäden von weiteren Risikofaktoren abhängt. "Ob man therapieren muss, richtet sich daher auch nach diesen Faktoren", erklärt Franz Weidinger, Abteilungsvorstand in der Wiener Rudolfstiftung. Basis jeder Therapie ist eine Änderung des Lebensstils. Das bedeutet: Rauchen einstellen, Gewicht normalisieren, regelmäßige körperliche Bewegung, mäßig Alkohol und Salz, wenig tierische Fette und viel Obst und Gemüse.

Lässt sich damit der Druck nicht senken, wird zunächst meist ein, dann mehrere Medikamente verschrieben. Im Prinzip stehen fünf Präparatgruppen zur Auswahl. "Wir wählen jeweils das passende individuell aus", sagt Weidinger. Patienten mit Diabetes oder Nierenschwäche bekommen beispielsweise eher ACE-Hemmer und bei Unverträglichkeit Sartane. Bei koronarer Herzkrankheit kommen Betablocker zum Einsatz, ältere Menschen profitieren eher von Kalzium-Antagonisten oder Diuretika. Ist der Druck damit nach Wochen oder Monaten noch nicht gesunken, fügt der Arzt ein oder zwei Medikamente aus der "5er-Palette" hinzu.

"Die neuesten Studien zeigen, dass wir am besten fixe Kombinationen in einer Tablette verschreiben sollten", sagte Franz Eberli, Professor für Kardiologie in Zürich. "Je mehr Medikamente die Studienpatienten einnehmen mussten, desto eher nahmen sie ihre Tabletten unregelmäßig oder brachen die Therapie ab."

Frage des Spielraums

Als Ziel gilt ein Wert von 140/90 mmHg, bei Diabetes oder Nierenschwäche unter 130/90 mmHg. Letzteren wollten viele Kardiologen bis vor kurzem noch auf unter 120/90 senken. "Aus den neuesten Studien wissen wir aber, dass das keinen Sinn macht", sagt Eberli. "Das Risiko für Herzinfarkte oder Schäden an den Blutgefäßen ließ sich damit nicht weiter senken, dafür litten Patienten häufiger unter Nebenwirkungen." Auch Menschen mit einer koronaren Herzkrankheit könnte ein Druck unter 120/70 mmHg mehr schaden als nützen.

Bei einigen Patienten lässt sich der Druck trotz aller Bemühungen nicht senken. "Häufig liegt es daran, dass der Patient seine Medikamente nicht konsequent nimmt oder seinen Lebensstil nicht ändert", sagt Weidinger. Manchmal sind die Medikamente zu gering dosiert, oder es sind die falschen. Ist die Therapie korrekt, müssen andere Ursachen ausgeschlossen werden. So können bestimmte Medikamente den Druck ansteigen lassen, ebenso ein Übermaß an Lakritze oder Hormonstörungen. Findet der Arzt keine Erklärung, stellt er die Diagnose "resistente Hypertonie". Diese entsteht vermutlich durch Schäden an Blutgefäßen und Nieren durch den langjährigen Bluthochdruck. "Dann wirken auch die Medikamente weniger gut", sagt Eberli. "Kalzium-Antagonisten können die Blutgefäße kaum noch weit stellen und dadurch den Druck senken, wenn die Gefäße verkalkt und verhärtet sind." Zusätzlich könnte die genetische Veranlagung eine Rolle spielen.

Ein dauerhaft erhöhter Blutdruck ist schwierig zu behandeln. Der Lebensstil sollte geändert, Blutdruck erhöhende Medikamente sollten abgesetzt und andere Krankheiten behandelt werden. Der Arzt verschreibt drei oder mehr Blutdruckmedikamente in der höchstmöglichen Dosierung. Wenn das nicht hilft, wählt er andere Präparate aus oder fügt eines oder mehrere hinzu.

Am Kardiologenkongress in Paris wurden kürzlich zwei neue Behandlungsmöglichkeiten vorgestellt. Bei der Baroreflex-Therapie wird ein Schrittmacher unter die Haut in der Nähe des Schlüsselbeins eingepflanzt. Von dort werden zwei Leitungen um die Halsschlagadern gewickelt. Dort befinden sich Nervenzellen, die auf einen zu hohen Blutdruck reagieren und dem Gehirn das Signal geben, den Druck zu senken. Der Generator stimuliert diese Nervenzellen mit einem elektrischen Reiz - das soll den Druck senken. Bei der renalen Nervenablation führt der Arzt einen Katheter über ein Gefäß in der Leiste ein, schiebt ihn bis zur Nierenarterie vor und verödet dort Nerven. Diese sollen für den dauerhaft erhöhten Druck verantwortlich sein.

Bei beiden Techniken haben Studien mit mehr als 100 Patienten gezeigt, dass der Blutdruck im Vergleich zu nicht behandelten Patienten sank und dass der Effekt auch nach der Beobachtungszeit von zwei Jahren anhält. "Ob diese neue Technik langfristig Erfolg hat, muss sich zeigen", sagt Eberli. Schwere Nebenwirkungen traten nicht auf. "aber wir müssen erst sehen, ob die renale Nervenablation zu einer Verengung der Nierenarterie führt - das kann dann wieder einen Bluthochdruck auslösen. "

Viel besser ist es, so Kardiologe Weidinger, zu versuchen, solche Prozeduren zu vermeiden: "Gesunder Lebensstil senkt das Risiko für Bluthochdruck, das ist gut belegt." (Felicitas Witte, DER STANDARD, Printausgabe, 17.10.2011)

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