Protokoll eines Anarchistenlebens

14. Oktober 2011, 17:13
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Ein zeitgeschichtliches Dokument ersten Ranges: Das monumentale Tagebuchwerk von Erich Mühsam wird nun endlich veröffentlicht

Erich Mühsam war ein leidenschaftlicher Tagebuchschreiber: Anderthalb Jahrzehnte lang protokollierte der 1934 von den Nazis ermordete Anarchist sein abenteuerliches Leben. Sein letztes Wort, nach mehr als 7000 Seiten: "Frei!" Es war der 20. 12. 1924, der Tag seiner Entlassung aus bayerischer Festungshaft, die ihm seine Beteiligung an der Münchner Räterepublik eingebracht hatte. Ein einmaliges zeitgeschichtliches Dokument, das lange in Archiven verstaubte. Nun wird Mühsams bedeutendstes Werk zum Glück für die Nachwelt bis 2018 veröffentlicht, in 15 Bänden, die im Halbjahrestakt folgen sollen.

Schon das Register des ersten Bandes (1910 bis 1911) liest sich wie ein Who's who der Schwabinger Boheme. In ihr war Mühsam, der Anarchist, Bänkelsänger, Dichter und Dramatiker, ein bunter Hund. Getreu der Einsicht, dass bedeutend nur werden kann, wer sich auch dafür hält, hielt er mit großer Erzähllust seine Begegnungen mit "prominenten Leuten" fest: "Schließlich denke ich doch, daß diese Blätter einmal von irgendwem gelesen werden könnten." So liest man, wie Mühsam mit Frank Wedekind im Café Stephanie fachsimpelt, wie er den kokainsüchtigen Sigmund-Freud-Schüler Otto Gross von seiner schmutzstarrenden Kleidung befreit, die Kabarettistin Emmy Hennings vor der "eifersüchtigen Megäre" Else Lasker-Schüler beschützt oder sich mit der Puppenkünstlerin Lotte Pritzel, genannt "das Puma", auf den Diwan begibt. Denn schonungslos ehrlich, wie der Anarchist sein will, macht er vor der "Entblößung meiner Geschlechtlichkeit" nicht halt.

Von Momenten der Tragikomik war Mühsams Kampf gegen die wilhelminische Gesellschaft keineswegs frei. Mit Sinn für Selbstironie muss er feststellen, wie sein Streben für eine von Unterdrückung und Heuchelei befreite Menschheit scheitert. Im August 1910 gilt es zunächst, das eigene Leben nach einem Gefängnisaufenthalt und gewonnenen Prozess wieder auf die Reihe zu bekommen. Neben einer ruinierten Gesundheit hat ihm das Boheme-Dasein als ständiger Begleiter auch den "Dalles" (jiddisches Wort für Geldnot) beschert.

Bei einem Berner "Wucherer" leiht sich Mühsam 1911 den stattlichen Betrag von 3000 Franken und genießt das erstmals erlebte "Gefühl weltmännischer Sicherheit". Zurück in München, gründet er seine allein von ihm verfasste Monatsschrift Kain, lässt sich von Bittstellern das Geld aus der Tasche ziehen, geht seiner Pokerleidenschaft nach und mit dem "Puma" shoppen, wofür ihm, wie er mit Genugtuung vermerkt, ein "Piacere" in Aussicht gestellt wird, und genießt überhaupt seine mit einem Mal gesteigerte Attraktivität. Besser gesagt, dieser selbsternannte "Erotiker (...), wie nicht viele herumlaufen", würde sie gern genießen. Denn ironischerweise laboriert Mühsam an einem Tripper und kann daher nur tatenlos dem wilden Treiben im Café Stephanie oder der Torggelstube zusehen. Als er selbst endlich wieder gesund ist, geht er mit dem "Puma" auf große "Hochzeitsreise" nach Weimar. "Und nun erzählen, was ich er- lebte in 1½ Wochen, die zu den schönsten meines Lebens zählen? Nein! Alles beste soll bei mir bleiben, immer nur in der Verschwiegenheit meines Gedankens", macht Mühsam genüsslich dem Leser den Mund wässrig - um doch einiges auszuplaudern.  (Oliver Pfohlmann  / DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.10.2011)

 

Erich Mühsam, "Tagebücher, Erster Band 1910-1911". € 28,- / 352 Seiten. Verbrecher Verlag, Berlin 2011

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