In der Kampfzone der Hacker-Aktivisten treffen ernsthafte politische Anliegen auf juvenilen Übermut
Die Berichte über die jüngsten Aktionen des Hacker-Kollektivs Anonymous in Österreich reichen von wohlwollend bis scharf kritisierend. Vor allem die Veröffentlichung der Wohnadressen von 25.000 Polizisten im September löste eine Debatte zu den Motiven der Bewegung aus.
"Gesellschaftliche Spannungsfelder im Netz"
Auch innerhalb der Technischen Universität habe es über die Motivation und Sinnhaftigkeit der Aktion sehr kontroverse Debatten in der Kollegenschaft gegeben, erzählt Peter Purgathofer von der Technischen Universität Wien. Er ist Professor an der Fakultät für Informatik und forscht unter anderem zum Thema "Gesellschaftliche Spannungsfelder im Netz".
Grundsätzlich definierte Ziele von Anonymous sind Meinungs-, Presse- und Informationsfreiheit. Digitaler Aktionismus, wie ihn die anonymen Hacker rund um den Globus einsetzen, soll breitflächige Debatten auslösen. Als AnonAustria, wie sich der Ableger in Österreich nennt, 600.000 Datensätze von der Tiroler Gebietskrankenkasse (TGKK) in die Hände bekam, war das Ziel vor allem eins: auf Sicherheitslücken und laxen Umgang mit sensiblen Daten aufseiten österreichischer Behörden und Unternehmen aufmerksam zu machen. Sie lagen für jedermann zugänglich auf einem Filehoster. Tagtäglich soll die TGKK die Daten an 50 private Unternehmen gespiegelt haben. "Da stellen sich mir die Haare auf", meint Purgathofer.
"Wir wissen heute gar nicht, was gegen uns vorliegt und wer welche Informationen über uns gespeichert hat."
Das oft zitierte "Big Brother"-Szenario vom Überwachungsstaat aus dem Roman 1984 tauscht er gegen die Grundstimmung aus Kafkas Prozess ein: "Wir wissen heute gar nicht, was gegen uns vorliegt und wer welche Informationen über uns gespeichert hat." Genau darauf will Anonymous aufmerksam machen. Egal ob es dabei um die Wirtschaftskammer, Sony oder das Innenministerium geht. Einzig der Clou mit den Polizeidaten ist mehr in die Ecke "Lächerlichmachen des Gegners" zu verbannen. Per Definition sei die Polizei der Feind, erzählt ein Hacker der Bewegung im STANDARD-Gespräch. Dass das Ansehen von Anonymous in der Öffentlichkeit damit nicht unbedingt gestiegen ist, sei eine unangenehme Nebenerscheinung. Aber das Ziel, "über Datenschutz und Gesetzgebung zu diskutieren", werde damit erreicht. Bösartigkeit sei jedenfalls keine im Spiel gewesen.
Schlüsselroman "Daemon"
Aber so genau kann das weder der Netzaktivist noch der TU-Professor sagen. Wie viele aktive Mitglieder tatsächlich an der Bewegung teilnehmen und welche Motive jeder Einzelne von ihnen hat, liegt in den Untiefen des World Wide Web vergraben. Entstanden aus anonymen Image-Boards, ist der Name wirklich Programm. Dass einzelne Aktionen nicht den Grundbestrebungen des Kollektivs entsprechen, liegt bei einer derart losen und großen Verbindung in der Natur der Sache.
Solange das Medieninteresse besteht und Hacker öffentlich verfolgt und mit hohen Strafen belegt werden, so lange werde die Bewegung Zulauf finden von Menschen, die auf die wahrgenommene Macht- und Wirkungslosigkeit reagieren wollen, meint Purgathofer. Ähnlich den realen Protesten und Bürgerrechtsbewegungen von Israel bis zur Wall Street.
Anleitungen
Ein Schlüsselroman der Hacker-Aktivisten, so vermutet Purgathofer, könnte Daemon von Daniel Suarez sein. Der ehemalige Netzwerktechniker gibt in seinem Tech-Fiction-Roman sehr ausführliche Anleitungen, wie etwa Konzerne über gehackte Daten erpressbar gemacht werden können, um eine neue Weltordnung zu schaffen. Auch eine lange Liste mit Links über diverse Forschungsprojekte findet sich in dem Buch.
Im Kern geht es um Informationsautonomie und das Aufzeigen von Sicherheitslücken. Die traditionelle Hacker-Etikette der 1970- er Jahre sei zwar verwässert - aber "Tu es, weil du es kannst, ohne zu schädigen" gelte auch heute noch. (Julia Herrnböck, DER STANDARD Printausgabe 14 .Oktober 2011)