Winterreifen auf Schleuderkurs

14. Oktober 2011, 17:37
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Autofahrerklubs und Konsumentenschutzorganisationen testeten Winterreifen - Diesmal wurden auch Ganzjahresreifen auf Sommertauglichkeit geprüft

Es ist wieder so weit: ÖAMTC (Auto Touring) und Verein für Konsumenteninformation (Konsument) haben ihre obligaten Winterreifentests absolviert. Auch wenn die Reifen noch immer schwarz und rund sind, haben sich einige neue Erkenntnisse ergeben. Dass heuer von 37 getesteten Reifen nur einer komplett durchgefallen ist, bedeutet nicht, dass es keine schlechten Reifen mehr gibt. Dies ist eher darauf zurückzuführen, dass keine chinesischen Produkte dabei waren. Der serbische Trayal schoss sich mit schlechten Leistungen in fast allen Disziplinen aus dem Feld. Allerdings zeigt er eine sehr hohe Verschleißfestigkeit.

Von den astreinen Winterreifen schafften fast alle die Note "empfehlenswert". Das heißt, bis auf ganz wenige Ausnahmen gibt es keine wirklich schlechten Winterreifen, orientiert man sich nicht gerade an exotischen Markennamen. Eher Probleme waren noch bei Ganzjahresreifen zu erkennen.

Für diese hat man neue Testszenarien. Bisher wurden sie immer gemeinsam mit den Winterreifen getestet, so waren sie auch völlig den Kriterien der Winterreifentests untergeordnet. Nunmehr wurden zusätzlich auch die sommerlichen Schlüsseleigenschaften nach Art der Sommerreifen geprüft, schließlich beanspruchen Ganzjahresreifen ja für sich, auch sommers eine gute Wahl zu sein. Heißt im Detail: Die Tests auf trockener und nasser Fahrbahn wurden bei Sommertemperaturen zur gleichen Zeit wie die Sommerreifentest durchgeführt, jene auf Eis, Schnee, Kraftstoffverbrauch und Verschleiß zeitgleich mit den aktuellen Winterreifentests.

Das Ergebnis war ernüchternd: In der Summe all dieser Eigenschaften schaffte nur der Beste ein "empfehlenswert". Damit ist klar, der Spagat zwischen trockener heißer Fahrbahn im Sommer und kalter nasser oder verschneiter im Winter erfordert hohe Kompromisse. Vergleicht man zum Beispiel allein den Bremsweg auf trockener Fahrbahn im Sommer bei 30 Grad und im Frühjahr bei 15 Grad, so ergeben sich Unterschiede von bis zu 15 Prozent. Dass heißt, 15 Prozent mehr Bremsweg für ein und denselben Ganzjahresreifen bei Sommerhitze.

Fazit: Ganzjahresreifen sind generell nicht in der Lage, jene hohen Ansprüche zu erfüllen, wie dies bei reinen Sommer- und Winterreifen der Fall ist. Dafür sind die Zielkonflikte einfach zu groß. Mittelmäßige Anforderungen erfüllen sie aber allemal, und man erspart sich das jahreszeitgemäße Umstecken und Einlagern.

Allgemeine Erkenntnisse: Der wahre Preis eines Reifens steht nicht am Preisschild, die Abrechnung erfolgt am Ende der Laufstrecke. Manche Pneus halten doppelt so lange wie andere, kommen also mitunter deutlich billiger, auch wenn sie teurer sind. Das gilt besonders für Vielfahrer, die eine Garnitur nach zwei, drei Wintern verraucht haben. Der Unterschied im Spritverbrauch zwischen den Reifen mit bestem und schlechtestem Rollwiderstand liegt je nach Dimension zwischen vier und sechs Prozent im gesamten Testfeld, das sind zwischen 0,2 und 0,4 l / 100 km. In der Praxis sind andere Einflussgrößen wie Umgebungstemperatur oder Fahrbahnbeschaffenheit deutlich größer.

Und worauf man im Vergleichsfieber oft vergisst: Man kann messen und testen, so viel man will, wichtigste Einflussgröße für Sicherheit, Spritverbrauch und Verschleiß bleibt der Mensch hinterm Volant. Fatal kann es enden, wenn man sich zu sehr auf seine Superreifen verlässt und darob den Respektsabstand zu den Vorausfahrenden missachtet. Auch an sich lobenswerte Einrichtungen wie Antiblockiersystem und elektronische Stabilitätskontrollen sind kein Garant, sicher durch den Winter zu kommen - die Grenzen der Physik bleiben schließlich dort, wo sie immer schon waren. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Automobil/14.10.2011)

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    Ganzjahresreifen sind generell nicht in der Lage, jene hohen Ansprüche zu erfüllen.

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    grafik: öamtc
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