Lokal im 8. Bezirk

Da hinten schwimmt ein Kellner

15. Oktober 2011, 11:00
  • Artikelbild
    foto: gerhard wasserbauer

    Wirtshaus entschlackt: Das Prinz Ferdinand in der Josefstadt hat nun weniger Nippes, dafür umso bessere Küche.

  • Artikelbild
    foto: gerhard wasserbauer

    Arg beinand: der Service.

Mit Linoleum bespannte Tische, ein Art-Deco-Luster und ziemlich gutes Essen: Prinz Ferdinand ist wieder da!

Für den schönsten Gastgarten, der in dieser Stadt auf einer Verkehrsinsel eingerichtet wurde, ist es jetzt mutmaßlich zu spät im Jahreskreis. Das ist schade, aber das vor ein paar Wochen neu übernommene Gasthaus zum Prinzen Ferdinand hat auch innen einiges zu bieten.

Außerdem ist der Weg über den halben Bennoplatz, vorbei an allerhand Gebüsch bis zu den Tischen auch ein breiter, sodass er die Servicemannschaft einstweilen noch überfordern würde. Die hat nämlich genug damit zu tun, planlos herumzuirren, Bestellungen zu verschlampen und jene, die es aus der Küche schaffen, an verkehrten Tischen abzustellen. Immerhin: Es kann nur besser werden.

Außerdem gibt es, ganz echt und doch unglaublich, Tegernseer Helles in den alten Normflaschen, ein bayrisches Bier von anbetungswürdiger Güte, dass es nach Jahrhunderten gepflegter Braukultur tatsächlich zu uns geschafft hat. Wenn es endlich im Glase lacht, hat man als Gast Zeit - und Nachsicht für alle, denen es grad nicht so gut ergeht.

Gut aufgestellte Küche

Das einst mit viel Krempel zugestellte Lokal wurde von Manfred Schluderbacher (er ist auch Betreiber der Roten Bar im Volkstheater) entrümpelt, die altersschwache Schank musste ebenso wie die unschönen Tische raus - die neuen sind dafür gelungen, wie es sich für ein Traditionswirtshaus gehört mit Linoleum (echt!) bezogen und sehr einladend. Was blieb, ist die entzückende Bank, die sich der Lamperie entlangschlängelt. Abseits des Lusters kommt einem die Beleuchtung ziemlich energiesparlampenmäßig grünschummrig vor, dem Vernehmen nach soll das aber einem verunglückten Weißton der Wandfarbe geschuldet sein.

Auch egal, solang man nur rechtzeitig die nächste Flasche ordert. Und das Essen. Die Küche ist im Gegensatz zum Service gut aufgestellt, dass Una Abraham um ein paar Tipps gebeten wurde, hat auch nicht geschadet.

Jammern auf hohem Niveau

Kürbiscremesuppe wird mit Sternanis und Orange abgeschmeckt, was der unvermeidlichen Herbstfrucht ansprechende Kontur verleiht. Spinatsalat mit vollreifen Feigen und Gorgonzola ist eine verblüffend stimmige Kombination - in Verbindung mit einer Senfvinaigrette und ein paar (zum Glück nicht gerösteten!) Pinienkernen umwerfend gut. Auch das geräucherte Forellenfilet ist weniger trocken als sonst, die roten Rüben gekonnt abgeschmeckt - und dass ein Klacks wunderbarer Mayo mit auf den Teller darf, verwundert zwar, wird aber maximal die Ernährungswissenschafter unter den Gästen stören.

Die Hauptgänge sind auch gut, reichen mit Ausnahme des Zwiebelrostbratens samt erstklassigem Erdäpfelpüree aber nicht an die Klasse der Vorspeisen heran: Steinpilztascherln zwar bissfest, aber mit gar brotiger Fülle, die Milchlammkoteletts nur lauwarm (und dafür zu wenig zugeputzt serviert), das Kalbsrahmgulasch wunderbar zitronig abgeschmeckt, doch mit zu pampiger Konsistenz des Saftls. Aber das ist wohl Jammern auf hohem Niveau. (Severin Corti/Der Standard/rondo/14/10/2011)

Prinz Ferdinand
Bennoplatz 2
1080 Wien
Tel.: 01/402 94 17
täglich 11-24 Uhr
VS € 3,80-9,80 HS € 12,90-17,90


Fotos: Gerhard Wasserbauer

Emil Sacklinger
 
00
18.10.2011, 08:04
werd' mir zur verstärkung der servicemannschaft

eine kellnerkluft beim kostümverleih holen - um dann mit kleinen devoten verbeugungen, submissesten kratzfüßen und schleimigen "habe-die-ehre, herr direktor" die gunst der gäste im sturm zu erobern.

(wär' doch gelacht, wenn auf diese simple weise nicht eine üppige schmattesquelle erschlossen werden könnt')

Voll in die Kaldaunen!
00
17.10.2011, 21:48
...Linoleum (echt!)...

Linoleum war damals ungefähr so beliebt wie heute ein Laminat-Boden, weil's die Geiz-ist-geil!-Variante war. Echt a Wahnsinn ...

Emil Sacklinger
 
01
17.10.2011, 13:57
das franz ferdinand hat das zeug, mein stammlokal zu werden

einrichtungsmäßig genau mein geschmack - direkt am puls der zwischenkriegszeit schmausen, eine grandiose zeitreise in die erste hälfte des vergangenen jahrhunderts.

(und das unbedarfte personal gibt anscheinend tag für tag sein allerbestes, dass sich der betropetzte gast - gänzlich trinkgeldfrei - gigantisch empören kann, bis die zornesadern platzen - eine wahre freud)

meresi
00
15.10.2011, 12:28
ja ja das ...

service...heutzutage glaubt jeder blödel ein gutes trinkgeld verdienen zu können wenn er wie ein kellner aussieht...lol...aber trinkgeld gibt es nur für solche die das handwerk verstehen, unauffällig aber effizient...ein 180 grad blick und nicht stur in den boden schauen...

Rene Stangeler
30
15.10.2011, 14:41
Tja, leider

Ausser in der gehobenen Gastronomie bzw in Restaurants von Spitzenhotels gibts halt nur mehr Dilletanten welche sich als Kellner/in verdingen. Entsprechend das Ergebnis. Null Überblick über seine Tische, kein Verkaufsgespräch/keine Beratung der Gäste, kein aktives Verkaufen (ein guter Kellner bringt seinem Arbeitgeber mindestens einen Umsatzzuwachs von 10%).Dazu zittriger Service, mit 2 Tellern schon überfordert, von 3 oder gar 4 schwungvoll herangetragenen Tellern oder gar Tabletts mit 10 Tellern (mit einer Hand halten auf der Schulter liegend getragen) ganz zu schweigen
Ein guter gelernter Kellner bringt soviel wie zwei ("ich model nebenbei) Nichtskönner. Leider sind die meisten Wirten (da auch nicht vom Fach) nicht fähig das zu erkennen

Ponticus
06
16.10.2011, 14:44

Die Firmen zahlen nur an Schas, also bekommen eben solchigen als Gegenleistung.

Rene Stangeler
00
17.10.2011, 17:34
Ein guter Kellner/in

ersetzt locker 2 bis 3 Nichtskönner und bringt sogar noch mehr Umsatz.
Somit auch locker vom Gaststättenbetreiber mit höherem Lohn zu beschäftigen.
Dass eine ungelernte Servierkraft einen "Schas" verdient ist ja nachvollziehbar. Ungelernte Arbeitskräfte verdienen nun mal wenig, in allen Branchen. Fachkräfte sind, wie in fast allen Branchen, gesucht und verdienen auch entsprechend.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.