"Lohnerhöhung bei unteren Einkommen geht in Konsum"

Interview13. Oktober 2011, 19:28
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Bei den Metallern brauche es einen differenzierten Abschluss, so Wirtschaftsforscher Thomas Leoni

Standard: Ist das Angebot der Arbeitgeber so schlecht, dass man dagegen gleich protestieren und einen Warnstreik abhalten muss?

Leoni: Recht von Unrecht zu unterscheiden, ist hier grundsätzlich schwierig. Es hängt letztlich vom Standpunkt ab. Wenn die Gewerkschaft eine nachhaltige Lohnerhöhung und Reallohnsteigerung anstrebt, dann ist nachvollziehbar, dass sie ihrer Position Nachdruck verleihen. Andererseits ist es auch seitens der Arbeitgeber legitim zu sagen, wir wissen nicht, wie nächstes Jahr wird und weil die Konjunkturprognosen negativ sind, bevorzugen wir Einmalzahlungen.

Standard: Gibt es aus der Sicht eines Ökonomen einen Ausweg aus so einer Pattsituation?

Leoni: Man könnte flexiblere Komponenten verhandeln und im neuen Kollektivvertrag festlegen. Zum Beispiel könnte man eine gewinnabhängige Zahlung vereinbaren und auszahlen, von der nächstes Jahr bei guter Konjunkturlage ein Teil gegebenenfalls rückwirkend in eine bleibende Lohnkomponente umgerechnet und integriert wird. In dem Fall könnte die Einmalzahlung vielleicht sogar etwas höher ausfallen. Wir wissen ja nicht, was in der Zukunft passieren und wie die Wirtschaftsentwicklung verlaufen wird. Wir haben ja nur Erwartungen und Prognosen. Im Zuge einer nachträglichen Überprüfung zu einem vereinbarten Stichtag X könnte das eine oder andere Zehntelprozentpunkt quasi nachträglich legalisiert werden.

Standard: Was halten Sie vom Vorschlag von Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP), Einmalzahlungen steuerlich zu begünstigen, damit netto mehr bleibt?

Leoni: Da wäre ich sehr vorsichtig. Unser Steuersystem ist bereits sehr komplex und bräuchte eine Vereinfachung. Außerdem wäre eine steuerliche Begünstigung natürlich eine teilweise Subventionierung von Löhnen und Gehältern aus einem bestimmten Anlass und es fragt sich, wer als nächstes für eine bestimmte Zahlung eine Begünstigung verlangt. Diese Entwicklung wäre aus volkswirtschaftlicher Sicht schon zu hinterfragen.

Standard: Ist der private Konsum wirklich so wichtig für die Konjunkturentwicklung. Der geht doch großteils in den Import. Viel wichtiger sind doch die Investitionen?

Leoni: Ich rate davon ab, die beiden Positionen gegenzurechnen. Der Importgehalt von Investitionen ist noch höher. Und wenn Exporte nachlassen, und Unternehmer aus Unsicherheit nicht investieren, ist Konsum die beste Chance eine sinkende Gesamtnachfrage abzufedern, also eine echte Größe. Aber es stimmt schon, dass Österreich sehr stark importiert und deshalb volkswirtschaftlich weniger von der Binnennachfrage profitiert als Deutschland.

Standard: Dann ist sie also egal oder nicht so wichtig?

Leoni: Eine Lohnerhöhung bei unteren Einkommensgruppen geht fast zur Gänze in den Konsum und wirkt konjunkturstimulierend.

Standard: Im Gegensatz zu den Besserverdienern, die das frische Geld aufs Sparbuch legen und so die Sparquote erhöhen?

Leoni: Deshalb wäre ein differenzierter Abschluss, bei den die Mindestlöhne stärker angehoben werden, sehr sinnvoll. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 14.10.2011)

THOMAS LEONI (36) studierte in Bologna, Washington und Wien. Der Wirtschaftsforscher betreut im Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo die Forschungsbereiche Arbeitsmarkt, Einkommen und Soziale Sicherheit.

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