Drahtlose Fahrradbremse zu 99,999999999997 Prozent zuverlässig

16. Oktober 2011, 19:13
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Technik bringt Rad nach 250 Millisekunden zum Bremsen, was bei 30 Kilometer pro Stunde einem Reaktionsweg von zwei Metern entspricht

Informatiker an der Universität des Saarlandes in Deutschland haben eine drahtlose Fahrradbremse entwickelt, die auf Händedruck am rechten Griff reagiert. Den Praxistest absolvierte die Bremse an einem sogenannten Cruiser Bike. Darüber hinaus bewiesen die Techniker die Zuverlässigkeit des Bremssystems mit mathematischen Methoden, die auch bei Steuersystemen von Flugzeugen oder chemischen Fabriken zum Einsatz kommen.

Das "Cruiser Bike" ähnelt eher einem Easy-Rider-Motorrad ohne Motorblock als einem herkömmlichen Fahrrad. Doch gerade an der gradlinigen, langgestreckten Fahrradgabel fällt besonders gut auf, was das neu entwickelte Bremssystem so besonders macht: Weder schlängelt sich ein Bremskabel den Lenker hinunter, noch steht ein Bremsgriff für die Vorderbremse vom Lenker ab.

Die drahtlose Fahrradbremse stellt für die Forscher jedoch weitaus mehr als nur eine akademische Spielerei dar. "Drahtlose Netze funktionieren nie hundertprozentig, das ist technologisch bedingt", erklärt Holger Hermanns, der an der Saar-Uni den Lehrstuhl für Verlässliche Systeme und Software leitet und zusammen mit seiner Gruppe die drahtlose Fahrradbremse entwickelte. Dennoch gehe man zunehmend dazu über, Systeme drahtlos zu realisieren, die, wie eine einfache Fahrradbremse, immer funktionieren müssen.

"Konkrete Pläne existieren zum Beispiel für den künftigen Europäischen Zugverkehr", berichtet Hermanns und führt weiter aus, dass Experimente mit Zügen und Flugzeugen viel zu aufwändig seien und bei Fehlfunktion sogar Menschen gefährden könnten. Stattdessen sollen von den Saar-Informatikern entwickelte mathematische Methoden das Zusammenspiel der Komponenten automatisch überprüfen. "Die drahtlose Fahrradbremse bietet uns die notwendige Spielwiese, um diese Methoden für den Einsatz in weitaus komplexeren Systemen zu optimieren", so Hermanns.

Zu 99,999999999997 Prozent zuverlässig

Daher untersuchte seine Forschergruppe den Brems-Prototypen mit Rechenverfahren, die sonst bei Steuersystemen von Flugzeugen oder chemischen Fabriken zum Einsatz kommen. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Bremse zu 99,999999999997 Prozent zuverlässig sei. "Das bedeutet, dass drei aus einer Billiarde Bremsversuchen fehlschlagen", erklärt Hermanns und fügt hinzu: "Das ist nicht perfekt, aber dennoch akzeptabel."

Um zu bremsen, muss der Fahrradfahrer lediglich den rechten Gummigriff am Lenker fest umgreifen. Je stärker er greift, desto stärker bremst, wie von Geisterhand, die Scheibenbremse im Vorderrad. Möglich macht dies ein Zusammenspiel von mehreren Komponenten. Im schwarzen Gummigriff ist ein Drucksensor integriert, der ab einem bestimmten Druck einen kleinen Sender aktiviert. Dieser sitzt in einem blauen Kunststoffkästchen von der Größe einer Zigarettenschachtel, das ebenfalls an der Lenkstange befestigt ist. Seine Funksignale gehen unter anderem an einen Empfänger am Ende der Radgabel. Dieser wiederum gibt das Signal an einen "Aktuator" weiter, der es in eine mechanische Bewegung umsetzt, die letztendlich die Scheibenbremse greifen lässt.

Um die Ausfallssicherheit zu erhöhen, befinden sich in den Speichen des Hinterrades und an der Gabel des Vorderrades jeweils ein weiterer Sender. Sie fungieren als sogenannte Replikatoren, indem sie das Senden des Bremssignals wiederholen. Auf diese Weise soll sichergestellt sein, dass die entscheidende Funknachricht auch dann noch rechtzeitig ankommt, wenn die anderen Funkverbindungen zu langsam sind oder gar ganz ausfallen. Die Saar-Informatiker haben unter anderen herausgefunden, dass noch mehr Replikatoren nicht unbedingt noch mehr Sicherheit bieten. "Wenn es schlecht konfiguriert ist, können es auch ganz schnell drei aus fünf Bremsversuchen sein, die schiefgehen", so Hermanns.

Reaktionsweg von zwei Metern

Mit der aktuellen Ausstattung schafft es das Cruiser Bike spätestens nach 250 Millisekunden zu bremsen, was bei einer Geschwindigkeit von 30 Kilometer pro Stunde einem Reaktionsweg von zwei Metern entspricht. Dabei wollen es die Forscher jedoch nicht belassen. "Es ist jetzt nicht mehr schwer, ein Antiblockiersystem und Antischlupfregelung zu integrieren. Das ist schnell gemacht." Nach ersten Gesprächen mit namhaften Herstellern sucht Hermanns bereits ein Ingenieursbüro, das die drahtlose Fahrradbremse umsetzt. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden von der weltweiten Ingenieursorganisation IEEE publiziert. (red)

  • Holger Hermanns, Leiter des Lehrstuhls für Verlässliche Systeme und Software, mit dem Cruiser Bike, das mit einem drahtlosen Bremssystem ausgestattet wurde.
    foto: angelika klein/universität des saarlandes

    Holger Hermanns, Leiter des Lehrstuhls für Verlässliche Systeme und Software, mit dem Cruiser Bike, das mit einem drahtlosen Bremssystem ausgestattet wurde.

  • Noch sieht die drahtlose Bremse etwas klobig aus, in der Serienversion - so eine solche Zustande kommt - wird sie wohl noch schlanker werden.
    foto: angelika klein/universität des saarlandes

    Noch sieht die drahtlose Bremse etwas klobig aus, in der Serienversion - so eine solche Zustande kommt - wird sie wohl noch schlanker werden.

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