Das Verrückte, das bleibt
"Die Menschen, die verrückt genug sind, zu glauben, dass sie die Welt ändern können, sind auch diejenigen, denen dies gelingt." Es war nur ein Werbespot, mit dem Apple mit dem Slogan "Think different" ohne jeden Bezug auf seine Produkte den Großen des 20. Jahrhunderts Tribut zollte: Menschen wie Gandhi, Picasso, Einstein oder die Callas.
Lächerlich
Aber es war auch das Programm, mit dem Steve Jobs 1997 an die Spitze der Firma zurückkehrte, die er 20 Jahre davor mit Steve Wozniak gegründet hatte. Die Annahme, dass er den Konzern vor der drohenden Pleite bewahren konnte, war mutig: Der Pionier, der mit Maus und Macintosh den Weg vorgegeben hatte, wie alle Computer eines Tages zu benutzen seien, war nur noch eine Randexistenz. Zu hoffen, Jobs könnte Apple wieder zu Größe führen, war lächerlich. Und gar zu glauben, Apple könnte der einflussreichste Wegbereiter digitaler Lebensart werden, war einfach verrückt.
Perfektion von Hard- und Software
Dabei scheint im Rückblick klar, dass es mit einer Neuauflage des Mac als iMac, besseren Notebooks und einer sanierten Firma für einen Verrückten wie Jobs nicht genug sein konnte. Ende der 90er-Jahre war der PC längst erfunden, im Wesentlichen ging es "nur" noch um die Perfektion von Hard- und Software.
Arroganz
Jobs hatte hingegen den Blick dafür, wie sich unsere Alltagskultur durch die Digitalisierung aller Lebensbereiche radikal wandelte. Für diese Transformation nicht nur die Werkzeuge, sondern auch den Lebensstil zu schaffen: Das war sein Weitblick und seine Anmaßung, die ihm manche als Arroganz auslegten.
Tempo
iPod, iTunes Store, Apple-TV, iPhone, iPad, iCloud. Vielleicht war es seine für Jobs unüberhörbar laut tickende Lebensuhr, die das atemberaubende Tempo vorgab. In seiner berühmten Stanford-Rede 2005 sagte er, dass er schon als Teenager von dem Satz berührt worden sei, er möge jeden Tag so nutzen, als sei es sein letzter. Carpe diem: Aus der Philosophie wurde 2004 mit der Krebsdiagnose unausweichliche Realität.
Während andere "Nerds" Code schrieben, besuchte er ein Kalligrafie-Seminar
Dabei war Jobs selten der Erfinder, sondern der Zivilisierer von Technik, die bis dahin nur einer schmalen technischen Elite zugänglich war. Während andere "Nerds" Code schrieben, besuchte er ein Kalligrafie-Seminar, dafür bescherte er uns einen Computer, der der Schrift und der Symbole mächtig war.
Dieser Zugang erboste auch viele derer, die das Neuland der Technologie vermeintlich zuerst besiedelt hatten. "Nichts Neues" war und ist eine oft an Apple-Produkten geübte Kritik.
"the rest of us"
Aber das Neue war: vorauszusehen, was möglich ist, und dafür das Design finden, das es "the rest of us" (Slogan des ersten Macintosh) ermöglicht, diese Technik zu verwenden. Mehr noch: als eine Erweiterung unserer persönlichen Fähigkeiten zu lieben.
Jobs hat die Realität unseres digitalen Lebens tatsächlich geändert
"Reality distortion field" wurde Jobs Fähigkeit genannt, Menschen für eine Idee zu begeistern, die noch keiner so richtig sah. Gemeint war: Sobald man sich nur aus dem Bann des Magiers löste, würde man schon sehen, wie verrückt die Idee war. Aber was nach dem Abgang des Sehers bleibt, ist keine Illusion: Jobs hat die Realität unseres digitalen Lebens tatsächlich geändert. (helmut.spudich@derStandard.at PERSONAL TOOLS HELMUT SPUDICH, DER STANDARD Printausgabe 14. Oktober 2010)