Karenzjahre reißen tiefe Kluft auf

13. Oktober 2011, 18:16
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Eine Hürde für den Lohnabschluss im Handel bilden die Interessen der Frauen - Die Gewerkschaft fordert die volle Anrechnung der Karenz für die Berufsjahre

Sie mache sich nichts vor, sagt Johanna. Mit jedem weiteren Jahr Karenz steige für sie das Risiko, ihren Job zu verlieren. Sie wolle ein drittes Kind und sei daher mit Unterbrechungen insgesamt drei Jahre daheim bei ihrer Familie. Die 33-jährige Buchhändlerin ist überzeugt, sich danach eine neue Stelle suchen zu müssen.

Dass sie ihre Karenz nur bedingt als Berufsjahre anrechnen könne, empfindet die Steirerin als Diskriminierung. "und daran ändern die neuen Online-Lohnrechner herzlich wenig. Entweder eine Gesellschaft will Kinder oder eben nicht - wenn ja, dann gehören die Frauen entsprechend unterstützt". Die Arbeit im Handel suche man sich in strukturschwächeren Regionen im Übrigen nicht aus. "Man muss das nehmen, was man bekommt."

Am kommenden Mittwoch starten die Gehaltsverhandlungen für gut 450.000 Beschäftigte im Handel. Kein anderer Kollektivvertrag in Österreich umfasst mehr MitarbeiterInnen, kein anderer mehr Frauen. Und es sind vor allem ihre Interessen, um die heuer gerungen wird. Die Forderung der Gewerkschaft: Karenzjahre müssen zur Gänze als geleistete Berufszeit angerechnet werden - für Kindererziehung wie für Hospiz. Derzeit lassen sich dafür maximal zehn Monate geltend machen. Das sei einer der wesentlichsten Gründe für die breite Gehaltskluft zwischen Männern und Frauen, ist sich Franz Georg Brantner, Chefverhandler auf Seite der Arbeitnehmer, sicher.

Die klare Absage der Händler erfolgt schon im Vorfeld: Was hier auf den Verhandlungstisch komme, sei unfinanzierbar und kontraproduktiv, sagt Fritz Aichinger, der für die Arbeitgeber in den Ring steigt. Er sieht in der stärkeren Anrechnung der Karenz Neuland wie massive Einschnitte für die Betriebe. Damit gerade in einer Branche mit hohem Frauenanteil zu beginnen, das gehe einfach nicht. "Gerade wegen des hohen Frauenanteils fangen wie hier an", kontert Brantner. Frauen fielen während der Karenz um entscheidende Gehaltssprünge um. Das betreffe monatliche Einkommen wie Urlaubsansprüche. "Das lässt sich jedoch nicht auf Ebene der Kollektivverträge regeln", sagt Rene Tritscher, Geschäftsführer der Sparte Handel. Auch Sonderlohnrunden für Frauen stünden nicht zur Debatte.

Eine vollständige Anrechnung der Karenzzeiten bringe nicht nur Gewinner hervor, sagt Helmut Hofer, Experte des Instituts für Höhere Studien. Das alles gehöre finanziert, könne Jobs gefährden und es für Betriebe unattraktiv machen, Frauen anzustellen. Der Mindestlohn im Handel beträgt 1300 Euro brutto. In den Filialen arbeiten 70 Prozent der MitarbeiterInnen Teilzeit.

Dass der Spielraum für höhere Gehälter stark begrenzt sei, ist für Aichinger unbestritten. Ein Drittel der Unternehmen mache Verluste und sei buchmäßig überschuldet. Ihre Umsatzrentabilität liege mit durchschnittlich 2,4 Prozent unter jener der Gesamtwirtschaft. Aichinger bezweifelt, ob die Branche angesichts des schwächeren Konsums heuer unter dem Strich mit einem ausgeglichenen Ergebnis aussteige. "Und 2012 müssen wir uns noch wärmer anziehen".

Brantner hält Studien der KMU Forschung Austria jene der Arbeiterkammer entgegen. Diese besagen: "Der Handel ist gut durch die Krise gekommen, und es geht ihm auch jetzt nicht schlecht. Es gibt also genug zu verteilen." (Verena Kainrath, DER STANDARD/Printausgabe 14. Oktober 2011)

  • Das Tauziehen um die Gehälter von 450.000 Beschäftigten im Handel beginnt.
    foto: andy urban

    Das Tauziehen um die Gehälter von 450.000 Beschäftigten im Handel beginnt.

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