Die Zukunft der Sammlung Leopold II ist ungewiss: Im Leopold-Museum selbst hofft man auf ein Happy End unter einem Dach. Nun präsentiert man aus dieser Kollektion eine Auswahl von Gegenwartskunst seit 1945 unter dem Titel "The Excitement Continues"
Wien - "Du hast die Wahl. Du kannst dir Sorgen machen, bis du davon tot
umfällst. Oder du kannst es vorziehen, das bisschen Ungewissheit zu
genießen", sagte einst US-Schriftsteller Norman Mailer. Eine kluge
Lebensweisheit. Im Leopold-Museum scheint es jedoch nicht gerade so, als
würde die Ungewissheit darüber, was aus der Sammlung Leopold II" wird,
genossen werden. Die private Sammlung des verstorbenen Museumspatrons
Rudolf Leopold soll unter die Haube; am allerliebsten unter jene, unter
der man bereits jetzt rund ein Drittel davon "verwaltet": unter die
Marke Leopold-Museum.
Damit die leopoldinische Lebenssammlung beieinander bleiben kann, also
wichtige Stücke als Dauerleihgabe im Haus verbleiben können, müssten
aber einige Bedingungen vom Bund erfüllt werden, hält Diethard Leopold
bei einer Pressekonferenz am Donnerstag fest: "Sonst bekomme ich
Magengeschwüre." Eine der beiden anderen magenfreundlichen Lösungen -
eine Entscheidung falle im Winter - ist jene, dass die Sammlung im
Familienbesitz bleibt. Das dritte Szenario sieht einen Museumsneubau in
Niederösterreich vor, eventuell betreut von der Kremser
Donauuniversität. "Es wurde da von außen Interesse bekundet", hält
Leopold es sehr offen. Er könne weder bestätigen noch dementieren.
Keine Illusionen mehr
Man gebe sich nicht der Illusion hin, dass der Bund einen weiteren
Ankauf finanzieren kann, ergänzt Geschäftsführer Peter Weinhäupl, "diese
Zeiten sind vorbei - leider". Dennoch könne man ihn nicht aus der
Verantwortung entlassen. Warum ist der Bund überhaupt für eine
Privatsammlung verantwortlich? Es wäre "verantwortungslos", eine so
wichtige Sammlung ziehen zu lassen.
Die gewichtige Sammlung Leopold II ist 6000 Objekte schwer und wird
gerade erfasst - und zwar im Leopold-Museum. "Kann sein, dass die eine
oder andere Registrarin in der Woche ein wenig länger da ist", gesteht
Weinhäupl. "Wir betreuen das aber mit großer Freude." Und: Das falle
nicht so ins Gewicht, maximal 0,25 Personalstellen mehr, die Synergien
zwischen der musealen und privaten Sammlung könne man nicht benennen.
Man habe für Sonderausstellungen eben manchmal ein Werk der privaten
Sammlung gebraucht, und das blieb dann da.
Das "Kulturgut ersten Ranges" umfasst sowohl gotische als auch
volkskundliche Kunst, die für das Leopold-Museum mit seinem Schwerpunkt
zur österreichischen Moderne wohl weniger relevant sind. Rund ein
Fünftel davon sind Werke, die nach 1980 entstanden sind. Und es gäbe
Potential zur Bereinigung, räumt Diethard Leopold ein. Einiges aus dem
Konvolut von Otto-Mühl-Werken hätte sein Vater sicher für den
Wiederverkauf erworben.
Bereinigen müsste man auch in der aktuellen Präsentation. The Excitement Continues zeigt zeitgenössische Stücke jener Kollektion, in der Rudolf
Leopold dem Credo "Was mich erregt, sammle ich" folgte. Und das war
vielerlei. Denn in der fortgesetzten Erregung findet sich ein buntes,
140 Arbeiten umfassendes Potpourri aus Phantastischem Realismus,
Informel, Pop-Art, Wiener Aktionismus, Neuen Wilden und Neuer Figuration
- gerade in letzterem Bereich ist vieles eher mau.
Für die Präsentation nahm man sich die Freiheit, ästhetischen Kriterien
gegenüber kunsthistorischen Aspekten, etwa Ähnlichkeit von Form und
Farbe, den Vorzug zu geben. Ein allzu intuitiver Zugang, der vereinzelt
reizvolle Begegnungen birgt: wie etwa den Kontrast zwischen dem lasziv
herabgerutschten Nachthemd in Robert Munteans Rückenakt und dem an
Leichentüchern gemahnenden Textilien, die Valentin Oman auf Leinwand
aufbrachte.
Stimmig ist die Ausstellungsarchitektur von Laurids Ortner. Mit im
Warentransport erprobten Europaletten fand er das perfekte Material für
eine "Sammlung in Schwebe". Der Geruch des rohen Holzes verströmt im
Raum eine Sinnlichkeit, von der so manches Werk profitiert. (Anne Katrin Feßler / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)