Woher die Wahhabiten kommen

Analyse13. Oktober 2011, 17:50
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Das „King Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud International Center for Interreligious and Intercultural Dialogue" in Wien ist wegen seines Namensgebers und Sponsors in Verruf, bevor es überhaupt existiert oder gar operativ ist. Die Kritik richtet sich jedoch nicht so sehr oder nicht nur gegen den saudi-arabischen König - dessen Person man durchaus differenziert sehen kann (siehe meine letzte Analyse) - als gegen den in Saudi-Arabien praktizierten Islam, der zugleich Staatsdoktrin ist.

Der wahhabitische Islam ist zum Inbegriff der islamischen Strenge geworden - und aus Saudi-Arabien kommende Nachrichten beziehen sich sehr oft darauf: Hinrichtungen, Körperstrafen, das Chauffierverbot für Frauen, das Fehlen jeglicher Religionsfreiheit etc. Dazu kommt, dass Saudi-Arabien seine Islamauffassung über Jahrzehnte hindurch unter dem Einsatz immenser finanzieller Mittel in der islamischen Welt zu verbreiten versucht hat und dass die Welt seit spätestens 9/11 mit den noch radikaleren Abspaltungen dieses saudiarabischen Staatsislam direkt konfrontiert ist: Osama Bin Laden ist bekanntlich ein saudiarabischer Dissident, er ist mit dem wahhabitischen Islam groß geworden, dessen radikalste Auslegung er sich zu eigen gemacht hat, in die sich noch Elemente anderer jihadistischer salafitischer Strömungen und extremer Ausläufer der Ideologie der ägyptischen Muslimbrüder mischten. Die Furcht vor dem wahhabitischen Islam kommt also nicht von ungefähr.

Der Begriff „wahhabitisch" ist eine Fremdbezeichnung - obwohl es Hinweise darauf gibt, dass sich neuerdings in der Diaspora manche dieser Islamauslegung folgende Muslime selbst so bezeichnen (konkret wurde mir ein Fall aus dem österreichischen Bundesheer berichtet). „Wahhabiten" würden sich selbst am ehesten „Muwahhidun" nennen, Bekenner des „tawhid", des Glauben an die Einheit Gottes - im Gegensatz zu allem, was diese Einheit in Frage stellt. Das ist deshalb so wichtig, weil sich vieles aus dieser - respektlos gesprochen - monotheistischen Obsession erklären lässt: zum Beispiel die Ablehnung der Schia, die mit ihren Imamen für einen Muwahhid (das ist der Singular von Muwahhidun) in gefährlicher polytheistischer Nähe steht, aber auch alle Formen des Volksislam, in denen etwa Heilige verehrt werden. Das führte mit dem Aufkommen des Wahhabismus in Saudi-Arabien zu einem - metaphorisch gesprochen - Bildersturm gegen alles, was nicht „urislamisch" war und vom reinen Islam ablenken konnte. Dass dieser Purifizierung auch kulturhistorisch Unersetzliches aus der islamischen Geschichte zum Opfer gefallen ist, gerade in Mekka und Medina, versteht sich - leider - von selbst.

Gründer und Namensgeber der Bewegung war Muhammad Ibn Abdulwahhab (geboren 1703, gestorben 1792) in Uyayna im Landesinneren der arabischen Halbinsel, in der Provinz Najd. Er studierte in Basra und anderswo und hatte, wieder in seinen Heimatort zurückgekehrt, einigen Erfolg als Prediger seiner puristischen Lehre - so konnte er den lokalen Gemeindeführer davon überzeugen, dass man das Grabmal eines Prophetengefährten zerstören müsse, das in der Stadt verehrt wurde. Aber es gab auch Opposition gegen seine strengen Lehren, und so musste er die Stadt verlassen.

1740 fand er Zuflucht bei Muhammad Ibn Saud in Diriya in der heutigen Hauptstadt Riad - also bereits bei der Familie, aus der die spätere Königsfamilie Saudi-Arabiens hervorgehen sollte. Um 1900 beginnt ein Nachfahre dieses Ibn Saud, Abdulaziz Al Saud (auch Ibn Saud genannt), die Provinzen auf der Halbinsel zu vereinen - dazu muss er aus dem Hijaz die Haschemiten hinaus werfen, die später Könige in Damaskus bzw. Bagdad und (bis heute) in Amman werden. 1932 wird der Staat Saudi-Arabien gegründet.

Der heutige 87-jährige König Abdullah ist, wie die Könige vor ihm, ein Sohn des Staatsgründers Abdulaziz, der 1953 starb. Noch stehen Abdulaziz-Söhne in der Thronfolgerlinie, aber ein Generationswechsel zeichnet sich natürlich ab. In Zukunft wird sich ein von Abdullah ins Leben gerufenes Gremium, eine Art Familienrat, mit der Nachfolge befassen. Zu glauben, dass mit den Jüngeren automatische Liberale an die Macht kommen werden, wäre jedoch verfehlt. Auch Abdullahs aus heutiger Sicht wahrscheinlicher Nachfolger - nicht der Kronprinz, dessen prekäre Gesundheit ihm nicht erlauben dürfte, das Amt anzutreten, sondern der Innenminister und zweite Vizepremier Prinz Nayef - ist strenger und konservativer als der König selbst.

Die Nachkommen von Muhammad Ibn Abdulwahhab bilden übrigens das Al al-Sheikh, das Haus al-Sheikh, das auch heute noch stark im hohen religiösen Establishment vertreten ist - zum Beispiel stammt der jetzige Großmufti von Saudi-Arabien, Sheikh Abdulaziz, aus der Familie. Wenn man einige seiner Aussagen hört, dann neigt man zur Ansicht, dass er mit den religiösen Dialogplänen seines Königs keine so große Freude haben kann...

Da das Wort weiter oben vorgekommen ist, noch ein paar Anmerkungen zu „salafitisch". Unter den „Salaf" sind die ersten Generationen des Islam, die rechtgläubigen, frommen Vorfahren zu verstehen, die nach Meinung der Salafiten den reinen Islam noch lebten, zu dem es zurückzukehren gilt. Als Gedankenschule ist die Salafiya alt, der Theologe Ibn Taymiya (gestorben 1328) etwa erwähnt sie als die „einzig wahre". Salafitische Gruppen bildeten sich jedoch auch besonders Ende des 19. Jahrhunderts als Antwort auf die Herausforderungen auf die Moderne. Die Frage „Warum ist die arabische Welt (technologisch etc.) zurückgeblieben?" wurde von den Salafiten mit „Weil wir den wahren, puren Islam vergessen haben" beantwortet.

Aber wie gesagt, Salafiten im Sinn der Besinnung auf eine (natürlich konstruierte) Authentizität gibt es schon früher. In den Medien wird der Begriff Wahhabiten und Salafiten - die identische Anliegen haben - oft synonym verwendet, was historisch aber natürlich nicht stimmt. Man könnte es - vereinfacht - so formulieren: Jeder Wahhabit ist ein Salafit, aber nicht jeder Salafit ist ein Wahhabit, denn es gibt etliche salafitische Strömungen, die sich nicht auf Ibn Abdulwahhab beziehen. Er wird aber von allen Salafiten als großer islamischer Gelehrter respektiert. (Gudrun Harrer, derStandard.at, 13.10.2011)

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    Studenten in Saudi-Arabien kommen dem Aufruf König Abdullahs zu Gebeten nach. (Bild aus dem April 2010.)

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