1:0 für den Ungehorsam

Kommentar |

Auf den ersten Blick scheint nicht viel vom großen "Aufruf zum Ungehorsam" geblieben zu sein - Es lohnt sich ein zweiter Blick

Auf den ersten Blick ist man geneigt, an ein Zitat des römischen Dichters Horaz zu denken: "Parturient montes, nascetur ridiculus mus - Es kreißen die Berge, zur Welt kommt nur ein lächerliches Mäuschen". Viel scheint nämlich nicht vom großen "Aufruf zum Ungehorsam" geblieben zu sein. Im August waren die Fronten zwischen Kardinal Christoph Schönborn und Helmut Schüller verhärtet, ernste Konsequenzen für die aufmüpfigen Pfarrer standen im Raum. Zwei Monate später lichten sich jetzt plötzlich die Weihrauchnebel. Die Basisreformer bekunden ihre Loyalität gegenüber der Amtskirche, Schönborn verspricht, die Anliegen der Pfarrerinitiative mit in die Bischofskonferenz zu nehmen. Der Friede sei mit euch - und ab sofort bitte wieder mehr Gehorsam.

Doch es lohnt ein zweiter Blick. Letztlich verbirgt sich nämlich hinter der - augenscheinlich typisch österreichischen - Kirchenlösung eine kleine Sensation, die wohl auch weltkirchlich Beachtung finden wird. Erstmals ist mit Helmut Schüller eine ganze Reihe an Priestern aufgestanden und hat sich öffentlich dazu bekannt, nicht streng nach Kirchenrecht zu leben. Und in der Chefetage hat man das jetzt im Austausch gegen eine Loyalitätsbekundung ohne weitere Konsequenzen hingenommen. Was verwundert, denn Offenheit wurde bislang von den Bischöfen gestraft, nur die heimliche Sünde toleriert. Der Punkt geht also klar an die Pfarrerinitiative. (DER STANDARD; Printausgabe, 14.10.2011)

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