Neue Forschungsplattform für "Cognitive Sciences" an der Uni Wien
Wien - Was unterscheidet einen Schatten von einem Loch? Aus Sicht der Kognitionsforschung ist diese Frage durchaus komplexer als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Eine Antwort darauf, wie das menschliche Gehirn diese Unterscheidung trifft, wollen Kognitionswissenschafter nun auch in der Kunst finden. "Künstler verstanden Wahrnehmung viel früher als Wissenschafter das
taten", erklärte Patrick Cavanagh, der an der Harvard University das Vision
Sciences Laboratory leitet.
Maler und Zeichner hätten erstaunliche Probleme gelöst, wie man etwa mit einfachen Mittel einen
Schatten darstellt oder noch schwieriger, die reflektierende Oberfläche eines
Spiegels. Aus diesem Grund nutzen die Kognitionsforscher Kunst, um zentrale
Funktionen unseres Gehirns wie Wahrnehmung zu verstehen.
Kritische Masse an
Kognitionswissenschaftern in Wien
Mit Beginn dieses Jahres hat an der Universität Wien die Forschungsplattform
"Cognitive Sciences" zur Erforschung des menschlichen Wahrnehmungs- und
Denkapparats ihre Arbeit aufgenommen. Rund 40 Wissenschafter verschiedenster
Fachgebiete - von der Kunstgeschichte über die Psychologie bis zur
Kognitionsbiologie - arbeiten im Rahmen dieser Plattform interdisziplinär an
verschiedensten Projekten. Beteiligt sind nicht nur Wissenschafter von neun
Fakultäten der Uni Wien, sondern auch Forscher der Medizinischen Universität
Wien, der Akademie der Wissenschaften oder außeruniversitärer
Forschungseinrichtungen. "Es geht darum, eine kritische Masse an
Kognitionswissenschaftern aus den verschiedensten Bereichen zu erreichen",
erklärte der Vorstand des Instituts für Psychologische Grundlagenforschung und
stellvertretende Leiter der Plattform, Helmut Leder.
Der Öffentlichkeit will sich die Forschungsplattform jährlich im Rahmen der
Gombrich-Lecture präsentieren, benannt nach dem britischen Kunsthistoriker mit
österreichischen Wurzeln, Sir Ernst Gombrich. Am Donnerstag sprach Patrick
Cavanagh, der neben Harvard auch an der Universite Paris Descartes und am
Dartmouth College arbeitet, zum Thema "Der Künstler als Neurowissenschafter".
Cavanagh geht von der Beobachtung aus, dass Brüche von physikalischen
Gesetzmäßigkeiten in der bildenden Kunst, wie verzerrte Schatten oder unmögliche
Lichtverhältnisse oft unbemerkt am Betrachter vorbeigehen, nicht als störend
empfunden werden oder als realitätsfern auffallen. Der Wissenschafter
argumentiert das mit den vielfältigen Vereinfachungen, die unser Gehirn
einsetzt, um visuelle Darstellungen schnell und effizient verarbeiten zu können.
Simpler Algorithmus
Künstler hätten schon früh verstanden, solche "Tricks, Abkürzungen und
Vereinfachungen" für ihre Bilder zu nutzen. Ein Spiegel in einem Bild müsse
nicht akkurat und hyperrealistisch gemalt werden, um als solcher wahrgenommen zu
werden. "Man muss nur ein paar Dinge wie Reflexionen einsetzen, damit etwas wie
ein Spiegel aussieht. Das deutet darauf hin, dass unser Gehirn einen sehr
simplem Algorithmus hat, um zu entscheiden, ob das ein Spiegel ist", so
Cavanagh.
Er habe einmal versucht, eine Liste zu machen, was wichtig ist, um einen
Schatten als solchen wahrzunehmen, etwa dass man im Schatten die gleiche Textur
wie in der unmittelbaren Umgebung findet. "Wir haben 20 Punkte gefunden,
tatsächlich geht es aber nur darum, dass der Schatten einfach dunkler sein muss
als seine Umgebung", so der Wissenschafter. Und Leder betont: "Unser Gehirn ist
höchst komplex, aber nicht alles was wir tun, um die Welt wahrzunehmen, muss
deshalb komplex sein. Die Vereinfachungen und Abkürzungen, die wir nutzen,
machen das Gehirn so effizient." (red/APA)