Weltmeister mit System

    Interview14. Oktober 2011, 08:35
    38 Postings

    Dany Ryser wurde vor zwei Jahren mit der Schweiz U17-Weltmeister. Der SFV-Nachwuchschef spricht über das Erfolgsmodell, Strategien in der Vernetzung mit den Klubs und die Sinnhaftigkeit, Trainertalente nicht sich selbst zu überlassen

    ballesterer: Sie verfügen über jahrelange Erfahrung im Verband und waren vorher auch bei einem Verein tätig. Was macht einen guten Trainer aus? 

    DANY RYSER: Jeder Trainer lernt in der Ausbildung, wie man Trainings organisiert und durchführt, entscheidend ist aber das Coaching im Training und im Spiel. Je weiter es Richtung Spitze geht, desto wichtiger wird auch die Teamführung und damit die Sozial- und Selbstkompetenz der Spieler und des Trainers.

    In Österreich hat man manchmal den Eindruck, dass die Bedeutung der Fachkompetenz unter den Teppich gekehrt wird. Teilen Sie diese Ansicht?

    Ryser: Für mich ist Fachkompetenz Voraussetzung, um als Trainer erfolgreich zu sein. Ohne die geht es nicht. Es kann höchstens eine Tendenz sein, aber da kann ich nur für die Schweiz sprechen, dass Einzelne denken, sie wüssten schon alles. Aus langjähriger Erfahrung kann ich jedoch sagen, dass diese Trainer sehr, sehr schnell weg sind. Ein Trainer, der länger im Geschäft bleiben will, muss sich ständig weiterentwickeln, neu orientieren und sein Wissen ausbauen.

    Die Ausgangslage für den österreichischen und den Schweizer Verband ist sehr ähnlich. Warum ist die Nachwuchsarbeit des SFV - vor allem im Übergang zum Profibereich - ungleich erfolgreicher als die des ÖFB?

    Ryser: Für mich hat das nichts mit der Trainerausbildung zu tun. Die hat in Österreich ein sehr hohes Niveau. Ein Grund ist vielleicht, dass es uns gelungen ist, die Zusammenarbeit mit den Vereinen in der Nachwuchsarbeit zu optimieren. Wir arbeiten Hand in Hand. Die Ausbildung in den Vereinen ist auf unsere Spiel- und Handlungsphilosophie abgestimmt. Beim Übergang in den Profibereich haben wir auch noch viel Potenzial nach oben, vor allem bei den 16- bis 19-Jährigen. Die Verbindung zwischen Fußball- und Berufsausbildung funktioniert noch nicht optimal. Außerdem machen viele Spieler zu früh den Schritt ins Ausland.

    In Österreich gibt es im Moment eine Spielphilosophiedebatte, weil sich die theoretischen Vorstellungen des ÖFB-Sportdirektors auf dem Feld nicht widerspiegeln. Nach welchen Kriterien hat die Schweiz ihre Philosophie entwickelt?

    Ryser: Wir haben diese Spiel- und Ausbildungsphilosophie 1997 kreiert. Einfach zusammengefasst haben wir gesagt: Wir wollen ein offensiv ausgerichtetes, dynamisches Zonenspiel spielen. Dann haben wir festgelegt: Was heißt das im Kinderfußball? Was heißt es im Grundlagenalter, also zwischen zehn und 15 Jahren? Und was im Juniorenfußball? Diese Prinzipien haben wir gemeinsam erarbeitet. Dabei sind wir nicht vom Spiel ausgegangen, sondern die Frage war: Wie müssen wir trainieren, um so zu spielen, wie wir es wollen? Dann haben wir die Trainingsinhalte und die Methodik festgelegt und sie an die Vereine weitergegeben. Ich hatte den Auftrag, diese Spielphilosophie in der Trainerausbildung zu verankern.

    Wie wesentlich waren Blicke nach außen?

    Ryser: Wir haben uns vergleichbare Länder wie Österreich, Belgien, Holland und die Skandinavier angeschaut, aber natürlich auch unsere Nachbarn - also Frankreich, Italien und Deutschland. Aber wir waren immer darauf bedacht, nicht zu kopieren, sondern die Konzepte auf unsere Verhältnisse umzulegen. Das ist der Schweizer Weg.

    In Österreich gibt es sehr viele Leistungszentren und Akademien, was dazu führt, dass zu viele junge Fußballer ausgebildet werden, die nicht immer die Qualität für den Profibereich haben. Wie ist das in der Schweiz?

    Ryser: Auf der letzten Stufe des Grundlagenalters, zwischen 14 und 15 Jahren, haben wir unsere Ausbildungszentren gegründet, die an der Spitze ansetzen. Wir haben ein Zentrum in der Westschweiz, eines in der Deutschschweiz und eines in der italienischen Schweiz mit jeweils 20 talentierten Spielern. Gleichzeitig haben wir das auch von den Vereinen verlangt. Heute können wir sagen: Unsere Zentren sind mehr oder weniger überflüssig. Die Vereine haben mittlerweile die gleichen Strukturen. Das war auch unser Ziel, denn ab 16 Jahren ist die Ausbildung in den Händen der Klubs. Wir haben Labels geschaffen. Die Vereine müssen also bestimmte Auflagen erfüllen - im strukturellen Bereich, aber auch in Sachen Trainerdiplom, in Hinblick auf die berufliche und schulische Ausbildung. Wenn sie das erfüllen, bekommen sie von uns die Labelanerkennung und können die besten Spieler ausbilden. Dafür werden sie entsprechend finanziell entschädigt. Das ist natürlich ein großer Anreiz, der aber eine enge Zusammenarbeit bedingt. Jeder Nationaltrainer betreut einige Klubs. Im Moment haben wir 13 Partnervereine, die alle Kriterien erfüllen und Teams im Juniorenspitzenfußball haben.

    Wie haben Sie die Klubs überzeugen können, dass dieses System nur durch gemeinsames Handeln funktioniert?

    Ryser: Durch langjährige Arbeit, bei der wir anfangs auf große Widerstände gestoßen sind. Für uns waren zwei Dinge wichtig: vorweisbare Erfolge wie der U17-Europameistertitel 2002, der Weltmeistertitel der U17 2009 und das EM-Finale der U21 im heurigen Jahr. Das hat unsere Arbeit enorm erleichtert, ebenso wie die guten Resultate der A-Nationalmannschaft. Daneben haben wir im direkten Kontakt das Feld geebnet. Heute sind die Klubs in diese Prozesse voll integriert. Wir sitzen regelmäßig mit ihnen zusammen und entwickeln das Ganze gemeinsam weiter.

    Wie ist die Kommunikation innerhalb des Verbands strukturiert?

    Ryser: Ich leite das Ressort der Auswahlen und arbeite sehr eng mit dem Ressortleiter des Spitzenfußballs und mit dem Technischen Direktor Peter Knäbel zusammen. Die Verbindung zwischen U21- und A-Team läuft hauptsächlich über ihn. Im Nachwuchs haben wir monatliche Trainersitzungen.

    Wer bestellt die Trainer für die Nachwuchsauswahlen?

    Ryser: Das mache ich zusammen mit dem Technischen Direktor. Wir haben das Vorschlagsrecht gegenüber dem Komitee des Verbands. Bis zur U20 können wir den Trainer vorschlagen, bei der U21 wird er in Zusammenarbeit mit der Liga ausgewählt. Auf dem Level des A-Teams ist es der Delegierte der Nationalmannschaft, der dem Vorstand einen Vorschlag macht.

    In Österreich werden viele Nachwuchsauswahlen von Ex-Teamspielern betreut, der Auswahlprozess ist relativ unklar. Nach welchen Kriterien wählen Sie aus? Wie ist das Verhältnis zwischen Unbekannten und Ex-Profis?

    Ryser: Wir haben natürlich auch vorwiegend ehemalige Spitzenfußballer, die aber als Klubtrainer in der ersten oder zweiten Liga Erfahrung gesammelt haben müssen. Vor einem Jahr haben wir ein neues Projekt gestartet, das sich auf die Findung von Trainertalenten konzentriert. Wir schauen schon sehr früh, wo wir Trainer haben, denen wir gute Chancen für die Zukunft geben, und versuchen, ihnen bei der Karriereplanung zu helfen. Ein konkretes Beispiel ist Raphael Wicky, dem wir die Möglichkeit gegeben haben, im Juniorenfußball bei einem Klub einzusteigen. Ich habe ihn zudem als Assistenten des U20-Teams in den Verband genommen. So kann er Erfahrungen sammeln, und wir können besser abschätzen, ob er für eine Auswahl als Trainer in Frage kommt.

    Der Schweizer Verband setzt sich nicht nur Ziele, was die Spieler, sondern auch was die Trainer betrifft. Peter Knäbel hat gesagt, er will einen Schweizer Trainer im Champions-League-Finale sehen.

    Ryser: Das ist eine Vision. Früher haben wir gesagt: Für talentierte Spieler machen wir alles. Talentierte Trainer haben wir aber sich selbst überlassen. Das wollen wir ändern. Wir beginnen jetzt in den Regionen Leute zu installieren, die nach Trainertalenten Ausschau halten. Ehemalige Spitzenfußballer haben wir ohnehin auf dem Radar, aber so können wir auch andere Talente erfassen. Wenn es dann einmal einen Schweizer Trainer in einem Champions-League-Finale gibt, sind wir natürlich sehr stolz.

    Haben der Ex-Fußballer und der Unbekannte in der Trainerausbildung des SFV die gleichen Chancen? 

    Ryser: Bis jetzt war es so, dass jeder alle Kurse von Grund auf besuchen musste - egal, ob er Profi war oder selber nie Fußball gespielt hat. Momentan laufen Diskussionen, ob wir bestimmte Kurse anpassen. Im technischen und taktischen Bereich sind Ex-Profis viel weiter als andere. Im methodischen Bereich und in der Planung haben sie hingegen häufig Defizite. Deshalb überlegen wir, die Inhalte für die Ex-Spieler etwas anders zu gewichten.

    Hierzulande haben Ex-Internationale bei der UEFA-Pro-Lizenz aufgrund des Punktesystems große Vorteile. Gibt es diese Bevorzugung auch in der Schweiz?

    Ryser: Dieses Punktesystem gibt es auch bei uns ab der A-Lizenz. Technische Qualitäten werden gewichtet. Es ist klar, dass sich Anwärter, die selbst nicht Profis waren, enorm anstrengen müssen. Auf der anderen Seite gibt es auch theoretische Eignungsprüfungen, bei denen die Ex-Profis beweisen müssen, dass sie über die nötigen Kenntnisse verfügen. Wenn ich mir die Teilnehmerzahlen anschaue, sitzen bei uns mehr Ex-Profis in den Kursen. Das hängt aber auch damit zusammen, dass der Aufwand sehr groß ist. Ich habe das Gefühl, dass sich viele, die nicht aus dem Profibetrieb kommen, damit sehr schwer tun.

    In der Überzeugungsarbeit gegenüber den Vereinen sehen Sie die Erfolge der Auswahlen als wesentlichen Baustein. Was würden Sie dem ÖFB angesichts der eher tristen Situation seines A-Teams raten?

    Ryser: Das ist schwierig. In Österreich gibt es genügend kompetente Leute, die sich darüber Gedanken machen. Aber es braucht ein Erfolgserlebnis. Wir hatten das 1994 in Form der WM-Teilnahme mit Roy Hodgson. Danach ist viel möglich geworden. Wenn ich mir die Leistungen der österreichischen Mannschaften ansehe, muss ich sagen, dass nicht viel fehlt. Das Spiel gegen Deutschland in Wien war fantastisch. In den Nachwuchsteams sind die Unterschiede zur Schweiz nicht groß, unsere Bilanz gegen ÖFB-Auswahlen ist ausgeglichen.

    Sie haben angesprochen, dass Schweizer Talente zu früh ins Ausland wechseln. Im Vergleich zu ihren österreichischen Pendants hat man aber das Gefühl, dass sie eher zum Zug kommen.

    Ryser: Da muss ich Ihnen widersprechen. Ich war gar nicht glücklich, dass Nassim Ben Khalifa zu Wolfsburg, Haris Seferovic zu Fiorentina und Pajtim Kasami zu Lazio gewechselt sind. Mit Ausnahme von Kasami sind mittlerweile alle wieder zurück in der Schweiz. Wir wollen natürlich, dass unsere besten Spieler ins Ausland gehen. Und wenn jetzt Xherdan Shaqiri ins Ausland gehen sollte, ist das natürlich in unserem Interesse. Er hat beim FC Basel und im Team bewiesen, dass er internationales Niveau hat. Grundsätzlich muss ich festhalten, dass die jungen Spieler bei uns - und das sage ich ganz bewusst - eine der besten Ausbildungen der Welt erhalten. Gerade in Italien sehen wir oft, dass Spieler stagnieren. Da wird individuell nicht mehr weitergearbeitet, sondern die holen 40, und wenn es zwei schaffen, ist es gut. Was mit den anderen 38 geschieht, interessiert sie nicht.

    Wann ist ein Nachwuchsnationalspieler reif für den Wechsel ins Ausland?

    Ryser: Unsere Ausbildung hat vier Etappen. Im Grundlagenalter erhalten die Spieler eine sehr gute technische Grundausbildung. Dann müssen sie den Sprung in eine Nationalauswahl schaffen. Der dritte Schritt ist, in die höchste Schweizer Spielklasse zu wechseln und dort zum Stammspieler zu werden. Von dort führt der vierte Schritt ins Ausland. Wir haben genügend Spieler, die denken, alles erreicht zu haben, wenn sie ins Ausland wechseln. Ihre Ambition sollte aber höher liegen. Sie sollten bei einem Klub spielen, der sich regelmäßig für die Champions League qualifiziert. Da haben wir noch viel Arbeit vor uns. Ich war überhaupt nicht glücklich mit den Entscheidungen einiger Spieler aus der Weltmeistermannschaft von 2009.

    Wie wird sich der Fußball in den nächsten Jahren entwickeln?

    Ryser: Das Spiel wird noch schneller werden. Athletisch ist zwar nicht mehr allzu viel möglich, ein bisschen was geht aber noch. Immer wichtiger wird der kognitive Bereich. Man braucht Spieler, die Situationen schnell erfassen und in ihren Gedanken schon zwei, drei Spielzüge weiter sind. Auch im persönlichen Bereich wird sich einiges verändern. Die Spieler müssen sich noch bewusster werden, was es heißt, Spitzenfußballer zu sein. Das sind die Dinge, auf die ich mich freue. Aber es gibt auch Negatives. Im heutigen Spitzenfußball wird nur noch kurzfristig gedacht. Trainer werden heute eingestellt und morgen entlassen. Da fehlt es an Kontinuität und Respekt. (Interview: Raphael Gregorits & Reinhard Krennhuber)

    Dany Ryser (54) machte als Trainer erstmals in den 1990er Jahren auf sich aufmerksam, als er den Amateurklub FC Biel bis in die dritte Liga führte. 1997 wurde er vom Technischen Direktor des SFV, Hansruedi Hasler, als Trainerausbildner in den Verband geholt. Seit 2007 ist Ryser Gesamtleiter der Schweizer Nachwuchsauswahlen, 2009 holte der stille und akribische Arbeiter mit der U17 in Nigeria den WM-Titel und wurde dafür im Folgejahr als Schweizer Trainer des Jahres ausgezeichnet. Neben seiner Tätigkeit im SFV sitzt Ryser im JIRA-Panel der UEFA, das die Trainerausbildung in Europa überwacht.

    Share if you care.