Vorrevolutionäre Westernhelden

13. Oktober 2011, 17:15
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Rabah Ameur-Zaïmeche erzählt in seinem vierten Spielfilm "Les Chants de Mandrin" von mutigen französischen Schmugglern, die Mitte des 18. Jahrhunderts schon einmal das Aufbegehren proben

Ein Verwundeter schleppt sich über offenes Land, in einem nahen Wäldchen bricht er zusammen. Er trägt eine historische Uniform, andere Uniformierte sind ihm auf den Fersen. Langhaarige, verschwitzte Männer mit altmodischen Waffen. Die Schüsse, die bald darauf fallen, tönen wuchtig und dumpf. Blut leuchtet rot wie die Jacken der Ordnungshüter, die getroffen zu Boden gehen. Der Verfolgte findet sich in der Obhut von Schmugglern wieder. Sie pflegen den Deserteur gesund, und bald wird er einer der ihren, einer von Mandrins Männern sein.

Outlaws und Freigeister

Mandrin ist ein Outlaw. Les Chants de Mandrin von Rabah Ameur-Zaïmeche setzt nach seiner Hinrichtung Mitte des achtzehnten Jahrhunderts ein. Nicht nur die hinterbliebene Bande, auch ein freigeistiger Marquis - den Jacques Nolot mit unnachahmlicher Nonchalance verkörpert - wollen das Andenken Mandrins hochhalten. Neben den Lebensmitteln und Waffen, den Schriften von Voltaire, Rousseau und den Märchen aus Tausendundeiner Nacht, die sie bei ihren freien Märkten unters Volk bringen, sollen auch die Gesänge des furchtlosen Mandrin zu erwerben sein - der kinoaffine Philosoph Jean-Luc Nancy ist übrigens als Darsteller in diesem Film vertreten, er spielt den Drucker, der die praktische Seite des heimlichen Vorhabens besorgt.

Regisseur, Autor und Darsteller Rabah Ameur-Zaïmeche hat im Kino bisher meist Geschichten erzählt, die um die multikulturelle französische Gegenwart kreisten. Sein zweiter Spielfilm Bled Number One war auch auf der Viennale zu sehen. Sein vierter, Les Chants de Mandrin, ist nun ein ernsthafter, "armer" Kostümfilm. Die Rekonstruktion von Vergangenheit ist materialistisch orientiert. Der Großteil der Szenen spielt im Freien, weitgehend ungeschöntes Licht fällt auf grobe Stoffe und Tierhäute, feste Handgriffe, einfache Lebensumstände, improvisierte Lagerstätten mitten im Wald.

Die Produktion von 100 Kopien der Gesänge Mandrins werde ein Monat dauern, sagt der Drucker. Nachrichten verbreiten sich langsamer, aber die meisten Boten erreichen ihr Ziel. Nicht nur wegen der Ausführung solch widerständiger Organisationsformen schimmert immer auch Gegenwart durch diese historische Moritat.

Les Chants de Mandrin ist außerdem ein großartiger musikalischer Film: Musik wird darin ausschließlich live mit Drehleier, Flöte oder Trommel produziert. Vor allem das chorische Finale entfaltet mit diesen Mitteln und in dieser Hinsicht größte Intensität.

Aber der Film erlaubt sich auch kleine, verschmitzte Ausritte - nicht zuletzt zu Pferde, wenn die Männer im Gegenlicht kurz zu prärevolutionären Westernhelden werden.

Wenn man mit einem armen Hausierer lernt, dass die Fahrt in einer herrschaftlichen Kutsche so wild rumpelt, dass es sich böse auf den Magen schlägt. Oder wenn sich die Gesetzlosen, in Zeiten, in denen die Halsabschneider regieren, zu den eigentlich Tugendhaften erklären: Die unverblümten Zugriffe der Schmuggler können manchmal die allerrichtigsten sein.  (Isabella Reicher  / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

27. 10., Urania, 21.00; 31. 10., Künstlerhaus, 11.00

  • Der Regisseur schießt scharf: Rabah Ameur-Zaïmeche als 
widerständiger Schmuggler in der mitreißenden Moritat "Les Chants de 
Mandrin".
    foto: viennale

    Der Regisseur schießt scharf: Rabah Ameur-Zaïmeche als widerständiger Schmuggler in der mitreißenden Moritat "Les Chants de Mandrin".

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