Die Betriebsnudel

13. Oktober 2011, 17:17
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Peter Dörflers Porträtfilm "The Big Eden"

Den Berliner Gastronomen Rolf Eden kannte man bisher eher aus Reportageformaten im Privat-TV. Weil er bereit ist, so ziemlich vor jeder Kamera etwas über sich und seine Playboy-Methoden zu sagen, taucht er in allen möglichen Zusammenhängen auf, die mit Sex zu tun haben. Die Rezepturen seiner libidinösen Halbwertszeit sind dabei keineswegs außergewöhnlich: Eden lebt von Aufmerksamkeit und schenkt sie fleißig weiter.

Er ist also eine Betriebsnudel, die nun in einem anderen Betrieb auftaucht. Denn Peter Dörfler hat ihm zum Protagonisten seines Dokumentarfilms The Big Eden gemacht und dabei einen Mann entdeckt, über den es viel mehr zu erzählen gibt, als die Schmuddelsendungen bisher zu entdecken wussten. Die beste Szene gibt es in Tel Aviv, wo Rolf Eden auf den Filmproduzenten Menahem Golan (Eis am Stiel) trifft. Beide haben Verwandtschaft in der Stadt, beide haben internationales Kaliber, beide sind aber auch mit dem Staat Israel in einer Weise verbunden, die viel über das komplizierte 20. Jahrhundert verrät.

Der Schriftsteller Yoram Kaniuk, der auch auftritt, hat sogar ein Buch über Eden geschrieben (Der letzte Berliner), dem The Big Eden wohl eine Menge verdankt, ohne dass Dörfler sich deswegen zu thesenhaften Momenten versteigen würde. Das dezidiert Unpolitische, die immer nur erotisch gebrochene Äquidistanz von Eden, hat aber wohl zweifellos ein Motiv in der Zugehörigkeit zu zwei prekären Orten: Israel und Berlin.

Rolf Eden kam 1957 nach Westberlin, angelockt von einer Rückkehrprämie für Menschen, die oder deren Eltern vor den Nazis geflüchtet waren. In der insularen Stadt in der Zone fand er sofort seine Nische. Er eröffnete ein Lokal, in dem lockere Sitten eingeübt werden konnten. Bis vor ein paar Jahren konnte man noch in die Originalkulissen dieser früheren Ausschweifungen tanzen, doch zunehmend verirrten sich nur noch Touristen in die Diskothek Big Eden am Kurfürstendamm.

Edens Geburt in Palästina, sein kurvenreicher Lebenslauf, all das formt Peter Dörfler zu einer schillernden Persönlichkeitsstudie, und wenn es Bildmaterial gibt, dann verarbeitet er dies in bemerkenswerten 3-D-Animationen.

Den Löwenanteil der Filmzeit beansprucht aber der Frontmann selbst: eine Figur, von der sich nicht nur die vielen Frauen, sondern auch seine sieben Kinder fragen, ob sie so etwas wie einen Identitätskern hat. Peter Dörfler, der schon in Die Panzerknacker und Achterbahn scheinbar aus der Zeit gefallene Männer porträtiert hatte, hat danach gar nicht gesucht und doch eine Menge gefunden, worauf die Privatsender nie gekommen wären.   (Bert Rebhandl / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

26. 10., Künstlerhaus, 21.00; 28. 10., Urania, 23.30

  • Playboy mit viel Geschichte: Rolf Eden mit Begleitung.
    foto: viennale

    Playboy mit viel Geschichte: Rolf Eden mit Begleitung.

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