Ein Popstar mit Hang zum Unpopulären

13. Oktober 2011, 17:14
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Die Viennale widmet einen ihrer diesjährigen Tributes der Jahrhundertfigur Harry Belafonte. Fünf Filme mit dem US-Star und eine Doku über ihn werden gezeigt, der heute 84-Jährige wird persönlich anreisen.

Irgendwann sagt er mit seiner honigheiseren Stimme, dass er sich als 80-Jähriger eigentlich im Ruhestand gesehen hatte, aber dass das leider nicht geht: "I just can't let them win." Also ist er als heute 84-Jähriger noch unterwegs; immer noch versucht, die Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Harry Belafonte ist ein Mann mit Mission.

Die Viennale widmet dem Sänger und Schauspieler einen ihrer diesjährigen Tributes. Doch Belafonte ist mehr als nur eine engagierte Berühmtheit - er ist eine Jahrhundertfigur. Das zeigt Susanne Rostocks kreuzbrave Doku Sing Your Song, die anhand von Interviews mit Belafonte, seiner Familie, Kollegen sowie Zeitdokumenten den Lebensweg des 1927 als Harold George Belafonte Jr. geborenen Multitalents nachzeichnet. Sing Your Song darf so brav sein, sein Sujet ist abenteuerlich genug.

Belafonte war einer der ersten schwarzen Superstars. Als erster Musiker verkaufte er über eine Million Kopien eines Albums, von Calypso (1957). Er wurde über einen falschen Manager und seine Psychotherapeutin vom FBI bespitzelt. Er unterstützte Robert und John F. Kennedy und war ein Freund von Martin Luther King. 1963 organisierte er Hollywood-Größen für Kings "March to Washington". Er bekämpfte die Apartheit in Südafrika, betrieb "USA for Africa" mit dem Song We Are The World, organisierte Hilfe für Äthiopien oder Haiti, bekämpft heute die Kriminalisierung der Armut in den USA und Unrecht, wo er ein solches antrifft. Harry Belafonte ist ein Popstar des Unpopulären.

Das Unrecht hat er selbst oft genug erlebt. Der Sohn jamaikanischer Einwanderer wuchs im New Yorker Stadtteil Harlem auf und nahm als Teenager Schauspielunterricht. Zu seine Mitschülern zählten Marlon Brando, der spätere Tony Curtis, Walter Matthau oder Sidney Poitier. Um seinen Unterricht zu finanzieren, nahm er Jobs als Sänger an, ohne ein solcher werden zu wollen - und wurde prompt ein Star des damals boomenden Calypso-Genres. Er bekam eine eigene Fernsehshow, die großen Hotels in Las Vegas buchten ihn.

Er vereintete Eleganz mit Intelligenz, galt als einer der schönsten Männer der Welt - aber er war schwarz. Deshalb sollte er in Las Vegas durch den Hintereingang gehen und seine Show abgesetzt werden, weil er darin mit einer Weißen Händchen hielt. Das ließ Belafonte sich nicht gefallen. Er stellte seine Popularität in den Dienst der aufkeimenden Bürgerrechtsbewegung und suchte seine Rollen zusehends auch danach aus.

Etwa den im Rahmen des Viennale-Tributes zu sehenden Science-Fiction-Film The World, the Flesh and the Devil (1958) von Ranald MacDougall. Eine postapokalyptische Parabel, die das Miteinander als einzigen Weg für die Zukunft sieht - mit Mel Ferrer als Belafontes Gegenpart. Im 1959 entstandenen Film Noir Odds Against Tomorrow von Robert Wise vergiftet der damals gängige Alltagsrassismus den gemeinsamen Erfolg: Als Spieler mit Schulden willigt Belafonte ein, mit einem Ex-Cop und einem Rassisten (kongenial: Robert Ryan) eine Bank zu überfallen. Erst der Tod fungiert hier als Gleichmacher.

Autorität und Humor

Aber nicht nur im dramatischen Fach überzeugte Belafonte. Zur hohen Zeit des schwarzen Kinos der 1970er-Jahre entstand die Kriminalkomödie Uptown Saturday Night. An der Seite von Sidney Poitier und Bill Cosby gibt er darin einen Gangsterboss - und gleichzeitig eine Marlon-Brando-Persiflage, indem er die Rolle des Geechie Dan Beauford mit der Physiognomie des "Godfather" spielt. Hier wird klar, warum Bill Clinton Belafonte als lustigsten Menschen bezeichnete, den er je getroffen hätte.

Aus Belafontes Spätwerk zeigt die Viennale den 1996 entstandenen Robert-Altman-Film Kansas City. Vor der Kulisse der 1930er-Jahre und der schwarzen Jazzclubs jener Zeit gibt Belafonte den Gangster Seldom Seen. Ein Charakter von Eleganz und Autorität, mit Witz und Konsequenz. Dafür musste Harry Belafonte also nicht viel mehr tun, als in sein Kostüm zu schlüpfen.  (Karl Fluch  / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

  • Harry Belafonte (Mi.) als schwarzer "Godfather" in der 1974 von Sidney 
Poitier gedrehten Kriminalkomödie "Uptown Saturday Night". Zu sehen im 
Rahmen des Belafonte-Tribute der Viennale.
    foto: viennale

    Harry Belafonte (Mi.) als schwarzer "Godfather" in der 1974 von Sidney Poitier gedrehten Kriminalkomödie "Uptown Saturday Night". Zu sehen im Rahmen des Belafonte-Tribute der Viennale.

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