Eine zwingende Studie der Unterdrückung

13. Oktober 2011, 17:17
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Ein iranischer Film gris: Mohammad Rasoulofs "Bé omid é didar"

 

"Wenn man sich im eigenen Land als Fremder fühlt", sagt die Anwältin Noura (Leyla Zareh) in einer Szene, "ist es besser, in die Fremde zu gehen und sich dort als Fremder zu fühlen." Noura ist die Hauptfigur in Mohammad Rasoulofs Spielfilm Bé omid é didar (Auf Wiedersehen), und sie trägt sich mit dem Plan, Teheran zu verlassen und ins Exil nach Europa zu gehen. Ihren Beruf auszuüben ist ihr untersagt. Weil es hilfreich ist, im Ausland ein Kind zur Welt zu bringen, wenn man ein Bleiberecht braucht, ist sie schwanger. Ihr Ehemann ist abwesend; wird Noura nach ihm gefragt, sagt sie, er arbeite im Süden. Aber das muss nicht stimmen, genauso gut kann es sein, dass ihr Mann inhaftiert ist. Oder untergetaucht.

Bé omid é didar vermisst die Repression, die den Iran seit dem Frühsommer 2009, seit den gefälschten Wahlen und den Protesten dagegen, heimsucht; der Film ist eine dunkle, zwingende Studie der Unterdrückung. Rasoulof findet Bilder, die, ohne ihre Subtilität zu verlieren, plastisch machen, wie weit sich die Macht des Regimes in den Körper der Individuen hineinfrisst. Nouras Schwangerschaft entspricht weniger dem Wunsch nach einem Kind als dass sie dem Zweck dient, die Existenz in Europa abzusichern.

Kaum Entscheidungsmacht

Doch sie entpuppt sich als Bürde, denn das Kind wird aller Wahrscheinlichkeit nach behindert zur Welt kommen. Was soll Noura in dieser Situation tun? Ihre Notlage wird umso größer, je weniger sie als Frau ihre Entscheidungen alleine treffen darf. Nicht einmal ein Hotelzimmer darf sie alleine mieten; für alles und jedes braucht sie die Einwilligung ihres Ehemanns - doch der ist, wie gesagt, nicht da. Das heißt: Sie braucht Bestechungsgeld.

Immer wieder sieht man sie in ihrer kargen Wohnung. Die Heizung funktioniert nicht. Das einzige freundlich gesinnte Wesen ist eine kleine Wasserschildkröte. Doch deren Aquarium ist leck: noch ein Wesen, dem die Zeit verrinnt und dem der Raum abhanden kommt. Die Kälte befällt auch die Bilder, der Film ist in Grau-, Blau- und Grüntönen gehalten.

Aus dem Teheran der Gegenwart ist mit den Farben die Freude gewichen. Am Ende von Bé omid é didar steht ein Koffer voll zerwühlter Wäsche auf einer Hotelzimmerkommode, ein abhebendes Flugzeug ist zu hören, ob die Heldin drinsitzt oder nicht, sei nicht verraten.

Dass es diesen Film überhaupt gibt, ist erstaunlich. Denn Mohammad Rasoulof wurde wie sein im Ausland bekannterer Kollege Jafar Panahi im Dezember 2010 zu einer sechsjährigen Haftstrafe verurteilt. Damit nicht genug: 20 Jahre lang darf er nicht ausreisen, keine Interviews geben und, am schlimmsten, nicht arbeiten. Das Urteil ist noch nicht endgültig rechtskräftig; deshalb ist Rasoulof zurzeit auf freiem Fuß. Zur Last gelegt wird ihm, gemeinsam mit Panahi einen Dokumentarfilm über die Wahlen und die Proteste dagegen geplant zu haben; im März 2010 wurden die beiden festgenommen und waren im Anschluss mehrere Wochen in Haft.

Erst nach zahlreichen internationalen Solidaritätsbezeugungen wurden sie entlassen. Bé omid é didar lief trotz des Arbeitsverbots im Mai beim Filmfestival in Cannes, freilich ohne offizielle Genehmigung. Kurz hieß es sogar, Rasoulof dürfe ausreisen, aber das war eine Falschmeldung. Bei der Vorführung im Théâtre Débussy vertraten ihn seine Ehefrau und sein Team. Sie widmeten den Film allen politischen Häftlingen, die zurzeit in iranischen Gefängnissen sitzen.  (Cristina Nord / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

 

22. 10., Stadtkino, 20.30; 26. 10., Gartenbau, 15.30

  • Anwältin Noura (Leyla Zareh) plant, von Teheran wegzugehen ins 
europäische Exil, das kostet Geld und körperlichen Einsatz.
    foto: viennale

    Anwältin Noura (Leyla Zareh) plant, von Teheran wegzugehen ins europäische Exil, das kostet Geld und körperlichen Einsatz.

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