"In meinen Zwanzigern hatte ich weniger Zweifel"

13. Oktober 2011, 17:16
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US-Künstlerin und Autorin Miranda July und ihre versponnene Mittlebenskrisenkomödie "The Future"

Sophie und Jason sind ein Paar Mitte dreißig. Sie teilen eine Wohnung in Los Angeles. Auf einem großen Sofa, das darin steht, sitzen sie einander oft gegenüber. Jeder mit einem Laptop auf dem Schoß, jeder für sich unterwegs in virtuellen Welten. Irgendwann schließen Sophie und Jason einen Pakt: Jason (Hamish Linklater) will sich, noch rechtzeitig vor dem vierzigsten Geburtstag, eine sinnvolle Beschäftigung in der wirklichen Welt suchen, Sophie (Miranda July) gibt ihre ungeliebte Arbeit als Tanzlehrerin für kleine Kinder auf, stattdessen will sie 30 Tage lang täglich eine Performance auf Youtube veröffentlichen. Die Adoption einer Katze wird in Erwähnung gezogen.

The Future heißt der zweite Kinospielfilm von Miranda July. Die inzwischen 37-Jährige, die zuerst mit Kurzfilmen (Nest of Tens) und Erzählungen bekannt wurde, hat sich nach ihrem Kinodebüt Ich und du und alle, die wir kennen (2005) neuerlich eine eigenwillige weibliche Hauptfigur auf den Leib geschrieben. Zwar sei sie, sagt July im Gespräch mit dem Standard, als Schauspielerin "kein Profi", aber sie habe trotzdem "nie wirklich vorgehabt, jemand anderen zu casten. Wenn man Sätze spricht, die man vor zwei Jahren geschrieben hat, und das fünfmal hintereinander, und dann noch fünfmal, weil die Kameraposition verändert wird, kann man wirklich nicht mehr behaupten, dass man noch man selbst wäre. Dieser Prozess fühlt sich für eine professionelle Schauspielerin wahrscheinlich ganz ähnlich an."

Multifunktionärin

Während Sophie, die Filmfigur, mit ihrem Alltag hadert, sich zwischen Ambition und Antriebslosigkeit, trotziger Verschrobenheit und ehrlicher Melancholie, alter Beziehung und neuer Affäre linkisch durch Lebens- und Traumwelten treiben lässt, erweist sich ihre Schöpferin als Multitasking-fähig, vor und hinter der Kamera: "Zu spielen und gleichzeitig Regie zu führen ist schwierig. Nicht nur, weil ich mich selbst nicht sehe: Ich sehe auch die anderen nicht. Aber irgendwie nehme ich sie wahr, manchmal kommentiere ich direkt nach der Aufnahme irgendetwas, das jemand gemacht hat - dann sind sie ein bisschen bestürzt. Aber wir geben uns dieser Arbeit auch einfach gemeinschaftlich hin, und sie gewinnt Eigendynamik. Bei nur 21 Drehtagen hat man keine Zeit, ständig Muster anzuschauen. Manches daran ist wie ein Blindflug, man muss sich auf seinen Instinkt verlassen - okay, das hat sich stimmig angefühlt, machen wir weiter."

Im Film schlägt sich diese Arbeitsweise dann vor allem in Form vieler in sich stimmiger Szenen und Dialoge nieder. July steuert schrullige kleine Soloperformances bei und beherrscht insgesamt die Kunst der lapidaren Reduktion. Dem großen Erzählbogen - in den unter anderem eine sprechende Katze namens Paw-Paw integriert ist - mag man nicht immer so gespannt folgen.

Die Musik zum Film hat Jon Brion beigesteuert, der auch schon die verwinkelten Geschichten von Charlie Kaufman (Eternal Sunshine of The Spotless Mind; Synecdoche New York) musikalisch begleitet hat - filmische Verwandte von Julys Arbeiten: "Jon Brion ist nach meinem ersten Film zu mir gekommen, also hat er diese Verbindung wohl gesehen. Ich habe nicht in diese Richtung gedacht, obwohl ich die genannten Arbeiten schätze. Und wir teilen eine bestimmte Sensibilität."

Der Stoff und die Involviertheit der Filmemacherin in ihr Projekt legen die Frage nach eigenen Erfahrungen mit dem Älterwerden nahe: "In meinen Zwanzigern hatte ich weniger Zweifel, man ist in diesem Alter viel sicherer in seiner Ignoranz. Inzwischen weiß ich, was alles schiefgehen kann, deshalb mache ich mir mehr Sorgen. Aber ich habe auch mehr Erfahrung und kann mit Fehlschlägen besser umgehen, sie im Vorfeld vermeiden oder sogar lösen. Aber es war ein etwas ungemütlicher Übergang - und jetzt sehe ich meinen Vierzigern entgegen!"  (Isabella Reicher / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

22. 10., Metro, 11.00; 24. 10., Gartenbau, 18.00

  • Regisseurin und Darstellerin Miranda July und Co-Star Hamish Linklater 
als krisengebeuteltes Slacker-Paar in "The Future".
    foto: viennale

    Regisseurin und Darstellerin Miranda July und Co-Star Hamish Linklater als krisengebeuteltes Slacker-Paar in "The Future".

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