Richtige Bewegungen

Pilotprojekt an Volksschulen für leichteres Schreibenlernen

13. Oktober 2011, 14:48

Experte warnt vor Fixierung auf Schönschreiben - Spezielle Übungen sollen Schülern helfen, ein Gespür für die richtigen Bewegungen zu bekommen

Wien - Welcher Erstklässler kennt das nicht: Verkrampft wird der Stift umklammert, anstatt des verflixten "A"s entsteht in Zeitlupentempo ein krakeliges Ungetüm, das sich noch dazu nur unwillig zwischen zwei Zeilen sperren lassen will. Das führt zu Frust und setzt viele Schüler, Lehrer und Eltern unter enormen Druck. Ein Pilotprojekt an drei Wiener Volksschulen will beweisen, dass Schreibenlernen deutlich leichter fällt, wenn man die kritischen Faktoren dahinter versteht und die richtigen Übungen dafür in den Unterricht integriert. Wissenschaftlich begleitet wird das Projekt von der Pädagogischen Hochschule (PH) Wien.

Eine schöne Schrift sagt nicht unbedingt etwas über die Schreibqualität eines Menschen aus, so der deutsche Sensomotorikexperte Christian Marquardt. Gemeinsam mit seinem Team hat der Wissenschafter, der auch an der PH Wien unterrichtet, im Auftrag des Stifteherstellers Stabilo International ein Computerprogramm entwickelt, das die Motorik beim Schreiben analysiert. "Wer sich besonders bemüht, die Buchstaben schön zu schreiben, baut möglicherweise eine Blockade gegen flüssige Bewegung auf und steckt später in Schwierigkeiten, wenn ein schnelleres Tempo erfordert wird", erklärt der Experte. "Manche bekommen dann ein Ressourcenproblem und können entweder schön schreiben oder zuhören, aber nicht beides", sagt Marquardt.

Drei Schulen in Wien nehmen Teil

Anstatt das scheinbar perfekte Nachmalen von Buchstaben zu forcieren, wünscht sich der Wissenschafter ein verbessertes Lernumfeld, etwa einen "Erlebnisparcours" für die Kinder. "Beispielsweise einen Wettbewerb: Wer kann's am schönsten? Aber gleich danach: Und wer kann's am schnellsten?" Es klinge paradox, weil die Kinder dabei anfangs wahrscheinlich noch viel mehr Fehler machten. "Aber auch Gehenlernen ist ein motorischer Prozess. Hinfallen ist Teil davon, mit der Übung kommt das Gespür für die Bewegung."

So könnten Kinder oftmals zwar herrliche "Kringel" malen, aber beim Buchstaben O verfielen sie plötzlich in eine Starre, "aus Einschüchterung vor dem Buchstaben-Schreiben". Beim Schreibtraining geht es darum, motorische Kompetenz zu erkennen und einsetzen zu lernen. Auch sollen die Kinder sehen, aus welchen Grundelementen sich ein Buchstabe zusammensetzt oder wie sich langsames oder schnelles Schreiben auf die Form auswirkt. Ebenso erfahren die Kinder, wie sie den Druck kontrollieren oder verfeinern können. Es wäre hilfreich, wenn die Kinder bereits im Kindergarten spielerisch mit dem Alphabet in Berührung kämen, aber nicht durch das Nachmalen von Buchstaben. "Das können sie ja noch gar nicht können", stellt Marquardt fest.

An drei Volksschulen im 23. Bezirk wurden Test- sowie Kontrollklassen mit insgesamt rund 160 Schülern ausgewählt. Die Testungen mit Hilfe des Computerprogramms "Schreibcoach", das die Bewegungsabläufe beim Schreiben analysiert, werden bis Semesterschluss dreimal durchgeführt. In den Testklassen werden einmal wöchentlich spezielle Übungen durchgeführt. (APA)

Radio Eriwan
00
14.10.2011, 13:19
Ob damit auch das "Winkerlstehen" an Wiener Volksschulen vorbei ist?

Carla Sociale
10
14.10.2011, 10:02
Mit der Tastatur des Smartphones kann heutzutage jeder 6-jährige umgehen.

Das mit dem Bleistift und dessen Verwandten ist einfach nicht mehr zeitgemäß.

Carlos Clementin
00
13.10.2011, 22:18

Welcher Viorus verbreitet sich, das Kinder immer unbegabter werden, und sich mit der Schule immer schwerer tun. Im Laufe von Generationen scheinen sich die Motorischen Lernfähigkeiten zurückzubilden, sodass neue Methoden händeringed gesucht werden. Schnell den Nürnberger Trichter konstruieren, bevor wir zum Afefn mutiert sind.

La Balance
00
14.10.2011, 22:38

Der Virus des Desinteresses, der Schnelllebigkeit im Elternhaus. In welchem Elternnhaus wird noch gemalt, gezeichnet, gebastelt, handwerkliches Geschick trainiert?

Denker9
00
14.10.2011, 13:35

In den Volksschulen wird immer weniger in ganzen Sätzen geschrieben, weil die Kinder darauf getrimmt werden, Kreuzerln (wichtig bei verschiedenen Tests) zu malen und einzelne Wörter in Lückentexte zu schreiben.

La Balance
06
13.10.2011, 18:53

Auch diese Aufgabe erfüllt der Kindergarten. Von der Grobmotorik über die Feinmotorik zur Graphomotorik. Das Problem ist nicht der Kindergarten. Das Personal erkennt meist die Problemat eines nicht gut dosierten Muskeltonuses oder Fehlhaltungen. Die Aufgabe liegt auch im Elternhaus. Denn wenn Pädagoginnen die Eltern darauf hinweisen und sogar Adressen von ERgotherapeuten anbieten und die Eltern nicht bereit sind, weil sie meinen, der Kiga ist nicht in der Lage, dies zu erkennen, so ist die Konsequenz, jahrelange Ergotherapie im Volksschulalter

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.