Freude, Energie und Aggression

13. Oktober 2011, 17:15
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"Hit So Hard" von P. David Ebersole porträtiert Ex-Hole-Drummerin Patty Schemel

Es gibt Biografien, die lassen einen staunen, so vieles hat darin Platz. Patty Schemel ist gerade einmal 44 Jahre alt, aber sie hat so vieles erlebt und ist so vieles gewesen, dass es für drei Leben reicht. Ihre Kindheit verbrachte sie in der Nähe von Seattle. Als sie elf war, fing sie, an Schlagzeug zu spielen, wenig später entdeckte sie den Alkohol - und dass sie lesbisch ist. Als das ruchbar wurde, wollten ihre Freundinnen nichts mehr von ihr wissen. Sie wurde Drummerin in der Band Doll Squad, die als Vorband von Nirvana auftrat.

1992 stieß sie zu Hole hinzu; sie nahm damals Heroin und rauchte Crack. Nachdem sie Hole 1997 verlassen hatte, verlor sie jeden Halt; sie lebte auf der Straße und finanzierte ihre Sucht, indem sie Dinge tat, für die sie, obwohl eloquent, selbstbewusst und witzig, noch heute lieber keine Worte findet. Inzwischen wohnt sie in Los Angeles, betreibt erfolgreich eine Art Hundetagesstätte, hat ihre Freundin geheiratet, ist Ko-Mutter und seit mehreren Jahren clean.

Hit So Hard von P. David Ebersole erzählt Schemels erstaunliches Leben auf erstaunlich konventionelle Weise. Interviewsequenzen wechseln mit Archivbildern, Home-Movies und Konzertmitschnitten. Man sieht rührende Bilder von Kurt Cobain und seiner Tochter, wilde Bilder von Courtney Love, man spürt die Freude und die Energie, die zum Schlagzeugspielen dazugehören, genauso wie die Aggression.

Zu Wort kommen neben Patty Schemel unter anderem Courtney Love, Bassistin Melissa Auf der Maur, Gitarrist Eric Erlandson, Schemels Mutter, Musikerinnen wie Debbi Peterson oder Phranc, deren Butch-Charme ein angenehmes Gegengewicht zu etablierten Weiblichkeitsbildern liefert.

Hit So Hard macht kein Geheimnis daraus, dass es um die Geschichte einer Heilung geht. Gegen Ende des Films drängt sich der Feelgood-Faktor dieser Errettungsgeschichte zu sehr auf. Zum Ausgleich bietet Hit So Hard eine charismatische Hauptfigur und Einblicke in die Zeit von Grunge und Riot Grrrlsm, als sich radikaler Feminismus und Popkultur umarmten. Aggression, Wut, sexuelle Experimentierfreude, die Absage an angepasstes Verhalten: All das fand einen Platz, strahlte Richtung Mainstream aus.

Und es gibt noch etwas, was Hit So Hard sehenswert macht. Hole, sagt Schemel, sei wie eine dysfunktionale Familie gewesen, mit Nähe und Vertrautheit, aber auch Verletzungen, Lügen und Verrat. Zum Bruch kam es laut Schemel, weil sie bei den Aufnahmen zum Album Celebrity Skin vom Produzenten gemobbt wurde, ohne dass die anderen Bandmitglieder eingeschritten wären. Noch heute macht das alle Beteiligten - mit Ausnahme der laut polternden Courtney Love - ratlos; die Szenen, in denen sie sich zurückerinnern, sind diejenigen, in denen Hit So Hard am eindringlichsten ist.   (Cristina Nord / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

 

25. 10., Urania, 16.00; 28. 10., Gartenbau, 13.00

  • Porträt und Rückblick auf eine Ära: "Hit So Hard".
    foto: viennale

    Porträt und Rückblick auf eine Ära: "Hit So Hard".

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