RAGE: ids Comeback mit dem Kopf durch die Wand

13. Oktober 2011, 16:16
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Die Doom-Erfinder sind mit Pauken und Trompeten zurück, aber gibt es Grund, hin und weg zu sein?

Als Anhänger der Videospielkultur fällt es einem schwer, id Software nicht zu mögen. Es ist ein wenig so, als spuckte man auf die Hand, die einen füttert. Nicht zuletzt waren es die tüchtigen Pioniere rund um John Carmack, die uns den Egoshooter bescherten und damit den gesamten Markt in Schwung brachten. Die Aufmüpfigkeit eines "Wolfensteins", das technische Konzept von "Doom", das dynamische Mehrspielererlebnis von "Quake" - ein bisschen "id" steckt heute noch in jeder Videospiel-DNS. Nicht für alle, aber definitiv für die sich als Kernspielerschaft bezeichnende Kundschaft ist der Release eines neuen Werks der Kultschmiede daher immer ein Grund zur Aufregung. An "RAGE" feilte man rund fünf Jahre. Nicht nur technisch, auch spielerisch sollte es id in eine neue Ära führen. Eine Revolution im Weltall?

Spacecowboy

Nein, die Revolution muss ausbleiben - aber ins Weltall geht es dennoch. Als einziger Überlebender eines mysteriösen Projekt Eden, erwacht man 100 Jahre nach verheerenden Meteoriteneinschlägen in den Schuhen eines Erinnerungslosen auf einem komplett verwüsteten Planten. Gerettet vor fremdartigen Mutanten landet man in der Obhut eines zähen Siedlers und muss feststellen, dass die Zukunft mehr Wellblechdach als Raumschiff Enterprise ist. In den Schluchten massiver Felsgesteine, umgeben von der Erbarmungslosigkeit der Wüste und raubenden Banditen, haben sich Überlebende in behelfsmäßigen Dörfern zusammengerottet. Es herrscht das Gesetz des Stärkeren.

Buggy-Schlacht

So gilt es sich gleich erkenntlich zu zeigen und man willigt ein, dem freundlichen Retter einen Gefallen zu tun - und zwar ein Banditennest auszuräuchern. Auf dem Weg ins Abenteuer zeigt sich bereits, dass id den Pfad vom Korridorshooter verlassen hat und sich zu einem offeneren Erlebnis entschied. Das bedeutet zwar keine offene Welt wie in "Grand Theft Auto", doch man muss nun schon einige Meilen mit dem Buggy oder Quad zurücklegen, um an den Ort des Geschehens zu gelangen. Zwischendurch lassen sich sogar waschechte Rennen organisieren, sodass man sich kurzfristig im falschen Film fühlt, würde man dabei nicht schweres Geschütz einsetzen müssen. Angekommen in der Höhle der Löwen oder besser gesagt Mutanten ist man dann rasch wieder in vertrauten Gefilden.

Keine Tontauben

Gegner stürzen auf einen herein, hüpfen im Zick-Zack-Muster, krümmen sich am Boden liegend und springen schlussendlich wieder auf, bis man den Kopf erwischt. Nein, das ist kein Tontaubenschießen wie in "Call of Duty", in RAGE muss man sich wie in "guten alten Zeiten" jedes Durchschnaufen hart verdienen. Die Belohnung wird in Blei ausbezahlt. Tatsächlich motiviert ein von Rollenspielen inspiriertes System zum Ausbau des Waffenarsenaals. Das bedingt, dass man Sammlerqualitäten entwickelt, Leichen nach Utensilien durchsucht und so sein Werkzeug stetig verbessert. Das ist auch bitter nötig, denn die Schergen der Gauner-Clans agieren schlau und stecken viel weg. Explosivgeschoße und Scharfschützengewehr sollten in jedem Inventar auffindbar sein.

Technik von morgen

Es ist fast eine Schande, dass die eigentliche Handlung dann recht abrupt endet und das Bedürfnis zurückbleibt, tiefer in diese Welt eintauchen zu können. Denn RAGE bietet dank des dahinterstehenden neuen Grafikgerüsts id Tech 5 ein auch optisch faszinierendes Universum. Einer Innovation namens Megatexture ist es zuzuschreiben, dass sich praktisch kein Fleck in dieser potentiell monotonen Einöde wiederholt. Jeder Fels, jedes Haus, jede Höhle ist von Hand gezeichnet. Die Charaktere sind geschmeidig animiert, die Vehikel wirbeln spektakulär viel Staub auf.

Auf der anderen Seite hatte die Schönheit wohl ihren Preis. Wer sich eine Interaktivität wie bei "Battlefield 3" erwartet, in dem jedes Haus dem Erdboden gleichgemacht werden kann, wird enttäuscht. Die makellose, alles umspannende Riesentextur zeugt von unerschütterlicher Statik, könnte man meinen. Je nach Version (PC, PS3, Xbox 360) mal mehr, mal weniger kämpft das System zudem mit so genanntem Texture-Pop-in. Was zu erkennen ist, wenn Texturen ein wenig Zeit brauchen, bis sie nachgeladen werden.

Oldschool und auch nicht

Und auch sonst lässt RAGE Spuren der Zeit durchblitzen. Manuelles Speichern etwa soll die Spannungsmomente erhöhen, es lässt sich aber nicht verbergen, dass es auf Dauer ziemlich nervt nach jeder Schrecksekunde das Menü aufzurufen. Es ist fast so, als wollten die alten Hasen selbst bei den kleinsten Details der neuen, mit dem Strom schwimmenden Entwicklerriege klar machen, dass ihr damals erfundenes Rad bereits die richtige Rundung hatte.

Dann wieder überrascht der Mehrspielermodus, der von alten Traditionen kaum etwas zu halten scheint. Ein Coop-Modus für zwei Gefährten sowie ein Bewerb für Auto-Schlachten stehen bereit. Machen beide Spaß, doch fragt man sich, wo ids klassische Deathmatch-Auseinandersetzungen geblieben sind.

Fazit

Wenngleich mit dem Kopf durch die Wand: Es ist ein gelungenes Comeback. Es tut gut, id wieder zurück zu wissen. In einer Zeit, in der Shooter oft nach mehr aussehen, als sie an spielerischer Herausforderung eigentlich bieten, sorgen die kniffligen Gegner in RAGE für willkommene Abwechslung. Die Technik beeindruckt, dürstet aber merklich nach der nächsten Hardware-Generation. Was bleibt, ist eine sehr eigene, starke Mischung aus Spacecowboy-Shooter, Rollenspiel und Arcade-Racer, die aber vielleicht zu wenig Sternstunden zählt, um hoch herauszuragen. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 13.10.2011)

RAGE (id Software/Bethesda) ist für PC, PS3 und Xbox 360 erschienen. Sagen Sie uns Ihre Meinung!

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RAGE

  • RAGE (id Software/Bethesda) ist für PC, PS3 und Xbox 360 erschienen. Sagen Sie uns Ihre Meinung!
    foto: bethesda

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