Der Staub auf dem amerikanischen Traum

13. Oktober 2011, 17:14
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Eines der sehenswertesten Specials der Viennale gilt der US-Filmessayistin Lee Anne Schmitt, die in ihren Arbeiten verlorengegangenen Utopien und ausgehöhlten Mythen nachspürt und dabei sehr gegenwärtig bleibt

Mit Orten der Kindheit verbindet man in der Regel die unauslöschlichsten Erinnerungen. Die US-Filmemacherin Lee Anne Schmitt und ihr Ko-Regisseur Lee Lynch kehren in dem Kurzfilm The Wash (2005) in jenes trockene Marschland im kalifornischen Newhall zurück, in dem sie aufgewachsen sind. Noch immer finden sich dort die kleinen Würmer im Schlamm, mit denen sie früher gespielt haben, aber vieles andere ist verschwunden: Die Wildnis, die hinter dem Haus begonnen hat und in der sich auch immer wieder Leute fanden, die aus der Gesellschaft gefallen waren, ist heute von den adretten neuen Einfamilienhäusern abgeschnitten. "It's strange for me to be so young and already so nostalgic", kommentiert Schmitt knapp aus dem Off.

Es handelt sich um einen charakteristischen Moment im Schaffen der am California Institute of Arts ausgebildeten Schmitt, spürt sie doch in vielen ihrer essayistischen Arbeiten einer verschütteten Vergangenheit nach, mit der zumeist auch eine andere Perspektive auf "ihr" Land, den Südwestens der Vereinigten Staaten, einhergeht. Nostalgie beschränkt sich dabei nicht auf den wehmütigen Blick auf das einmal Dagewesene. Es geht vielmehr um Potenziale, die uneingelöst blieben, um trockengelegte Parallelgeschichten, erloschene Politiken, welche, einmal wiederentdeckt, die Gegenwart unter einem anderen Licht erscheinen lassen.

In dem 40-minütigen Awake and Sing (2003) knüpft sich diese Idee noch an eine konkrete Person, den linken Dramatiker und Drehbuchautor Clifford Odets, der in den 1930er-Jahren der erste feste Autor des New Yorker Group Theatre war und dort mit dem Drama einer jüdischen Familie, Awake and Sing!, auch sein gefeiertstes Stück produzierte. Schmitt fertigt allerdings alles andere als ein gängiges Porträt, sondern betreibt tatsächlich so etwas wie einer Vergegenwärtigung von Odets' Denken, indem sie Ausschnitte aus seinen frühen, sozialistisch inspirierten Stücken szenisch nachstellt und parallel dazu Auszüge aus seiner Biografie vermittelt, die wie die viele anderer linker US-Autoren in der Desillusionierung endet - Odets wurde vor McCarthys Comitee of Un-American Activities geladen; er war auch Vorbild für Barton Fink, den traurigen Stubenhocker aus dem Filmdebüt der Coen-Brüder.

California Company Town (2008) und The Last Buffalo Hunt (2010), die beiden Langfilme von Schmitt, betreiben ihre Archäologie einer amerikanischen Ideengeschichte schließlich expansiver. In Ersterem fährt sie das kalifornische Innenland ab und filmt - wie in allen ihrer Arbeiten in statischen Einstellungen, die das Periphere ins Zentrum rücken - an Orten, die einst von der Industrie bestimmt waren, heute aber oft zu Geisterstädten mutiert sind. Nicht nur weil Menschen in California Company Town fast nur in Archivaufnahmen zu sehen sind, erscheint dieser Film mitunter wie ein Stück dystopische Science-Fiction: die Vermessung eines historischen Kapitalismus, dessen Zugriff auf das Land irgendwann als überholt galt.

Eine vergleichbare Bewegung vom (oftmals verklärten) Aufbruch der Pioniere zum touristischen Sinneskitzel und zu den historischen Themenparks der Gegenwart beschreibt The Last Buffalo Hunt. Die Bisonjagd liefert dabei das Anschauungsmaterial, das die Ideologie der Gründerväter - die Zähmung bzw. Auslöschung der Wildnis, die Versetzung der "last frontier" - sichtbar werden lässt. Schmitts Anker bleibt aber auch hier die Gegenwart, jene des Tourguides Terry Albrecht, dessen Jagdangebote immer sinnentleerter erscheinen. Der grausam lange Tod eines Tieres reißt dann auch eine Wunde auf, die den Verlust jedweder Utopie zum Ausdruck bringt.  (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

  • Wilder Westen, anno 2010: In "The Last Buffalo Hunt" widmet sich Lee 
Anne Schmitt dem Bison, das einst die Ureinwohner Amerikas ernährte und 
heute fast ausgestorben ist.
    foto: viennale

    Wilder Westen, anno 2010: In "The Last Buffalo Hunt" widmet sich Lee Anne Schmitt dem Bison, das einst die Ureinwohner Amerikas ernährte und heute fast ausgestorben ist.

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