Biopsychosoziale Kompetenz

Kommunikation als Wirk- und Heilmittel in der Humanmedizin

13. Oktober 2011, 12:24

In Graz erlernen angehende Mediziner die Gestaltung professioneller Arzt-Patienten-Gespräche

Graz - Der Arztberuf ist ein kommunikativer Beruf. Der Patient will mit seinen Beschwerden, Ängsten und Vorstellungen wahrgenommen werden und fordert Aufklärung hinsichtlich Diagnose und Prognose. Der Arzt wiederum ist auf die Mitarbeit des aufgeklärten Patienten angewiesen, denn im Behandlungsverlauf beeinflusst Kommunikation ganz wesentlich den Therapieerfolg. Die Ausbildung zukünftiger Ärzte im Bereich der kommunikativen Kompetenz ist unbestritten von großer Bedeutung. Die Medizinische Universität Graz hat deshalb den ersten Lehrstuhl mit Schwerpunkt kommunikative Kompetenz errichtet.

Fakt ist: Die Erwartungen der Patienten werden oft nicht zufriedenstellend erfüllt. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen sowohl auf Seiten des Arztes als auch beim Patienten selbst. So wissen  Patienten beispielsweise nicht was und wie sie mit dem Arzt kommunizieren sollen, und sprechen von sich aus wichtige Themen deshalb gar nicht erst an. 

Der Arzt nimmt seinerseits an, dass der Patient keine Fragen hat, weil er keine stellt. Hier braucht es eine beiderseitige Verbesserung der kommunikativen Kompetenz. Der Patient ist aufgefordert, besser vorbereitet in das Gespräch mit dem Arzt zu gehen und beispielsweise eine Stichwort-Liste zu den wichtigsten Fragen mitzubringen.

Biopsychosoziale Kompetenz

Und Ärzte sollten lernen, relevante Inhalte und Anliegen zu erfragen, wenn diese nicht vom Patienten selbst angesprochen werden. „In der biopsychosozialen Medizin hat die Kommunikation einen bedeutsamen Platz. Denn der Arzt nützt hier die „Arznei", das „Messer" und auch das „Wort" gleichermaßen als therapeutische Werkzeuge". Auf diese Weise erreichen wir eine ganzheitliche, d.h. integrierte Medizin auf wissenschaftlicher Basis," so Josef W. Egger.

An der Med Uni Graz wurden die entscheidenden Maßnahmen gesetzt, wie zum Beispiel die Einführung des Moduls „Kommunikation/Supervision/Reflexion". Das verpflichtende Modul leistet einen wesentlichen Beitrag zum Erwerb biopsychosozialer Kompetenz im Studium der Humanmedizin. Wissen, Fertigkeiten und professionelle Haltung werden den Studierenden in vier Lehrveranstaltungsreihen vermittelt. Es wird sowohl das Gestalten eines professionellen ärztlichen Gespräches als auch das Gelingen einer Problem lösenden Arzt-Patienten-Beziehung erlernt.

„Seit Jahrzehnten wird die mangelnde kommunikative Kompetenz der Akteure im
Gesundheitswesen beklagt. Die Medizinische Universität Graz hat das bereits vor Jahren durch
die Etablierung des biopsychosozialen Modells als Grundlage der Studiengänge entschieden in
Angriff genommen. Durch die Professur von Prof. Egger erfährt das Thema eine weitere
Aufwertung und sichtbare Optimierung", so Josef Smolle, Rektor der Med Uni Graz. (red)

Floaschkas
01
14.10.2011, 13:58
"biopsychosoziale Kompetenz" - welch schönes Wort, WOW! Seit wieviel Jahrzehnten weiß man im Grunde um die Notwendigkeit, Leidenszustände von Menschen ganzheitlich in den Dimensionen des Biologischen, Psychischen und Sozialen zu erkunden und auch in

allen diesen 3 Dimensionen zu behandeln? Ein Standard, für welchen längst die Wissens-Voraussetzungen bestehen. Alleine die Ausbildungsstätten und die klinische Praxis hinken katastrophal hinterher.

Dabei ist mein Eindruck, dass nichtmal die allgemein gravierend-fehlenden kommunikativen Kompetenzen der Ärzte gegenüber den Patienten (freilich gibt's löbliche Ausnahmen) der schlimmste Bereich sind, sondern die schlechte Kommunikation unter Ärzten, bzw. zwischen Ärzten und sonstigem medizinischen Personal die noch schlimmeren Mißstände darstellt.

Ich weiß aus eigener Erfahrung eines Krankenhausaufenthalts, dass Auswirkungen davon systematisch an grobe medizinische Gefährdungen und Fahrlässigkeiten herankommen.

witchdoctor
00
13.10.2011, 21:00
Ein Lehrstuhl für Psychosomatik und psychosoziale Medizin wäre besser!

Prof. Gathmann in Wien macht schon seit Jahren Kurse für Psychosomatik für Mediziner, da lernt man auch die nötige sprachliche Kompetenz.
Kommunikation funktioniert nur, wenn es ein Verstehen des Arzt-Patiente-Vertrages gibt, und das wird im normalen Medizinstudium total vernachlässigt.

erich1963
02
13.10.2011, 20:31
Auch wenn ich solche Lehrveranstaltungen grundsätzlich begrüße,..

...ändern sie doch wenig am Grundproblem, dass Ärzte aufgrund von organisatorischen Zwängen (=Zeitmangel) Patienten mit konkreten Fragen als lästig erleben.

super cat
00
16.10.2011, 00:07

Was hindert einem Mediziner daran, während einer Routinebehandlung z. B. Blutabnahme, Infusion anhängen, mit dem Patienten zu reden, das dauert deswegen keine Sekunde länger. Beim Eintreten in ein Spitalszimmer zu grüßen erscheint dem Jungmediziner auch nicht notwendig wenn dort Kassapatienten liegen. Beides habe ich von einem Aufenthalt als Kassapatient in der Rudolfsstiftung sehr ungut in Erinnerung.

erich1963
00
16.10.2011, 21:50
Stimmt.

Zum Zeitstress kommt auch der Benimmstress. ;-)

Anne Vian
00
13.10.2011, 18:39
ja genau....wenns nur so wäre

Egger ist kein Mediziner und hat deshalb auch recht wenig praktische Ahnung vom Arzt-Patienten-Gespräch.

Auch wird hier sehr wohl die Theorie des KSR richtig dargestellt, was aber in der Realität sehr anders aussieht, da es kein verpflichtendes Gesamt-Konzept über die Inhalte gibt. Es hängt also stark vom jew. Gruppenleiter ab, was gelehrt wird!

Ich durfte z.B. beim KSR2 (Thema Ethik)eine Philosophin "genießen", die behinderten Neugeborenen und Frühgeburten das Lebensrecht abspricht - im Einklang mit Kuhse und Singer. weiters war es wichtiger über die Phänomenologie in der Ethik zu sprechen, als dass über Ethik und deren Bedeutung nur 1 mal geredet wurde.

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