Böhse Autoz

17. Oktober 2011, 17:06
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Eine Welle an mattschwarzen Luxusschlitten lässt die Autowelt erschaudern. Rudolf Skarics dachte über die Farbe nach, die eigentlich gar keine ist

Der Farbe des Automobils wird allerlei Bedeutung zugeschrieben. Mit dem sich wandelnden Zeitgeist gibt es natürlich allgemeine, dem individuellen Ausdrucksvermögen übergeordnete Trends. Prägnantestes Beispiel aus jüngeren Tagen: Just als die Polizei beschloss, keine weißen Autos mehr zu ordern, weil diese als Gebrauchtwagen schier unverkäuflich schienen, kreierten die automobilen Modeschöpfer neue Weißtöne und lullten uns damit effektvoll und selbstverständlich gewinnbringend ein. Doch mitten in diese gesellschaftliche Gegenbewegung zu Anthrazit, Grau und Schwarz platzte ein völlig neues Farbphänomen: der panzermatte Luxusschlitten. Lamborghini in Speibfarbe, nur Schwarz, keine Farbe eigentlich, die aber matt. Im Grunde wie die Grundierung eines Ersatzkotflügels. Welch ein Signal für die Gesellschaft!

Nachdem ein luxuriöses und dabei äußerst unpraktisches Auto, und um ein solches handelt es sich in der Regel bei einem Supersportwagen, früher allerorts und alleweil durchwegs große Bewunderung erfuhr, ist die Stimmung mittlerweile gekippt. Die Speerspitzen der rhythmisch wiederkehrenden Wirtschaftswunder vergangener Jahrzehnte haben sich abgenützt. In der derzeit krankhaft pulsierenden Krise sind die Symbole des Reichtums offenbar nun ganz abgestumpft, weil das Bad im Geld ja immer weniger Leute für sich als erreichbar erachten, höchstens noch mit einem Super-Ultramillionen-Lottogewinn, aber sicher nicht durch Fleiß und Köpfchen oder gar der Hände redlicher Arbeit.

Der Lambo, der Ferrari, der Bentley stehen plötzlich da, frisch grundiert sozusagen und brüllen mattschwarz: Spray mich doch an, wenn du dich traust, und der wahre Graffiti-Künstler würde eher eine Bombe werfen als hier und jetzt zur Spraydose zu greifen. Oder: Understatement? Wer glaubt, dass sich eine immer massiver kritisierte Gesellschaftsschicht nun in mattschwarze Bescheidenheit zurückzieht, sitzt möglicherweise auch auf dem falschen Dampfer, erinnert diese Farbgebung doch eher an Tarnung, Krieg und Verheerung. Das könnte es wohl eher sein: Der Reichtum bedient sich militärischer Symbolik, um seine Wehrhaftigkeit zu unterstreichen. So können wir froh sein, dass es sich letztlich nur um Autos handelt, nicht wertvoll genug, um wahre Kriege anzuzetteln, und seien sie noch so teuer und noch so mattlackiert.

Und eigentlich darf schon Entwarnung gegeben werden: Schon haben die Trittbrettfahrer den strengen Mief aus der Thematik entweichen lassen. Vergleichsweise kleinkarierte Kombilimousinen von der Premiumklasse bis zu fernöstlicher Billigware, geradezu klassenlos und ganz ohne Klassenlos, werden mittlerweile mattschwarz lackiert, selbst die Fahrzeughersteller bieten diese nunmehr doch nicht wirklich ernst zu nehmende optische Art der Kriegserklärung ab Werk an.

Und wenn wir genauer auf dieses Phänomen sehen, ist bereits mit dem zweiten Lamborghini, der in Mattschwarz ausgeliefert wurde, der Stoppel gezogen worden. In dem Moment, wo sich das Volk in seinen GTIs und Civics von einem elitären Trend erfassen lässt, ist es aus mit elitär. Und seit man seinen roten Ferrari für lächerliche fünf- bis zehntausend Euro absolut perfekt mit Folie bekleben lassen kann, lässt sich die Modefarbe vor dem Wiederverkaufen auch noch rückstandsfrei runterkletzeln, falls Mattschwarz grade mal nicht mehr ganz so hip sein sollte.

Wer jetzt ob dieser Diagnose ein wenig enttäuscht ist und seinem Luxusschlitten ein wirklich subversives Auftreten verschaffen möchte, der sollte sich lackierungstechnisch bei englischen VW-Bus-Clubs inspirieren lassen. Dort werden kostbare Typ-1-Oldtimer zu absoluten Wracks aufpoliert. Die liebevoll drapierten Rostlöcher erinnern atmosphärisch an den zärtlichen Kitsch einer historischen Laura-Ashley-Tapete, was wohl ein bleibender Kontrast zu allem Bösen in der Welt sein möge. (Rudolf Skarics/DER STANDARD/Rondo/14.10.2011)

 

  • Auch den Lamborghini Gallardo gibt's in hippem Kriegserklärungsschwarz.
    foto: laggers.at

    Auch den Lamborghini Gallardo gibt's in hippem Kriegserklärungsschwarz.

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