Die Unmöglichkeit einer Insel

13. Oktober 2011, 16:54
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Madeira ist der Manufactum-Katalog touristischer Destinationen, der uns weismacht: Es gibt sie noch, die Dinge, die zum gediegenen Leben beitragen

Madeira, behaupten manche Mythologen, sei das zeitlose Kind einer brasilianischen Göttin und eines schottischen Highlanders. Der Vergleich hat etwas: Üppiges Urwaldgrün wird gesäumt von schroff abfallenden Küsten, nebeliges Hochland variiert mit Kamelienalleen, Augenlust, die im Kontrast entsteht.

Natürlich hält die Schöpfungslegende dem kritischen Blick der Wissenschaft nicht stand. Vor zwei Millionen Jahren, lange bevor sich der erste Lurch daran machte, das schottische Hochland zu erkunden, hatte sich der Archipel von Madeira in einer gewaltigen Anstrengung der Erdkruste aus dem Atlantik gehoben.

Madeira liegt 500 Kilometer vor der afrikanischen Küste, auf der geografischen Breite von Marrakesch. Die Matrix der Insel ist überschaubar, Madeira ist etwas kleiner als Berlin, in west-östlicher Richtung durchquert man die portugiesische Provinz mit dem Auto in weniger als einer Stunde.

Dem Besucher vermittelt die Insel das Bild großer Milde. Das Klima wirkt ganzjährig ausgeglichen wie ein Yogalehrer aus München, an pensionär kommoden Wegen wachsen hermaphroditisch elegante Callas, freundliche Rhododendren, charmante afrikanische Liebesblumen.

Die Gästeschar, aus der die Atlantikinsel ihr Einkommen gewinnt, ist im Schnitt etwas älter als anderswo, aber zumeist noch ganz gut zu Fuß. Man sieht sie mit kleinen Rucksäcken ständig auf der Suche nach den Levadas, den alten Wasserkanälen, die in die Berghänge geschnitten sind. Die Levadas, das bekannteste Bauwerk der Insel, bilden ein dichtes, über 2000 Kilometer langes Netz, das die Plantagen im trockenen Süden mit Wasser aus dem regenreichen Norden versorgte. Entlang der Kanäle trippeln nun Wanderpaare in die tiefen Täler der Insel. Behände weichen sie den entgegenkommenden Paaren aus, lächeln viel und grüßen solidarisch in ihrer Landessprache. Trittsicherheit ist bisweilen notwendig, Schwindelfreiheit von Vorteil.

Die Schönheit des Ausblicks, den die Kanalwege an den Kehren gewähren, verschafft den Älteren barmherzige Atempausen. Der Blick über die Hügel hinaus aufs Meer kommt alteuropäischen Paradiesvorstellungen recht nahe und setzt regelmäßig Seufzer der Empfindsamkeit frei. Betrachtet man die Wanderer dann beim Betrachten, kann man noch etwas anderes in ihren Blicken erkennen. Es ist, als ob ein unsichtbarer Dritter in diesen Momenten über ihre Schulter blickt, dem sie in träumeliger Stimmung Rechenschaft ablegen.

Madeira ist der Manufactum-Katalog touristischer Destinationen: Es gibt sie noch, die schönen gediegenen Dinge, in ihrem Erleben spiegelt sich mitten im Atlantik die eigene Lebensgeschichte als ein schönes gediegenes Ding. Die Wanderpaare blicken auf ein Leben, das halbwegs trittsicher und schwindelfrei verlaufen ist und noch weiter verlaufen könnte in den zwei, drei Jahrzehnten, die bleiben, so lange der Generationenvertrag hält und bevor - absehbar wie unvermeidlich - die Rollatorphase beginnt. Es ist irgendwie gutgegangen mit dem Leben. Wären sie ein paar Jahre jünger, würden sie sich die Wanderhosen vom Leib reißen und am moosweichen Grund vor Glück übereinander herfallen.

Der Meer- und Selbstzufriedenheitsblick ist seit 150 Jahren das Unterpfand des Auskommens der Madeirer. Nach dem Getreide, nach dem Zuckerrohr, nach dem Wein wird der Gast bewirtschaftet.

Touristische Monokultur

Die touristische Monokultur birgt freilich ihre Risiken. Zwei Katastrophen erschütterten Madeira im Vorjahr. In der Nacht des 20. Februar verwüsteten Sturzfluten die Insel und rissen 42 Menschen in den Tod. Was für Karibikinseln oberhalb des Hurrican-Belts Jahr für Jahr zur Schule der Geläufigkeit gehört und rasch ausgestanden gewesen wäre, erwies sich für Madeira als tödliches Desaster an der Medienfront. Das Bild der milden Idylle, Geschäftsgrundlage der Insel, wurde nachhaltig gestört.

Der zweite Sturm brach ebenso unbarmherzig und plötzlich über die Insel herein, er entstammte der virtuellen Welt der Ziffern und Zahlen. Die Krise des Finanzkapitals erschütterte den Bau- und Immobilienmarkt Madeiras. Jeder zehnte Madeirer ist heute arbeitslos, die Schulden haben 2010 mit fünf Milliarden Euro einen Spitzenstand erreicht. Es wird ungemütlich im Paradies.

In hohem Maße künstlich war die Ökonomie Madeiras schon seit Jahren. 1987 war es Alberto João Jardim, Madeiras umstrittenem rechtskonservativen Regionalpremier, gelungen, internationale Unternehmen mit niedrigem Mehrwertsteuersatz und Steuerbefreiungen auf die Insel zu ziehen. Auf der Liste der Offshore-Berater rangierte Madeira bis vor kurzem weit oben. Die Insel, heißt es in Prospekten, stehe "cleveren Unternehmern" offen, die die Steuervorteile nutzen und nach Büroschluss "auch gerne mal eine Stunde golfen wollen". Swatch fakturiert fast steuerfrei über Madeira und streift dabei riesige Gewinne ein, ebenso wie rund 3000 andere Firmen, die einen Briefkasten auf der Insel betreiben. Für 2012 wurde das Ende der Freihandelszone verfügt, die Vertreibung der Cleveren aus dem Steuerparadies hat verheerende fiskalische Folgen: Die Zahl der auf Madeira registrierten internationalen Firmen hat sich halbiert, der Tross zieht weiter.

Ende April 2011 hat die portugiesische Regierung den lange erwarteten Offenbarungseid über ihren maroden Staatshaushalt geleistet. Mitte Mai wurde der von der EU beschlossene Rettungsschirm über Portugal aufgespannt. Der 78-Milliarden-Paraplui ist nicht kostenfrei. Wie im Fall Griechenlands wird die europäische Hilfe an Privatisierungen und Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor geknüpft. Der Ruf nach "Solidaritätsvorleistungen", wie es Jean-Claude Juncker formuliert, treibt engagierten Sozialpolitikern den Angstschweiß auf die Stirn.

Der globale Sturmwind war für die Tourismuswirtschaft Madeiras ein schwerer Schlag. Der Markt für Paradiese ist volatil, die nomadischen Silberrücken, auf die man gesetzt hatte, sind treulos. Wenn die Levadas einmal abgehakt sind, streben sie im Erlebnishunger nach neuen Zielen: zum politisch bewussten Ökourlaub nach Mali, zu den Berggorillas Ugandas oder solidarisch nach Tibet. Der Gästerohstoff wird kostbar, man tut, was man kann: Rafting- und Trekkingtouren werden angeboten, Tauchkurse trotz atlantisch frostiger Wassertemperaturen. Porto Santo, zwei Stunden mit der Fähre entfernt, verfügt über einen weitläufigen Sandstrand. Die Körner, so heißt es fast verzweifelt, sollen heilsame Wirkung haben.

Den getreuen Älteren, den Wiederkehrern mit Jackett, weißer Hose und Krawatte begegnet man an der Estrada Monumental von Funchal, spätnachmittags beim Tee in Reid's Hotel und danach beim Dinner. Im Cliff Bay Hotel empfängt Chef Benoît Sinthon aus Paris seine Gäste einmal pro Woche zu "Dinner and Dance". Das Gallo d'Oro - niedrig gehängte Decke, cremefarbene Stilmöbel, rote Teppiche - verströmt den Charme einer Raststätte in Miami. Der Maître de Plaisir am Eingang macht ein ernstes, strafendes Gesicht. Die Kellnerinnen sind kostümiert, sie tragen breite Hosenträger über den weißen Blusen, die bistrofranzösisch anmuten sollen. Sie murmeln, wenn sie die Teller abstellen, die jeweils servierte Speise: "A savarin of edible-crab and wild salmon, crispy langoustine, truffled olive oil foam. Enjoy!"

Die bunten Speiseinseln verlieren sich auf dem wagenradgroßen Teller. An den Tischen Männer mit Bluthochdruck, die aussehen, wie man sich Antiquitätenhändler und Scheckbetrüger bei Graham Greene vorstellt, Frauen in babyrosa Kaschmirwesten. Zum Tanz spielen zwei ausgebuffte mittelalterliche Musiker auf, sie spielen alles von Sinatra bis Elvis, und alles klingt ein wenig nach Carpenters. Bei Save the last dance for me hält es Bluthochdruck nicht länger an seinem Tisch. Er zieht eine Frau, wohl seine Mutter, aufs Parkett. Sie kichert. Beide halten sich an den Armen und wackeln dahin. Um zehn Uhr ist Schluss. (Ernst Strouhal/DER STANDARD/Rondo/14.10.2011)

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    Das Klima auf Madeira wirkt ganzjährig ausgeglichen wie ein Yogalehrer aus München.

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    Wanderpaare wissen das zu schätzen.

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    Winston Churchill ist auf Madeira nicht gewandert, sondern beschränkte sich auf die Erkundung der Landschaft mit dem Pinsel.

  • Anreise & Unterkunft
Anreise: Neben Charterflügen tägliche  Linienverbindungen der Air Portugal (TAP) von Lissabon nach Madeira.  Veranstalter: Blaguss Touristik, A-1040 Wien, Wiedner Hauptstraße 15,  Tel.: +43 (0)1/501 80-840; Informationen zur  politischen Geschichte Madeiras: Centro de Estudos de História do  Atlântico, Rua dos Ferreiros 165, Funchal
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    Anreise & Unterkunft

    Anreise: Neben Charterflügen tägliche Linienverbindungen der Air Portugal (TAP) von Lissabon nach Madeira. Veranstalter: Blaguss Touristik, A-1040 Wien, Wiedner Hauptstraße 15, Tel.: +43 (0)1/501 80-840; Informationen zur politischen Geschichte Madeiras: Centro de Estudos de História do Atlântico, Rua dos Ferreiros 165, Funchal

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