München versetzt Microsoft mit Linux-Votum Stich mitten ins Herz

1. Juni 2003, 13:35
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Softwaregigant beklagt ideologisch geprägte Vorurteile und unfairen Wettbewerb

Auf den 30-Millionen-Euro-Auftrag der Stadt München, ihre Computer mit neuer Software zu versehen, war Microsoft nicht unbedingt angewiesen. Rund sieben Milliarden Euro Umsatz machte der Softwaregigant allein im vergangenen Geschäftsquartal, da fällt die Ausstattung von 14 000 PC nicht so sehr ins Gewicht. Im Prestigekampf gegen die Open-Source-Bewegung hat die Niederlage für Microsoft jedoch eine hohe symbolische Bedeutung: Die Ratsversammlung der Stadt hat mit ihrem Votum für das freie Betriebssystem Linux und OpenOffice dem weltgrößten Softwarekonzern einen Stich mitten ins Herz versetzt.

"Linux ist ein Stück Freiheit"

Die Wettbewerber von Microsoft triumphierten nach der Entscheidung des Stadtrats: Walter Raizner, Chef von IBM Deutschland, sagte: "Linux ist ein Stück Freiheit. Offene Standards erlauben es Unternehmen und Kommunen selbst zu entscheiden, wann und in welche Software sie investieren." Die Entscheidung sei der Ritterschlag für Linux in der öffentlichen Verwaltung und ein weiterer Beweis dafür, dass Deutschland eine weltweit führende Rolle beim Einsatz von Linux einnehme.

Fall der Berliner Mauer

"Durch diesen Entschluss setzt München ein Zeichen für alle Kommunen sowie den Mittelstand, sich aus der Umklammerung eines Monopols zu befreien", sagte Martin Häring, Marketing-Direktor der Sun Microsystems. Und Richard Seibt, Vorstandsvorsitzender der SuSE Linux AG, sprach sogar von einer historischen Entscheidung: "Was in der großen Weltpolitik der Fall der Berliner Mauer war, das wird dieses Votum in unserer Branche sein."

Office-Preise weltweit um 15 Prozent gesenkt

Selbst wenn man einen großen historischen Vergleich scheut, dann ist vielen Beobachtern dennoch klar, dass Microsoft künftig in Schwierigkeiten kommen kann. Insbesondere das Office-Programm, bislang die ertragreiche "Cash-Cow" von Microsoft, wird künftig nicht mehr zu den hohen Preisen vermarktet werden können wie bisher. Das hatte die Konzernzentrale in Redmond schon erkannt und wenige Stunden vor der Entscheidung in München die Office-Preise weltweit um 15 Prozent gesenkt.

Microsoft muss nun befürchten, dass das Beispiel München Schule macht. Nachdem die Stadt Schwäbisch Hall sich als erste Kommune Deutschlands für eine Microsoft-freie Computerlösung entschieden hatte, trafen bereits Anfragen aus aller Welt ein, wie man denn konkret ohne die Programme des Software-Marktführers auskommen kann. Dieser Effekt dürfte sich jetzt in einem wesentlich größeren Ausmaß wiederholen.

"Wir sind der Überzeugung, dass unser Angebot das wirtschaftlichste war."

Microsoft-Sprecher Hans-Jürgen Croissant glaubt nicht an diesen Domino-Effekt: "Wir sind der Überzeugung, dass unser Angebot das wirtschaftlichste war." Microsoft sehe in der Stadtverwaltung München weiterhin einen wichtigen Partner und Kunden, mit dem man etwa im Bildungsbereich gut zusammen arbeite.

Klärung

Jürgen Gallmann, Geschäftsführer von Microsoft Deutschland, muss seinem obersten Chef in den USA, Steve Ballmer, jetzt aber erklären, warum ausgerechnet München, der Sitz der deutschen Microsoft- Niederlassung, auf Windows XP und Microsoft Office verzichten will. Schließlich hatte CEO Ballmer für ein Gespräch mit dem Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) eigens seinen Urlaub in der Schweiz unterbrochen. Und Microsoft-Gründer Bill Gates hatte zum 20. Jahrestag der Gründung von Microsoft Deutschland noch nette Worte von Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) gehört.

Softwaregigant beklagt ideologisch geprägte Vorurteile und unfairen Wettbewerb

Im Vorfeld der Entscheidung hatte Microsoft jedoch bereits von ideologisch geprägten Vorurteilen gesprochen und sich über einen unfairen Wettbewerb beklagt, da IBM und SuSE ihr Angebot in Kenntnis der Microsoft-Offerte noch einmal verändern durften.

Ob in München tatsächlich das Anbieter-Duo IBM und SuSE zum Zuge kommen wird, steht noch nicht fest. Theoretisch könnten auch andere Anbieter wie HP oder Fujitsu-Siemens berücksichtigt werden. "Jetzt beginnt die Arbeit, in einem Feindesign die Dinge festzuhalten, die der Stadt wichtig sind", sagt SuSE-Chef Seibt. Außerdem müsse das Vertrauen der Mitarbeiter gewonnen werden, die an den neuen Computern arbeiten werden. (APA/dpa/red)

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