Moskau, kosmisch

10. Juni 2003, 16:38
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Dmitrij Prigow erzählt sein Leben anhand der Geschichte der UdSSR (nicht)

Es heißt, das Gedächtnis mit seinen ungenauen Daten, Ereignissen und Bildern von Personen wird immer bereit sein, sich einer größeren Macht zu unterwerfen." Aber was, wenn diese Macht eine der unerbittlichsten aller da gewesenen ist - die Sowjetmacht? Dmitrij Prigow beantwortet diese Frage in seinem Buch Lebt in Moskau! (zu lesen als Imperativ) indirekt, aber eindeutig.

Und nicht, ohne die Leser in einer "Kurzen Anmerkung zur deutschsprachigen Ausgabe" und einer "Vorwarnung" auf das vorzubereiten, was von seinen Memoiren, erster Teil einer Trilogie, in der die "drei Grundformen authentischen europäischen Schreibens (...) durchgespielt werden", zu erwarten sei: Dass sich darin "jede authentische Tatsache sowie jede Beobachtung" sogleich auflöse "in den unendlichen Bereich unkontrollierbarer Fantasy", weswegen den "sozio-ethnographischen Spezifika und Details" nicht zu viel Aufmerksamkeit zu widmen sei. Dass "die endlose Wiedergabe zahlreicher ungeheurer, gewaltiger Katastrophen" mit der Zeit "zu einer gewissen Ermüdung" führen könne.

Am besten, man wappnet sich zusätzlich mit einem Blick in das Nachwort des verdienten Übersetzers und Kulturvermittlers Erich Klein: Prigow, Jahrgang 1940, Patriarch des Moskauer Konzeptualismus, Aktionist, Performer, Installationskünstler, Grafiker und Dichter, dessen Gedichtzyklen über den Milizionär und die Küchenschabe zu den bekanntesten Texten des Underground gehören, liebt das Spiel mit Images, mit Posen und hat sich als Mitglied der Sozart der Erforschung und Entlarvung der offiziellen Slogans und Klischees verschrieben. Protagonist von Lebt in Moskau!, das wird mit beginnender Lektüre schnell klar, ist nicht der kleine, blasse "Krüppel" Prigow, Opfer einer Kinderlähmung, sondern Moskau und seine anonymen Menschenmassen, seine Aggregatzustände, Moskau als Vergrößerungs- oder vielmehr "Verkleinerungsglas, ein Medium, das erlaubt, auf einen Blick nicht nur kleine Ausschnitte, sondern die ganze Welt, das ganze Weltsystem zu erfassen". Aber die bekannten Ereignisse - vom Stalin-Terror über das "Tauwetter" der Chruschtschow-Ära bis zur Perestroika, vom Klima der Paranoia bis zum Schock der Freiheit - erscheinen in Prigows "auf obskure und gewaltsame Weise gleichsam gradgebogenen Erinnerungen" nicht als politische Geschichte, sondern als Quasi-Naturereignis, nicht als menschengemacht und somit selbst- oder mitverschuldet, sondern als unabwendbares Schicksal kosmischen Ausmaßes.

Ausufernd wird das Arsenal der Sowjetkultur durchdekliniert, vom Leninmausoleum bis zu den rituellen Küssen, vom omnipräsenten Milizionär bis zu den Reibereien in der Komunalka. Über allem thront und droht ein übermenschlicher, "menschgewordener Stalin", der sich in Demut für die Menschheit opfert, das Leben unter ihm ein permanenter, ins Fantastische tendierender Ausnahmezustand: Kannibalismus, Erdbeben, Missernten Plagen - von Ratten über mutierte Kaulquappen, Haie im Moskwa-Fluss und Chinesen in Milliarden bis zur berühmten Küchenschabe - lösen einander in rasendem Tempo ab.

Wenn der oft bemühte Vergleich zwischen literarischen und musikalischen Kunstwerken seine Berechtigung hat, dann hier, in Prigows Selbstinterpretation als Mahler-Schüler: Lebt in Moskau! ist eine orchestrale Mischung aus burlesken, grotesken und tragischen Tonlagen mit einer gehörigen Portion Pathos. Ironie ist nicht im Spiel, höchstens in einer sich selbst auslöschenden zweifachen Verneinung. Dass seine "Erinnerungen" nicht für bare Münze genommen werden dürfen, betont Prigow an vielen Stellen. Aber für was dann? Sind sie ein Mittel, die Vergangenheit loszuwerden durch ein Zuschütten mit Information, durch eine "katastrophale Überpräsenz von Sprachen", wie Georg Witte Prigows Verfahren einmal genannt hat? Oder wird hier durch die schiere Größe der Katastrophe der Einzelne, zumindest als Leidender, emporgehoben und mythologisch überhöht? Und zeigt sich an diesem distanzierten, ahistorischen, apolitischen, vielleicht nihilistischen Blick auf das eigene Leben, dass dem System des real existierenden Kommunismus vor allem eines gelungen ist: die Menschen ihrer Individualität zu berauben und ihre Empfindsamkeit zu zerstören? Sie für die Gewalt zu begeistern aus Abstumpfung und Ermüdung?

Hat der begnadete Rollenspieler Prigow seine Masken hier noch unter Kontrolle oder kapituliert sein Gedächtnis schon vor der größeren Macht? Mit einer überperfekten, ekstatischen Prosa, die mittels Reproduktion von Klischees das Erstarren von Fragen, Zweifeln, des Gefühls überhaupt nur noch indirekt zum Ausdruck bringt - in einer Nostalgie ohne Melancholie, die eher wie eine Identifikation mit dem Aggressor anmutet als eine Entlarvung . Oder ist das alles nur wieder Pose? Ebenso wie die Feststellung: "Und überhaupt ist das Leben nicht gelungen. Das Leben ist mißlungen." Mit Lebt in Moskau! haben der Folio Verlag und Übersetzer Erich Klein ein Stück europäischer (Geistes-)Geschichte zugänglich gemacht. Aber ein verzweifelt-trauriges. (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 31.5./1.6.2003)

Von
Kirstin Breitenfellner

Am 3. Juni lesen Dmitrij Prigow und Erich Klein um 19.00 im MQ Wien, quartier21. aus dem besprochenen Band.

  • Dmitrij Prigov"Lebt in Moskau" Aus dem Russischen von Erich Klein € 19,50/346 Seiten. Folio, Wien und Bozen 2003.
    foto: buchcover

    Dmitrij Prigov
    "Lebt in Moskau"
    Aus dem Russischen von Erich Klein
    € 19,50/346 Seiten. Folio, Wien und Bozen 2003.

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