Versagte Wiederkehr

10. Juni 2003, 14:54
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Das "Fragment einer Autobiographie" des kürzlich verstorbenen Moses Rosenkranz

Als er 1961 nach Deutschland kam, nach Westdeutschland, von dem er dachte, es sei noch so, wie er sich Deutschland vorstellte, erlebte er die Enttäuschung, dass man zwar nach seiner Zeitzeugenschaft als Jude und als Insasse des Gulags für über zehn Jahre fragte, aber ihn nicht als deutschen Dichter wahrnehmen wollte. Dabei hatte er als Jude aus ärmlichen Verhältnissen in Berhometh am Prut und dann in Czernowitz doch einmal, um 1920, aus diversen Sprachen, aus Jiddisch und Ruthenisch, aus Russisch, Polnisch und Rumänisch, die er nur als "polyglotten Notballast" betrachtete, sich erhebend das Deutsche als seine Sprache sich erwählt und war ein deutscher Dichter geworden und hatte wegen seiner Deutschsprachigkeit gelitten in einem Wanderleben und dann in den Lagern und dann sogar noch, als er aus dem Gulag nach Rumänien zurückkam.

Er konnte sich nur verstehen als "Der Erledigte", der "Gestrichene im Lebensbuch", dem "die Welt versagt die Wiederkehr / Zu mir kommt niemand zu Besuch / und mich erwartet niemand mehr." Mit drei Gedichtbänden zwischen 1927 und 1940 hatte er sich in Czernowitz und Bukarest einen Namen gemacht. Nun, nach 1961 in Deutschland, konnte er zwar im Verlag Wort und Welt in Innsbruck und im Südostdeutschen Kulturwerk 1986 und 1988 zwei Bände mit ganz unzeitgemäßer Lyrik, deren Sprache völlig herausfiel aus der Entwicklung, welche die deutsche Lyrik inzwischen in Deutschland selbst genommen hatte, publizieren, doch erst als der Aachener Rimbaud Verlag den Band Bukowina. Gedichte 1920-1997 (1998) und dann - ein Ereignis in der Geschichte der deutschen Prosa - das Fragment einer Autobiographie mit dem Titel Kindheit im Jahr 2001 veröffentlichte (und jetzt wiederauflegte), begann so etwas wie ein später Ruhm. Da war er, der 1904 geboren war und die Zeit der k.u.k. Monarchie noch bewusst und insgesamt eher positiv erlebt hatte, über 90 Jahre alt.

Seine Gedichte, darunter ganz unglaubliche Verse vom Judentod und von Grässlichkeiten wie der Latrine im Gulag sind Zeugen der schrecklichsten Orte und Schicksale des vergangenen Jahrhunderts, und es sind bewegende Klagen, seine Klagen über die Zugehörigkeit zu einer Kultur und Sprachkultur, die nur spät, und das heißt eben: zu spät, zu ahnen begann, was sie auch sich selbst antat und angetan hatte, als sie die osteuropäischen Juden ermordete.

Moses Rosenkranz lebte in den letzten Jahrzehnten nicht nur hoch-, sondern höchstbetagt in der Nähe von Freiburg im Schwarzwald, erblindet, vielleicht der letzte jener deutschen Dichter aus der Bukowina, aus einem der österreichischen Kronlande, dessen Name Buchenland so ähnlich klang wie Buchenwald. Vielleicht gibt es eines Tages eine "Geschichte der deutschen Prosa", und darin wird Moses Rosenkranz' Autobiografie figurieren müssen als ein wunderbarer Beleg für das, was in unserer Sprache möglich war oder gewesen wäre, wenn sie vom Deutsch der Nazizeit und der Nachkriegszeit verschont geblieben wäre.

Jetzt hat aber der Verlag, der seine Autobiografie Kindheit publizierte, die Verpflichtung, auch die Fortsetzung Jugend zu veröffentlichen. Unsere deutsche Sprache steht in der Schuld Moses Rosenkranz', der vor wenigen Tagen in einem Dorf im Schwarzwald gestorben ist. Zwar hat er geschrieben: "Die Realität meines Lebens entzieht sich jeder Möglichkeit einer Schilderung", aber das ist nicht ganz die Wahrheit, denn ihm war die deutsche Sprache das einzige Medium, das seinem Innern entsprach, und das gab ihm die Kraft, die schauderhaftesten Wirklichkeiten eines europäischen Lebens zu benennen. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.5./1.6.2003 )

Von Jörg Drews

Moses Rosenkranz
Jugend. Fragment einer Autobiographie
€ 18,60/256 Seiten. Rimbaud, Aachen 2003

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