Wissen nachhaltig vernetzen

1. Juni 2003, 13:00
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US-Assessments sollen Umweltpolitik neue Anstöße geben

Umweltverschmutzung macht nicht vor Landesgrenzen halt, Umweltschutz sehr oft. Auseinandersetzungen über Zuständigkeiten können die Abstimmung von Schutzmaßnahmen behindern - vor allem wenn ein betroffenes Gebiet in mehreren Bundesländern oder Staaten liegt. Michael Pregernig von der Wiener Uni für Bodenkultur analysierte in den USA neue Modelle des Umweltmanagements. Ergebnis: Auf Österreich könnten sie nicht deckungsgleich übertragen werden, geben aber Anstöße, in unkonventionelle Richtungen zu denken.

Pregernig untersuchte die Rolle der Wissenschaft als Beratungsorgan der Politik. Der traditionelle Weg sah bisher so aus: Ein Problem, etwa das Aussterben einer Fischart, wird erkannt. Eine Studie wird beauftragt, die die Ursachen analysiert und Maßnahmen zur Verbesserung vorschlägt. Nach Übergabe an einen zuständigen Politiker verschwindet das Papier in einer Schublade und verstaubt. Laut Pregernig ist das nicht weiter verwunderlich, denn "Wissen entsteht und verbreitet sich in Netzwerken. Das einfache Sender-Empfänger-Modell taugt nicht zur Lösung komplexer Probleme."

In den USA löste eine Flut von Prozessen das Umdenken aus: Eine Eulenart drohte auszusterben, Umweltschutzorganisationen klagten den staatlichen Forstdienst. Und bekamen von den Gerichten Recht, die Holznutzung wurde in großen Teilen der USA gestoppt. Konsequenzen: Planungen wurden fortan vermehrt in Landesgrenzen überschreitenden Bioregionen betrieben, alle Betroffenen, vom Wald- und Wassermanagement über NGOs bis zu Anrainern, wurden in Planungsprozesse einbezogen.

Zwei solcher "Assessments" hat Michael Pregernig mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds genauer analysiert, wobei die Wissenschaft eine unterschiedlich große Rolle spielte: Jenes in der Sierra Nevada wurde von der Uni betreut und abgewickelt. Jenes in den Appalachen von organisierten Umweltbehörden. "Das Spannende an diesem partizipativen Prozess ist, dass er von Beginn an offen ist, schon zur Definition der Ziele die Meinung der Bürger eingeholt wird", erklärt Pregernig. Die Wissenschaft liefert Inputs, fungiert als Koordinator und arbeitet am Endbericht sowie den Empfehlungen mit. Sie schöpft aber nicht allein aus ihrem Fachwissen. "Der Prozess wird wichtiger als das Produkt am Ende", schildert Pregernig, "und damit wirkt er sich auch nachhaltiger auf die Region aus."

Als Beispiel nennt er zahlreiche Netzwerke, die zwischen staatlicher Verwaltung, privaten Gruppen und lokalen Umweltschutzorganisationen entstanden sind und bis heute existieren. Im Versickern des regionalen Wissens identifiziert der Forscher den größten Nutzen der Assessments, was sie auch als Modell für die heimische Umweltpolitik interessant mache. "In Österreich dominiert in weiten Bereichen noch immer die Tradition, sich alles sozialpartnerschaftlich auszuhandeln. Wissenschafter und Politiker tendieren zu eher geschlossenen Diskussionsrunden", meint Pregernig. Breitere Gruppen schon in die Wissensgewinnung zu integrieren, könnte nicht nur lokale Strukturen in Umweltschutzgebieten stärken. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2003)

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