"Zeitungen werden heute wie Hendelfarmen geführt"

9. April 2004, 16:03
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Fritz Czoklich, ehemaliger Chefredakteur der "Kleinen Zeitung" über goldene Eier, Reichweiten und Kampagnen-Journalismus

Im Rahmen der Ringvorlesung "Journalismus in der Krise" am Institut für Publizistik, war diesen Freitag Dr. Fritz Czoklich zu Gast. Dr. Czoklich, der seine journalistischen Lehrjahre in der Bundesrepublik Deutschland verbracht hat, war über dreißig Jahre Chefredakteur der "Kleinen Zeitung" in Graz und wurde im Jahr 2001 in den Weisenrat des ORF bestellt. Er ist und war stets ein Journalist aus Leidenschaft. Er hat es, wie nur wenige seiner Kollegen geschafft, aus kritischer Distanz immer ein analytisch reflektiertes Urteil über den Journalismus von heute zu geben. Die kritische Reflexion des heutigen Journalismus war auch Thema seines Vortrags.

Krise seit 1934

Der österreichische Journalismus befindet sich schon seit 1934 in der Krise und hat es bis dato nicht geschafft sich wirklich davon zu erholen. Es gab über zwanzig Jahre lang keinen freien Journalismus. Grund dafür war zunächst die Machtübernahme Hitlers und anschließend die lange Besatzungszeit durch die Alliierten. Während dieser Zeit waren alle Tageszeitungen verboten und es erschienen lediglich Partei, bzw. Besatzungszeitungen.

Erst im Jahre 1953 erschien erstmals "Die Presse" als freie Tageszeitung. Die Besatzungszeit hatte auch ihr Gutes. So kamen durch den "Kurier", als journalistisches Organ der US Besatzung, amerikanische Ideen, wie die strikte Trennung von Nachricht und Meinung, die Wahrung der gleichen Distanz zu allen Seiten und das Feuilleton als Beilage, nach Österreich und brachten frischen Wind in die etwas verstaubten Mühlen des heimischen Journalismus.

Zeitungen wie "Hendlfarmen"

Wesentlicher Kritikpunkt Czoklichs am heutigen Journalismus ist die Dominierung des ökonomischen Faktors. Die inhaltliche Fragen rücken immer mehr in den Hintergrund. Was zählt sind Reichweiten. Als Ursachen dafür nennt Czoklich unter anderem das kontinuierliche Schrumpfen der Zeitungstitel seit 1955. Auf 500.000 Menschen fallen lediglich eine Tageszeitung. Die Pressekonzentration ist dadurch und durch den großen Einfluss der deutschen Medienkonzerne immer weiter gestiegen.

Dies bedingt einen gewissen Hang zu Uniformität. Durch eine derart hohe Pressekonzentration ist eine facettenreiche Nachrichtengebung nicht mehr gegeben. Der Journalist mutiert zum Kampagnenjournalisten, der es allen, vor allem aber den Investoren, Recht machen will und den Reichweiten hörig ist. Zeitungen werden heute wie „Hendelfarmen geführt, die solange erfolgreich sind, wie die Hendln goldene Eier legen.“

Ökonomisches Denken im Vordergrund

Es stellt sich nun die Frage, ob dieses ökonomische Denken, das sich lediglich an Bilanzzahlen orientiert, nicht zu kurz gedacht ist. Die journalistische Leistung soll und muss unbestechlich und nicht kaufbar sein. Ein sachliche, kritisch distanzierte Sichtweise der Welt sind das um und auf des Journalismus. Doch leider ist heutzutage selten geworden. So manchen fällt es gar nicht mehr auf, dass sie durch Medienkonzerne und in die Höhe kletternde Bilanzzahlen für die Maximen des Journalismus verblendet sind.

Auch wenn sich die Zeiten geändert haben und die Umstände schwerer geworden sind, so gibt es auch heute in Österreich hervorragende Journalisten, die ihren Weg gehen, den Inhalt in den Vordergrund stellen und kritisch die Geschehnisse der Welt betrachten. Der österreichische Journalismus, der zu lange im eigenen Saft schmorte und immer die gleiche Suppe kochte, braucht frischen Wind. Es fehlt an neuen Einsichten, an neuen Ideen. Doch gerade darin liegt die Chance und die Zukunft des österreichischen Journalismus.

Ansichtssache

"Elder Statesmen"
30. Mai: Fritz Czoklich


Von Barbara Moser.

Die Autorin nimmt teil an der Lehrveranstaltung "Elder Statesmen" des Instituts für Publizistik- und Kommunikations- wissenschaft.
  • Artikelbild
    foto: alina weidmann
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