Zahlenspiele und fatale Racheakte

2. Juni 2003, 15:30
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Anmerkungen zur Umverteilungsdebatte

In den frühen 90er Jahren haben die Freiheitlichen einen "Kulturkampf" geführt, um die angebliche Hegemonie der Sozialdemokraten zu brechen. In der Wahl der Mittel war man nicht zimperlich: Künstler wurden denunziert und angeprangert.

Nun aber tobt, wie es Luc Bondy bezeichnete, ein "Kulturkrieg". Zwischen Schwarz und Rot, zwischen Wien und "Restösterreich". Als Auslöser gilt Kunststaatssekretär Franz Morak, ein Steirer, der die Umverteilung der Mittel zugunsten der Bundesländeraktivitäten propagiert. Denn der Bund gebe, wie er Ende März im STANDARD-Interview sagte, "75 Prozent seiner Kulturausgaben in Wien aus", ohne die Bundestheater seien es immer noch 45 Prozent.

Andreas Mailath-Pokorny, Wiens Kulturstadtrat, bezweifelte dies - und analysierte Moraks Kunstbericht. Den Kulturbericht von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer ließ er außer Acht, obwohl gerade im Bereich Museen und Denkmalschutz ein hoher Wien-Bezug gegeben ist.

Mailaths Rechnung zufolge würden nur 37 Prozent des Kunstbudgets (ohne Bundestheater) nach Wien fließen, wenn man sich an die Zuordnungen des Berichts halte. Aber nicht nur die Diagonale sei fälschlicherweise nach Wien verortet worden, sondern auch manch andere Institution und "sogar die Grazer Autorenversammlung". Stelle man diese Zuordnungen richtig, würden bloß 32 Prozent der Mittel Wien zukommen.

Die falsche Wien-Zuordnung der in Graz abgehaltenen Diagonale kann er aber wohl kaum Morak anlasten: Sie erfolgte bereits, als Mailath Chef der Kunstsektion war. Und die GAV heißt nur deshalb so, weil sich die österreichischen Schriftsteller in Graz einfanden, um sich vom PEN-Club abzuspalten. Der Sitz des Vereins ist sehr wohl in Wien.

Moraks Büro glaubte nun Mailath nicht, rechnete, wie man betonte, alle österreichweit agierenden Institutionen mit Sitz Wien heraus - und stellte fest, dass 2001 von der verbliebenen Summe sogar 64,8 Prozent "nach Wien gingen". Wer nun Recht hat? Das ist angesichts der Tausenden Subventionen nicht zu klären.

Aber dass Wien bevorzugt wird, steht außer Zweifel. Selbst Mailath bestätigte, dass für ein Viertel der Bevölkerung ein Drittel des Kunstbudgets verwendet werde, was er nicht für zu viel erachte. Anders gesprochen: Er hält zwei Drittel des Budgets für drei Viertel der Bevölkerung ausreichend. Die Landeskulturreferenten begrüßten daher auf ihrer letzten Konferenz die entzündete Diskussion.

Eine Umverteilung tut aus Sicht der Länder Not. Moraks Brachialmethoden (Streichung der Subvention für die Wiener Festwochen) sind jedoch fatal. Wie nobel agierte Rudolf Scholten, SP-Kunstminister von 1990 bis 1997! Wien wurde zwar nichts gestrichen, die massive Anhebung des Kunstbudgets von 49 Millionen Euro auf deren 82,4 kam in erster Linie den regionalen Kunstinitiativen zu Gute.

Eine Aufstockung der seit Jahren mehr oder weniger stagnierenden Budgets scheint auch jetzt der einzig gangbare Weg. Denn nicht nur Moraks Racheakte sind verfehlt, auch Mailaths Entscheidungen sind unverständlich: Der SP-Kulturstadtrat strich dem Institut für Kulturkonzepte die Subvention. Mit dem Hinweis, dass sein Vorgänger Peter Marboe (VP) dieses Institut beauftragt habe, er deren Leistungen aber nicht mehr brauche. Was Karin Wolf, die Institutsleiterin, verblüfft. Denn sie erhielt den ersten Auftrag nicht von Marboe. Sondern von Exkulturstadträtin Ursula Pasterk, Sozialdemokratin. (DER STANDARD, Printausgabe vom 31.5./1.6.2003)

Von
Thomas Trenkler
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