Wenn Manager autistisch werden

30. Mai 2003, 18:27
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Wie ein Virus haben in den letzten zehn Jahren Narzissmus und Autismus die Manager befallen - Wir alle sind mitverantwortlich - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Überall blüht es in Wien. Der Duft der Narzissen erinnert uns an die Geschichte von Narziss und Echo - eine Geschichte aus dem heutigen Managerleben. Narziss hatte sich in die Nymphe Echo verliebt, doch als er eines Tages sein Spiegelbild im stillen Wasser eines Teiches sieht, gilt seine Liebe niemandem mehr außer sich selbst. So starb er bald und die Götter verwandelten ihn in eine Frühlingsblume.

Die Blüten schmücken die Zeitungen und Wirtschaftsmagazine: Ob Messier, Middelhoff, Sommer, Kozlowski, Lay oder Ebbers, die Liste der gefallenen Götter ist beeindruckend. Wie ein Virus haben in den letzten zehn Jahren Narzissmus und Autismus die Manager befallen. Und wir alle sind mitverantwortlich.

Die Symptome? Jenseits jeder "gesunden" Leidenschaft für Leistung und Stärke handeln sie in schwindelnder Höhe, zunehmend unzugänglich für Warnungen aus der Umgebung, unfähig zur Selbstkritik, in ihr Image verliebt, auf der Suche nach Ruhm und Reichtum. Und die Unternehmen zahlen die Zeche.

Typischer Verlauf

Denn alle großen "Corporate Disaster" haben, laut einer Studie, einen typischen Verlauf: eine durch Erfolg hochmütig gewordene Organisation hält an einem falschen Bild der Realität fest und handelt nicht auf Basis neuer Informationen, die dieses Bild ändern könnten, weil die Topmanager so von sich und ihrer "Erfolgsstrategie" überzeugt sind, dass sie - oft bis zum Zusammenbruch - keinerlei Dissens akzeptieren. Macht und Machtmissbrauch liegen dann ganz nah beieinander, genauso wie der Fall nach dem Aufstieg zum "Manager des Jahres".

Zieht man die Exzesse und justiziablen Beispiele ab, bleibt eine Frage: Wie und von wem lässt sich der Drift in die Gefahrenzone, die Drehung von Größe in Größenwahn vermeiden? Für meinen ehemaligen Insead-Professor Kets de Vries, steht fest: die Sehnsucht nach Stärke in unsicheren Zeiten, kombiniert mit der Sensations-und Personalisierungsstrategie der Medien hat die - für Leadership erforderlichen - narzisstischen Persönlichkeitsmerkmale potenziert. Kein Wunder, müssen Manager doch stabil und flexibel, kontinuitätssichernd und innovativ, menschen- und sachorientiert, kompromissfähig und durchsetzungsstark sein, fest an sich glauben und andere mitreißen. Gefragt sind leidenschaftliche, kreative Gestalterpersönlichkeiten statt rationale Sachwalter.

Notwendiges Korrektiv

Diese brauchen mehr denn je vertrauensvolle und gleichzeitig kritisch hinterfragende Beziehungen "auf Augenhöhe" als notwendiges Korrektiv. Denn je größer die Distanz zu Führungsteam, Eigentümern und Mitarbeitern, desto größer ist die Gefahr, den Anteil anderer am Erfolg auszublenden und die eigene Wahrnehmung zur einzig wahren zu verabsolutieren.

Die Einsicht, dass die Verantwortung für die Führung - anders als das Bild der charismatischen Helden suggeriert - immer auch bei den Geführten liegt, ist dabei essentiell. Zivilcourage wird zur wichtigen Eigenschaft der Geführten. Sie sorgt dafür, dass sich das eigene Ego nicht auf Nimmerwiedersehen von der Wahrnehmung anderer loskoppelt.

Die Güte eines Fürsten, sagt Machiavelli, sieht man daran, wer ihn umgibt. Denn nichts sei gefährlicher als die Schmeichler, die dem Fürsten nur einen gefälligen Spiegel vorhalten. Diese sind nämlich der beste Nährboden für zahlreiche Narzissen.

Nachlese

->Triumph der Einffachheit...
->Sag mir, wo die Frauen sind ...
->Ich google - Sie auch?
->Die Demokratisierung des Luxus
->Abschied von der AG?
->Die Geheimnisse des Phoenix
->Siegen à la Alinghi
->Anleitung zum Glücklichsein
->Die Suche nach dem Mehr
->Lust auf Leistung
->Eine doppelte Melange
->Sei willkommen Krise?
->"Denk' ich an Deutschland..."
->Gegen die Endzeit-Stimmung

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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