"Reichensteuer"

Die Traumtänzer im Robin-Hood-Kostüm

Kommentar der anderen | 12. Oktober 2011, 19:31

"Reichensteuer" und Transaktionssteuer sind fiskalische Dummheiten - Von Gerhard Strejcek

Der französische Staatstheoretiker Alexis de Tocqueville machte um 1840 eine interessante Entdeckung in den USA. Als er die dortige Verwaltung analysierte, bemerkte er, dass die demokratische Struktur trotz betont niedriger Beamtengehälter keine nennenswerten gesamtwirtschaftlichen Einsparungen mit sich brachte. Die Folgerungen lagen auf der Hand. Aus dem Faktum, dass die Demokratie sich nur ihren obersten Organen gegenüber sparsam zeige, sei - so Tocqueville - nicht zu schließen, dass die Demokratie in allem sparsamer und damit die Steuerlast geringer sei als bei anderen Formen der Staatsführung.

Der amerikanophile Wissenschafter legte noch eins nach: "Im Gegenteil: Da die Steuerlast hauptsächlich von den Reichen getragen wird, die arme Volksschicht aber meist die Mehrheit, und damit den entscheidenden Faktor in der Demokratie bildet, ist die Demokratie die einzige Staatsform, in der jener, der die Steuer beschließt, der Verpflichtung entgeht, sie zu zahlen."

Heute ist es zwar nicht mehr so, dass die "Reichen" die hauptsächliche Steuerlast tragen, da der weniger wohlhabende, aber zahlenmäßig bedeutsame "Mittelstand" schon seit Jahrzehnten an diese unliebsame Stelle getreten ist. Aber die anderen Aussagen Tocquevilles beanspruchen volle Geltung, vor allem jene, dass die Verwaltung in der Demokratie teuer ist und dass es ein Leichtes ist, einer Gruppe Steuerlasten aufzubürden, der man gar nicht angehört. Und da Österreichs Politiker in aller Regel nicht zu den Reichen zählen (die verzweifelten Versuche dorthin materiell aufzusteigen, münden meist in Korruption und enden schließlich vor dem Strafgericht), sind sie jetzt offenbar auf die geniale Idee verfallen, die "Reichen" zu einem verstärkten "Solidarbeitrag" zur Wirtschaftskrise zu verhalten.

Das Konzept der sogenannten "Reichen" -Steuer geht ebenso wie die Finanztransaktionssteuer (FTS), vulgo "Robin-Hood-Steuer" , von einem fatalen Irrtum aus, nämlich von der Immobilität des Kapitals. Nachdem die mittlerweile bereits auf europäischer Ebene geadelte FTS das Ihre dazu beitragen wird, dass diejenigen, die im großen Stil dem Markt ausweichen können, das auch tun werden und ihre Transaktionen beispielsweise auf den prosperierenden fernöstlichen Finanzplätzen oder anderswo tätigen werden, wird die Reichensteuer genau dasselbe auf einer anderen Ebene bewirken. Wer kann, "senkt" sein hiesiges Einkommen durch Wegzug oder legale Steuervermeidungsmaßnahmen und investiert dort, wo weder FTS noch Steuern vom Ertrag die Einkünfte aus Kapitalvermögen mindern.

Diese Prognose soll auch als Warnung davor dienen, die "Stiftungs-Privilegien" anzutasten. Nur wenige "Reiche" sind insofern greifbar, als sie tatsächlich ein Gehalt hierzulande lukrieren. Mag sein, dass ein Häufchen überbezahlter Generaldirektoren künftig etwas mehr an Einkommen- oder Lohnsteuer zahlen muss, aber dieses Zusatzaufkommen ist so lächerlich gering, dass man darüber gar nicht nachdenken müsste. Auf eine Neidsteuer kann aber aus volkswirtschaftlicher Sicht verzichtet werden, wenn ihr einziger Nutzen darin besteht, es "denen da oben" auch einmal zu zeigen, aber unterm Strich nichts heraus kommt. (Gerhard Strejcek, DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2011)

GERHARD STREJCEK, Jg. 1963, ist Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien.

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Bert Brecht
00
Mobiles Kapital

Dann sollen sich die Besitzer des Kapitals gleich mit schleichen in die wunderbaren Staaten ohne unsere "ausufernde " Solidargesellschaft. Weg aus den Villenvierteln und Vororten.

Und übrigens : die Auswahl an Staaten mit niedrigeren kapitalbezogenen Steuern als Österreich ist doch arg beschränkt...

Pharoah
10
13.10.2011, 20:27
Ich frage mich ja, warum Hr. Strejcek hier publizieren darf.

1. Alles entweder hahnebücherne Argumente ( "Politiker sind nicht reich, deshalb wollen sie die "Reichen" besteuern")- was ja überhaupt nicht zutrifft, denn viele Jahre hindurch wurden "die Reichen" ja ganz und gar nicht hoch besteuert.
2. Oder altes, ausgelutschtes, ewig wiederholtes Gesäusel über das "scheue Reh Kapital".
3. Was ist es also, was Hrn. Strejcek, den Experten etwa für EU-Recht-Glückspiel dazu qualifiziert, volkswirtschaftliche "Expertisen" abzusondern???

Takis
00
13.10.2011, 20:39

Vielleicht weil er sich für kein "Argument" zu schade ist?

Takis
01
13.10.2011, 19:42

Soso...

Diese Steuern sind also sinnlos weil sie ohnehin umgangen werden können. Ebenso sollten deswegen auch die Stiftungsprivilegien nicht angetastet werden.

Wenn man sich aber gleichzeitig von der Idee des freien Kapitalverkehrs verabschiedet und auch sonst diverse Zölle wieder einführt, dann funktioniert das sehr wohl.

Dass das nicht im Sinne des Herrn Streycek ist, wird wohl jedem beim Lesen dieses Kommentars bewusst. Aber das geht in Ordnung, weil Herrn Streyceks Ansichten nicht im Sinne der breiten Masse sind. Und die glaubt schon lange niemandem mehr nur weil er ein Professor ist. Schon gar nicht wenn es um VWL oder Ökonomie geht. Und das zurecht.

Rote Pest
00
13.10.2011, 19:29

Leider ist es richtig, dass eine 'Neidsteuer' nichts bringen wird. Schließlich arbeiten unsere Politiker nicht für das Volk, sondern für die Wirtschaft bzw. die, die ihr Geld nicht durch ehrliche Arbeit, sondern durch Erbschaften und/oder Ausbeutung verdienen - den Geldadel eben.
Sie werden schon dafür sorgen, dass ihrem Klientel nichts schmerzhaftes passiert.

sotho talker
 
02
13.10.2011, 18:34
kapital auf der flucht (i)

wo man kapital anlegt ist reine kalkulation. wenn ich wo 100 euro anlege und schätze 110 rauszubekommen dann hängt das hauptsächlich vom risiko ab ob ich das geschäft tätige.
kein anleger der in europa investiert tut dies wegen der "hohen gewinne". die höchsten renditen sind in den ländern mit großen wachstumsraten zu kriegen, viel gewinn bei geringem einsatz, aber immer großes risiko.

was europa aber anbietet ist ein niedriger, aber relativ risikoloser gewinn.
nun ist in europa das risiko durch die krise gestiegen. das bedeutet anleger denen diese rendite für dieses risiko zu niedrig ist werden sich ob mit oder ohne transaktionssteuer nach was anderem umsehen. 1 euro mehr oder weniger ist für diese gruppe egal.

sotho talker
 
01
13.10.2011, 18:34
kapital auf der flucht (ii)

das argument ist stabilität. europa verlangt nun einen euro den ich weniger rausbekomme. der eine euro den ich weniger habe muss dazu verwendet werden um das risiko der anleger zu senken

es wird also darauf ankommen wie dieses geld verwendet wird: wird es in vertrauensbildende maßnahmen (infrastruktur, bildung, besicherung von schwachen staaten, soziale stabilität, technik, optimierung etc) gesteckt oder versickert es in korruption oder auf den konten weniger?

wird das geld dafür verwendet damit ich auch weiterhin einen sicheren gewinn in europa einstreifen kann gibts keine probleme.

grundsätzlich: sich aber so stark abhängig von den heuschrecken zu machen war (und ist) keine gute idee.

sotho talker
 
02
13.10.2011, 18:34
kapital auf der flucht (iii)

griechenland (früher: großer tertiärsektor 70% der wirtschaftsleistung, davon wieder ein großer teil finanzdienstleister!) und irland beweisen wie ungesund ist zu viel auf diese art von kapital aufbauen zu wollen

das schnelle geld für alle ist eben ein traum der kapitalistenträumtänzer. (und neuerdings seit ein paar jahrzehnten auch der linken die geglaubt haben in dem spiel mitspielen zu müssen)
europa muss das risiko das durch den abzug der heuschrecken entsteht minimieren und in den dazu notwendigen konzepten wird diese steuer eine große rolle spielen müssen

was anderes als darauf zu vertrauen das es noch eine reale basis der wirtschaft abseits von aufgeblasenen finanzwelt gibt bleibt uns in europa ohnehin nicht übrig.

Bastardl
12
13.10.2011, 17:55
Wenn die Heimat nicht gut genug fürs Geld ist

dann auch gleich Einreiseverbot für den Kapitalisten - EU-weit am besten!

Albert Wittwer
03
13.10.2011, 17:23
fernöstliche Rechtssicherheit

Ginge es nur um Steuervermeidung, wären alle Reichen schon aus dem zivilisierten Europa ausgezogen. In Wahrheit geht es auch um Rechtssicherheit, Vertrauen in die Institutionen, insbesondere die Justiz, Kontinuität und - als Bürger - persönliche Lebensqualität.
Für die Analyse der Bedingungen von breiterem Wohlstand erhielt Mancur Olsen den NB-Preis. Die Steuerersparnis in Diktaturen oder Pseudodemokratien und die unbeschwerte Freiheit beliebiger Finanzprodukte und der Finanztransfers kommen in seiner Analyse überhaupt nicht vor.

Rosenholzer
00
13.10.2011, 15:58

Warum die Angst vor der Vermögenssteuer? Glaubt ja eh jeder, dass er nicht vermögend ist, sondern nur die da oben.

Wyle E. Koyote
00
13.10.2011, 15:54
dass die reichen die

grösste last tragen war schon in der griechischen demokratie so.

http://de.wikipedia.org/wiki/Leiturgie

karakal
01
13.10.2011, 16:03
Nanana...

Das geht schon wieder in Richtung Mäzenentum.
Danke, auf die paar geistig Minderbemittelten Reichen die ihr Geld verschenken, kann ich verzichten.
Es gehören alle gleichmäßig besteuert und basta.
Wie heißt es so schön: Von den Reichen kannst du das Sparen lernen.
Der Spruch ist heute aktueller denn je.

Bombayflüchtling
03
13.10.2011, 15:53
Ein paar ansehnliche Statistiken, die das Neid-Argument restlos desavouieren

http://www.businessinsider.com/what-wall... 11-10?op=1

Theo Dor
112
13.10.2011, 15:32
Der Versuch, den Kampf um Verteilungsgerechtigkeit mit "Neid" zu diskreditieren

ist das finale Armutszeugnis eines saturierten Geldadels, der mMn. nicht besteuert sondern enteignet gehört.

Der Reaktionär
31
13.10.2011, 15:42
vollkommen richtig so

Wenn Sie schon nicht ausreichen tüchtig oder begabt sind und daher nichts haben, geht es uns allen und vor allem Ihnen besser, wenn jene, die sich insofern von Ihnen unterscheiden, auch nichts haben.

Das hat mit Neid nichts zu tun, sonder heißt euphemistisch Verteilungsgerechtigkeit.

derkarl
03
13.10.2011, 18:10

und auf welchem planet leben sie, wo die die haben tüchtig und begabt sind, zum unterschied von denen, welche nichts haben. auf unserem planet jedenfalls entsteht großer reichtum ausschließlich dadurch, dass man sich das arbeitsprodukt anderer menschen aneignet.

Truhe
 
15
13.10.2011, 15:00

Diesen Mist kauft Ihnen niemand mehr ab Herr Strejcek. Was hat's mit Neid zu tun wenn sich die Hauptverursacher und Hauptprofiteure ebenso wie all jene die unschuldig zum Handkuss kamen an den Konsequenzen der Krise beteiligen? Was hat es mit neid zu tun wenn man für Millionentransaktionen ebenso Umsatzsteuer bezahlt wie für ein Wurstsemmerl? Was beingt es uns ein scheues Rehlein von Kapital zu halten das faul auf irgendwelchen Konten herumgammelt?

Ach ja, wenn sie schon öffentlich in den Ihn auf ihr Konto scheißenden Arsch kriechen wollen, dann würd ich mior vielleicht einen Ghostwriter zulegen der mehr kann als leere Worthülsen mit Krokodilstränen aneinander zu pappen.

Stirb aus Dinosaurier!

Kurt Bayer
02
13.10.2011, 14:57
Jaja die Wissenschaft

Auch Herr Professor könnte wissen, daß ein Staatswesen dann zusammenhält, wenn seine Bürgerinnen das Gefühl der Fairness von Lastenverteilungen haben. Daß diese Perzeption in den Industrieländern nicht mehr vorhanden ist, zeigen die vielen Protestaktionen der "Frustrierten". Darüber hinaus könnte Herr Professor auch die Daten und Analysen zur Einkommensverteilung in Österreich einsehen, um zu sehen, wer die Benachteiligten und Bevorzugten des österreichischen Steuer-und Transfersystems sind. Also bitte mehr Fairness, Herr Professor!

Engstirniger
04
13.10.2011, 14:24
Zu Kapitalflucht

Die große Angst vor der Flucht "des Kapitals":
Das Kapital zieht ab, wenn es Steuern zahlen muss. Deshalb besteuern wir es nicht, also zahlt es so und anders seine Steuer nicht.
Die Angst ist doch eher, dass "das Kapital" hier nicht mehr wirtschaftet und der Mittelstand arbeitslos und somit auch steuerbefreit wird (ab dann ist die Staatskasse leer).
Die Frage ist doch insgesamt, warum hier überhaupt gewirtschaftet wird. Kann es sein, dass Europa einige produktive Volkswirtschaften hat und das eingesetzte Kapital Gewinne abwirft?

karakal
11
13.10.2011, 16:05
Häh?

Irgendwie recht wirr ihr Kommentar.
Ich fasse mal zusammen: Das Kapital das eingesetzt, als in wirtschaftliche Aktivitäten investiert wird, ist ja nicht das Problem, war es nie und soll es auch in Zukunft nicht sein.
Das Problem sind die Vermögen, die alleine durch Zinsen selbst dahinvegetieren und für die Allgemeinheit überhaupt nichts beitragen.

byron sully
02
13.10.2011, 14:20

blablabla. die neoliberalen versteifen sich zunehmend in propagandafloskeln, weil ihnen jegliche argumente ausgehen. mit so ähnlichem blablabla versuchten sich die anhängerInnen des "realsozialsimus" in den 80er jahren an ein system festzuklammern, das zu dem zeitpunkt längst gescheitert war. so ähnlich ist es beim "neoliberalismus".

Engstirniger
00
13.10.2011, 14:12
Und da Österreichs Politiker...

"Und da Österreichs Politiker in aller Regel nicht zu den Reichen zählen (die verzweifelten Versuche dorthin materiell aufzusteigen, münden meist in Korruption und enden schließlich vor dem Strafgericht)," - vollkommen richtig. "Enden schließlich vor dem Strafgericht" ABER NICHT MIT EINER VERURTEILUNG!!! (Es gilt die Unschuldsvermutung)

Christoph Karl Steininger
01
13.10.2011, 13:41
Es gäbe durchaus intelligente Methode um

"Reiche" ein bissl zur Kasse zu bitten. Mit dem im Beitrag ausgedrückte Defätismus kann ich nichts anfangen.
Wenn man schon vor einem Vorhaben aufseufzt daß es eh nicht gelingen wird dann wird es ein bissl schwierig!
Und was das scheue Reh betrifft: Auch Milliardäre müssen irgendwo leben, egal wo sich ihr Geld befindet! Man muß die Steuer so auslegen daß eine Flucht nicht möglich (oder zumindest nicht legal möglich) ist!

Erstversuch
01
13.10.2011, 14:46
Quasi eine Reichsfluchtsteuer!

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