Keine Gefangenen

13. Oktober 2011, 17:30
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Die Dum Dum Girls aus Los Angeles halten auf "Only In Dreams" das Erbe des Rock 'n' Roll zwischen Sixties-Pop, Lederjacken und heiligem Lärm hoch

Die Melodien und schmalgeführten Songs der Girlgroups aus den 1960er-Jahren, kombiniert mit schrillem Gitarrenlärm und der Dringlichkeit des Punk, sind Bezugspunkte, auf die sich jede Musiker(innen)generation immer wieder neu und gern bezieht. Das aktuelle Erfolgsmodell in dem genannten Genre nennt sich Dum Dum Girls. Die Chefin heißt Kristin Gundred. Sie startete solo als Wohnungsaufstand in Los Angeles und begab sich mit angezerrten Gitarren, Drumcomputer und jeder Menge Hall auf die Suche nach dem ewigwährenden Zauber des Rock 'n' Roll. Das noch etwas rumpelige und unentschlossene Debüt I Will Be, erschienen auf Sub Pop, gibt davon Zeugnis.

Inzwischen hat Kristin Gundred ihr Projekt zu einer richtigen Band gemacht und auch schon in Wien anlässlich eines Konzerts klargemacht, dass ewige Werte nicht unbedingt der Verfeinerung verpflichtet sein müssen. Es geht in diesem musikalischen Segment vor allem darum, den schmissigen unter all dem Lärm verborgenen Melodien eine Relevanz abzuringen, die über einen längeren Zeitraum davon kündet, dass hier keine Gefangenen gemacht werden.

Neben Hausproduzent Richard Gottehrer, einem legendären Rock-'n'-Roll-Typ aus den Sixties, der damals nicht nur für den Jahrhunderthit I Want Candy seiner Band The Strangeloves verantwortlich zeichnete, sondern später etwa auch das Debüt von Blondie produzierte, hat sich Kristin Gundred mit ihrem von den Ramones ausgeborgten Bühnennamen Dee Dee dieses Mal als zweiten Mann hinter den Reglern Sune Rose Wagner von den mitteljungen, aus Dänemark kommenden und in Los Angeles wohnenden Rock-'n'-Roll-Retrogardisten The Raveonettes gemietet.

Gemeinsam suchte man in der Verschränkung des tragödischen Mädchenpop der Shangri-Las (Leader Of The Pack), des besagten Blondie-Debüts und dem heiligen Lärm der 1980er-Lederjacken The Jesus And Mary Chain zeitlos gültige Drei-Minuten-Instant-Hits zu fertigen. Neben der manchmal an Chrissie Hynde von den Pretenders erinnernden Gesangsstimme Gundreds hören wir vor allem im Echoraum krachendes Schlagzeug, quengelige billige, aus gepresster Pappe in China gebaute Danelectro-Gitarren (denen als Tonabnehmer Lippenstiftmetalleröhren dienen), gepflegtes Feedback und knapp an der Unhörbarkeit vorbeischrammende Bässe.

Die verkünden zwar nicht die Zukunft eines längst historisch fest abgesicherten Stils. Die hier mit Gitarreneffekten statt Breitbandstudiowahnsinn erzielten Walls of Sound zu Ehren eines Phil Spectors und der bei den Ramones abgeschaute Sinn für spielerische Ökonomie machen das neue Album Only In Dreams aber zu einem frohen Fest für all jene unbelehrbaren Leute, die zwischen Singalong-Eingängigkeit und aggressiver Abklärung im immergrünen Rock 'n' Roll darum bemüht sind, auch noch ein wenig Dreck und Härte zu verorten. Ein Partyalbum des Jahres.  (Christian Schachinger  / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

Dum Dum Girls - Only In Dreams (Sub Pop / Trost)

  • Die Dum Dum Girls aus Los Angeles und Chefin Kristin Gundred (Dritte von links).
    foto: sup pop

    Die Dum Dum Girls aus Los Angeles und Chefin Kristin Gundred (Dritte von links).

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