Bremser in der Disco

13. Oktober 2011, 19:22
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Folk und Disco zu kreuzen, ohne deshalb in der Dorfdisco zu landen, das gelingt der New Yorker Band Forest Fire auf ihrem zweiten Album "Staring At The X"

Begonnen hat die Band als Folkrock-Formation. Ein bisserl schräger als die Traditionalisten des Fachs, eher artsy, aber gemessen am neuen Werk von Forest Fire vergleichsweise 08/15. Im Namen Forest Fire witterten einschlägige Kaffeesudleser nach ihrem 2008-Debüt Survival sofort einen neuen Trend, den FF-Trend. Schließlich würde auch der Name der erfolgreichen Folkies Fleet Foxes mit zwei "F" beginnen. Darauf muss man erst einmal kommen.

Pflichtschuldig, wie es sich für hippe junge Bands gehört, leben die Mitglieder von Forest Fire in New York, wandeln dort aber nicht nur auf den von Bob-Dylan-Touristen ausgetretenen Pfaden durchs Village, sondern verbringen mindestens so viel Zeit in der Disco. Hat James Murphy vom LCD Soundsystem New Wave und Postpunk mit zeitgenössischem Dancefloor kurzgeschlossen, so arbeiten Forest Fire daran, verwischten Folkrock mit rhythmischen Anleihen aus dem Ort zu verbinden, an dem die Discokugel hängt.

Das klingt verwegen. In manchen Momenten erinnern die Ergebnisse auf ihrem nun erscheinenden zweiten Album Staring At The X an Stücke von Arab Strap. Auch die grindigen Schotten - Hobbys: Pornos und Schnaps - verwendeten in manchen ihrer Stücke abgebremste Disco-Beats, Steh-House. Ähnliches findet sich nun bei Forest Fire wieder. Diese Kunst der Bremse wendet die Band um Mark Thresher selbst in Stücken an, die keine Disco-Affinität aufweisen. Wobei Disco hier ohnehin nicht hedonistisch, sondern misanthropisch interpretiert wird. Als Ort, an dem sich jene amüsieren, die man verachtet. Fragen Sie Morrissey.

Ein Stück wie Blank Appeal hat mit Disco dann gar nichts mehr gemein, stattdessen lässt Thresher einzelne Gitarrenriffs dröhnen, bis es nach Motorsäge aus dem Hinterwald klingt, und platziert daneben bockige Beats. Wie ausgeschlafen Forest Fire eigentlich sind, lässt sich an den frühen Stücken des Albums ablesen: Future Shadows etwa, das wie ein verlorenes Lied des Albums Wrong Way Up von John Cale und Brian Eno klingt, ohne blank zu kopieren. Aber die flirrenden Synthesizer zu Beats, die klingen, als würden sie demnächst über die eigenen Beine stolpern, belehnen klar diesen Charme, ohne so filigran wie im Original zu sein.

Von Folk ist hier keine Spur mehr, aber wie jede halbwegs interessante Musik weicht die von Forest Fire derlei Begrifflichkeiten auf, überschreitet fließend alle Grenzen. Immerhin fällt dabei im Falle dieser fünf jungen Menschen ein halbwegs originärer Sound ab. Mehr noch: In einem bisher dürftigen Jahr zählt Staring At The X zu den bisher besten Veröffentlichungen. Das bedeutet nicht viel, aber auch nicht nichts.  (Karl Fluch / DER STANDARD, Printausgabe, 14.10.2011)

Forest Fire: "Staring At The X" (Fat Cat / Hoanzl)

  • Forest Fire überraschen auf ihrem Album "Staring At The X" mit einem seltsamen Hybrid aus Disco und Folk.
    foto: fat cat

    Forest Fire überraschen auf ihrem Album "Staring At The X" mit einem seltsamen Hybrid aus Disco und Folk.

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