Audi Urban Future Projekt: Welt # 2030

14. Oktober 2011, 19:46
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Wie wirkt es sich auf die Auto-Mobiliät aus, wenn bald 70 Prozent der Menschen in Städten leben? Audi lässt nachsinnen

2030. Wir berichten Live aus Berlin. Ein wunderbar lauer Herbsttag Ende September, klare Sicht bis zur Ostsee, sozusagen. In der 15-Millionen-Metropole laufen die Vorbereitungen zum 40. Jubiläum des Tages der Deutschen Einheit, der am 3. Oktober mit klingendem Spiel begangen wird. Die Metropole ist seit etwa 2015, für Demografen überraschend, dramatisch gewachsen, bedeckt heute fast die Fläche des früheren Bundeslandes Brandenburg zusätzlich, und die Investitionen in die "intelligente Stadt" haben sich gelohnt: kaum Staus, kaum Lärm, kaum Smog.

Europas Satellitennavisystem Galileo spendet von oben verkehrsflussoptimierenden Segen, Fahrbahnsensorik übernimmt weitere Aufgaben von unten, und die Energie-plus-Häuser in den Neubaugebieten helfen, der Zielvorstellung der energetisch autarken Metropole näherzukommen: Die eingespeiste Energie dient den Stadtwerken zur Wasserstofferzeugung, jener Sprit, der fossile Treibstoffe überflüssig machte, endlich. E-Autos? Haben ihre Nische, aber geringe Energiedichte der Batterien, Ladezeiten, Kosten, man kennt das ja. Nur die EZP (Europäische Zentralpost) und andre Botendienste liefern heute im urbanen Raum in großem Maßstab mit solchen Vehikeln aus.

Vizebürgermeisterin Sahra Wagenknecht hatte sich 2020, als ihre Idee vom Einheitsauto den Citoyens zur Abstimmung vorgelegt ward, nicht durchgesetzt, heute rollen, still und sauber, Autos aus Europa und Fernost (die Amis schieden leider vor Jahren aus) in großer Modellvielfalt durch Berlin – zahlreiche Audis etwa -, etliche längst autark, ohne Lenkeingriff der Insassen; der mobile Teil eines gigantischen Informationsnetzwerks.

Und weil die Deutschen einen Ruf als extremistisch ökophile Nation zu verteidigen hatten, ist in etlichen neuen Vierteln der Öffi- und Privatverkehr unter die Erde verlegt, oben viel Fußgängerzone in parkähnlicher Stadtlandschaft, ein Paradies für kreative Städteplaner, Architekten, Metropol-Hightech-Ingenieure.

2011. Zurück an die Zeitmauer, würde Ernst Jünger formulieren. Wir haben uns erlaubt, den Utopien von Audi eine eigene hinzuzufügen, im prophetischen Präsens des Zieljahres. Audi, Utopien? 2010 wurde unter Ägide von Capo Rupert Stadler der Grundstein für das „Urban Future"-Projekt gelegt. Darin ließ man zunächst namhafte Architekten und Architekturbüros nachdenken über die Riesenstadt der Zukunft und die dannige Mobilität, Zeithorizont: 2030. Ein spannender, enorm ambitionierter Vorstoß des Premiumherstellers, der dafür richtig, also richtig viel Geld in die Hand genommen hat.

Seit kurzem leben ja über die Hälfte aller Erdenbürger in irgendeinem Konglomerat von Mensch, Bau, Verkehrs- und Handelsfläche, für das die Griechen einst den Begriff Polis, die Römer Urbs prägten. 2050 werden es 70 Prozent sein, die Weltbevölkerung von sieben Milliarden soll sich bis dahin glatt verdoppelt haben.

Heuer im Lenz machte Urban Future mit dem "New York" dann Station in Manhattan, und der vorläufige Höhepunkt all dieser Querdenkarbeit wurde am Vortag der IAA-Eröffnung in einem großangelegten, mit Saskia Sassen, Richard Sennett, Carlo Ratti, Charles Leadbeater und Ludger Hovestadt prominent besetzten Urban-Future-Gipfel in Frankfurt zelebriert. Die am Salon gezeigte Elektroautostudie Audi Urban Concept wiederum ließe sich als Summe bisheriger Überlegungen, Vorschläge und Ideen zur Mobilität im Jahr 2030 interpretieren.

foto: werk
"Zwei Thesen zur Stadt der Zukunft", Büro Standardarchitecture (Peking)

Natürlich, vieles erinnert da an die Befragung des Orakels in Delphi. Die Erkenntnis, dass Megastädte – Tokio, Mumbai, Schanghai, Konstantinopel, Kairo, São Paulo, Mexiko-Stadt etc. – alle ihre jeweils eigene urbane Individualität ausprägen, leuchtet aber ein (auch dass, anders als in "Berlin 2030", Europas Städte tendenziell schrumpfen). Die Stadt als Einheitsmuster gibt's nicht, aber eine der Fragen wird sein, ob (und welche) Städte 2030 das Auto ebenso brauchen wie umgekehrt.

Allein das schon birgt gewaltige Anforderungen für Autobauer. Sich denen zu stellen, gelobte Rupert Stadler ebenso expressis verbis wie im Firmeninteresse, und sowieso sei man "offen für einen respektvollen Dialog. Das Auto der Zukunft? Hier wird's gedacht". Das Projekt geht in die nächste Etappe. Kooperation mit Elite-Unis. Wir berichten weiter. Bis 2030.

Genug für heute. Endlich Freizeit. Entspannen mit Lektüre. Döblin vielleicht. Berlin Alexanderplatz. Oder doch Suketu Mehta, Bombay. Maximum City? (Andreas Stockinger/DER STANDARD/rondoMobil/Oktober 2011)

  • Audi Urban Future, was bisher geschah (von links). Beim Urban Future 
Award 2010 dabei: Zwei "Thesen zur Stadt der Zukunft" von der Ingels Group (Kopenhagen).
    foto: werk

    Audi Urban Future, was bisher geschah (von links). Beim Urban Future Award 2010 dabei: Zwei "Thesen zur Stadt der Zukunft" von der Ingels Group (Kopenhagen).

  • "Cloud 9" steuerte Enric Ruiz-Geli (Barcelona) bei.
    foto: werk

    "Cloud 9" steuerte Enric Ruiz-Geli (Barcelona) bei.

  • Im "Project New York" riskierten heuer fünf New Yorker Architekten eine 
Vision „Manhattan 2030".
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    Im "Project New York" riskierten heuer fünf New Yorker Architekten eine Vision „Manhattan 2030".

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  • Auch Audi selbst übt schon mal für die 
Zukunft: mit der IAA-Studie Urban Concept.
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    Auch Audi selbst übt schon mal für die Zukunft: mit der IAA-Studie Urban Concept.

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