Madonna: Macchine! Modena!

14. Oktober 2011, 19:46
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Stanguellini machte sich einen Namen mit Motortuning, später baute er Rennwagen mit kleinen Aggregaten. Besuch im Stanguellini-Museum in Modena

Signor Arturo Vicario stützt sich auf der Motorhaube des Colibri ab. Auch wenn es selbst dem kleingewachsenen Italiener nicht leicht fällt, den niedrigen Colibri zu erreichen. Die Berührung ist gleichzeitig Ausdruck des Respekts, der Liebe und wohl auch des Besitzes.

"Ich habe jahrelang für Stanguellini gearbeitet", sagt er voller Stolz. Und er macht es heute noch. Signor Vicario gehört zum Stanguellini-Museum wie die Autos darin, die Originalplakate historischer Rennen und das handgeschmiedete Werkzeug aus einer längst vergangenen Epoche des Autorennsports.

"Das erste Auto, das in Modena angemeldet wurde, gehört schon zur Firmengeschichte", ist Signor Vicario überzeugt, dass die Emilia Romagna ohne Stanguellini heute nicht das Land der Motoren wäre und Marken wie Maserati, Ferrari, Lamborghini und Ducati nie diesen Ruhm erreicht hätten.

Francesco Stanguellini fuhr den ersten Fiat in Modena mit dem Kennzeichen "MO 1". Er fuhr selbst Rennen auf dreirädrigen Fahrzeugen und begann einen Vertrieb für Fiat, S.C.A.T. und Ceirano. Letztere sind heute ebenfalls fast vergessene Automarken wie Stanguellini selbst.

Sein Sohn Vittorio machte sich rasch einen Namen in der Autoszene, weil er ab 1937 den Fiat-Motoren unglaubliche Leistung entlockte - bald darauf ließen auch Maserati und Alfa Romeo ihren Aggregaten etwas der Magie einbauen.

Bis zum Krieg schrieb die „Squadra Stanguellini" bereits italienische Renngeschichte. 1935 kam mit dem 750 Sport der erste Stanguellini auf die Rennstrecken. Mit ihm gewann Giulio Baravell 1938 die 12. Mille Miglia.

Der Höhenpunkt der Stanguellini-Geschichte ist aber der Colibri, an dem Signor Vicario lehnt. 1963 war der Sportwagen endlich fertig. Angetrieben wurde er aber nicht, wie von Vittorio erst geplant, von einem Guzzi-500-8-Zylinder-Motor. Vittorio überlegte es sich anders und verbaute einen 250 Kubikzentimeter großen 1-Zylinder, der 27 PS leistet.

"Der Colibri wiegt nur 280 Kilogramm und fuhr 1963 in Monza gleich sechs Geschwindigkeits-Weltrekorde ein - von denen einer heute noch gilt." Signor Vicario streicht mit seinen Pranken sanft über die Motorhaube. Dass er die alte Zeit vermisst, sieht man allein daran, wie langsam das Wasser in seinen Augen steigt, wenn er seine Hymnen auf Vittorio Stanguellini singt. "Wir waren wie Brüder, und beide zusammen amikale Rivalen von Enzo Ferrari."

Zu jedem Stanguellini im Museum in Modena weiß Signor Vicario eine eigene Geschichte. Im hinteren Teil des Museums steht eine Reihe von Rennwagen, mit denen Vittorio einst selbst Rennen gefahren ist, vom Alfa Romeo über den getunten Jaguar bis hin zu einem neuen Alfa Romeo 8C. Nur der erste Fiat in Modena darf vorne bei den Stanguellinis stehen.

Signor Vicario redet unaufhörlich, sicherheitshalber auf Deutsch, damit uns auch nichts an Informationen entgeht. Ob wir ihm zuhören, ist ihm dabei egal. Nur Fragen, die mit Stanguellini zu tun haben, werden beantwortet. Ob er verheiratet ist, wie alt er ist, tut nichts zur Sache. Dass er unten im Keller, in einer Garage, immer noch alte Stanguellinis herrichtet, das ist viel wichtiger. Und dass es Stanguellini heute noch gibt - wie es angefangen hat - als Fiat-Autohaus in Modena. (Guido Gluschitsch/DER STANDARD/rondoMobil/Oktober 2011)

 

  • Stanguellini sind kaum noch bekannte Rennwagen.
    foto: guido gluschitsch

    Stanguellini sind kaum noch bekannte Rennwagen.

  • Arturo Vicario hat sein Leben der Marke und der Familie verschrieben, damit Stanguellini ewig lebt.
    foto: guido gluschitsch

    Arturo Vicario hat sein Leben der Marke und der Familie verschrieben, damit Stanguellini ewig lebt.

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