In welchem Jahrhundert leben Sie, Mr. Rogoff?

Kommentar der anderen

Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des IWF, warnte vor kurzem an dieser Stelle vor den fatalen Folgen der Finanztransaktionssteuer - mit Argumenten von gestern, erwidert ein Befürworter - Von Dean Baker

In einem Beruf, in dem fast alle Zugehörigen die größte Vermögensblase der Weltgeschichte übersehen haben, verdient Ken Rogoff zumindest ein "B" für seine frühen Warnungen vor gefährlichen ökonomischen Ungleichgewichten. Seine kürzlich veröffentlichte Kritik an Finanztransaktionssteuern (FTS) reiht sich jedoch eher in die Arbeit seiner hoffnungslos fehlgeleiteten Kollegen.

Rogoff argumentiert, dass eine FTS in einer von der EU erwogenen Größenordnung den Informationsinhalt von Preisen und die Liquidität auf den Finanzmärkten reduzieren würde. Zudem hätte die Steuer keine nennenswerten Auswirkungen auf die Volatilität dieser Märkte. Langfristig würden solche Steuern die Kosten für Kapital erhöhen und damit Wachstum bremsen. Und als Draufgabe würde diese Steuer nicht einmal hohe Einnahmen generieren. Das ist eine beachtenswerte Liste von Vorwürfen gegen eine Steuer von 0,1 Prozent auf Aktienhandel (0,05 Prozent für jede Seite) und von 0,01 Prozent auf Derivatehandel (0,005 Prozent für jede Seite).

Besonderen Grund zur Skepsis gegen Rogoffs Attacke gibt die Tatsache, dass diese Steuer die Transaktionskosten lediglich auf das Niveau der frühen bzw. mittleren 1990er-Jahre zurückführen würde. Durch Computerisierung und Deregulierung sind Transaktionskosten auf den Finanzmärkten in den letzten drei Jahrzehnten massiv gesunken. Eine Steuer von 0,1 Prozent auf den Handel mit Aktien würde lediglich einen Teil dieser Reduktion rückgängig machen. Die Kosten wären immer noch geringer als in den 1980er-Jahren, gar nicht zu reden von den 50er- oder 60er-Jahren, wo sie im Durchschnitt bei einem Prozent oder mehr gelegen sind.

Wenn geringere Transaktionskosten und ein höheres Handelsvolumen wichtig sind, um den Informationsgehalt von Preisen zu steigern, so müssten die Preise auf den Finanzmärkten im Jahr 2011 (und sogar 2007) mehr Informationsgehalt gehabt haben, als in den 1950er- oder 1960er-Jahren. Es dürfte schwierig sein, Belege für diese Annahme zu finden

Natürlich würden geringere Transaktionsvolumina bedeuten, dass Märkte weniger liquid wären. Die Frage ist aber: Hatten wir vor 15 bis 20 Jahren Liquiditätsprobleme? Für die am meisten und schnellsten gehandelten Aktien würde die Steuer die Transaktionskosten für große Händler um 50 Prozent erhöhen. Bei Vermögenswerten, bei denen eine Reduktion der Liquidität ein Problem wäre, wäre die Auswirkung der FTS jedenfalls sehr gering. Der Grund ist, dass weniger liquide Vermögenswerte bereits viel höhere Handelskosten haben. Doch bei weniger liquiden Aktien können Transaktionskosten bereits jetzt rund 1 Prozent betragen. Das bedeutet, dass die Kostensteigerung durch die 0, 1-prozentige Steuer rund 10 Prozent beträgt, was eine geringe Auswirkung auf das Handelsvolumen erwarten lässt.

Wo ist das Problem?

Die Auswirkung der Steuer auf die Volatilität ist zugegebenermaßen fraglich. Wenn wir das kurzfristige Ausnutzen von Preisunterschieden verteuern, könnte dies zu höheren täglichen Schwankungen führen. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, dass dies eine starke Besorgnis bei den Investoren auslösen wird. Die eigentliche Frage ist, ob eine Steigerung der Handelskosten Ereignisse wie die dot.com-Blase der 1990er unwahrscheinlicher machen würde. Ich glaube nicht, dass es darauf eine eindeutige Antwort gibt.

Das führt uns zurück zur Geschichte mit den Kapitalkosten. Glauben wir wirklich, dass eine 0,1-prozentige Steigerung der Transaktionskosten einen messbaren Effekt auf die Kapitalkosten haben wird? Wenn dem so ist, dann hätten die in den letzten drei Jahrzehnten gesunkenen Kapitalkosten zu hohen Wachstumssteigerungen führen müssen. Die meisten Ökonomen haben anscheinend vergessen, diese in ihre Wachstumsmodelle zu inkludieren. Die Daten zeigen keine derartigen Wachstumsgewinne: Die Wachstumsraten lagen in den 1960ern in fast allen Ländern über jenen der 2000er-Jahre, also jenen vor dem Crash.

Ein weiteres Problem Rogoffs ist, dass es reale Beispiele für FTS gibt, insbesondere in Großbritannien, wo Aktienhandel seit 1696 besteuert wird. Der Steuersatz beträgt 0,5 Prozent auf jeden Handelsvorgang, fünfmal höher als die Rate, die die EU gerade diskutiert. Hätte die vorgeschlagene EU-Steuer diese schrecklichen Effekte auf Kapitalkosten und Wachstum, dann müsste Großbritannien seit Jahrhunderten schwer unter dieser Steuer leiden. Das scheint nicht der Fall zu sein. Es fällt sogar auf, dass die Ökonomen diese Steuer nicht einmal in ihre Regressionsmodelle inkludieren, wenn sie Ländervergleiche durchführen. Großbritannien nimmt 0,2 bis 0,3 Prozent des BIP (immerhin 30 bis 40 Mrd. US-Dollar pro Jahr) mit dieser Steuer ein. Es ist anzunehmen, dass sich die Märkte an die Steuer angepasst haben. Zudem kommen die Einnahmen aus einer FTS von der besten aller möglichen Quellen - der Beseitigung von Abfall im Finanzsektor. Handel ist sehr elastisch. Wenn eine FTS die Transaktionskosten verdoppelt, würden die Investoren nur halb so oft handeln, was ihre Gesamthandelskosten unverändert ließe.

Der Verlierer wäre also nicht die Realwirtschaft sondern der Finanzsektor, der aufgrund dieser Steuer weniger Einnahmen hätte. Das könnte dazu führen, dass etliche Personen aus diesem Sektor in andere Bereiche wechseln. In anderen Worten, sie würden Jobs in produktiveren Teilen der Gesellschaft annehmen. Das würde Wachstum beschleunigen.

Zusammenfassend fällt es schwer, den Sinn von Rogoffs Argumenten zu erkennen. Wir wissen, dass FTS hohe Einnahmen generieren können und die Stabilität der Märkte nicht schwächen. Was genau ist also das Problem? (Aus dem Englischen von Karin Küblböck, Attac Österreich/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2011)

Dean Baker, Jg. 1958, ist Kodirektor des Center for Economic and Policy Research (CEPR) in Washington, DC.

Zum Thema: 

Der trügerische Charme der Transaktionssteuer - Von Kenneth Rogoff

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