In welchem Jahrhundert leben Sie, Mr. Rogoff?

Kommentar der anderen
12. Oktober 2011, 19:04

Kenneth Rogoff, ehemaliger Chefökonom des IWF, warnte vor kurzem an dieser Stelle vor den fatalen Folgen der Finanztransaktionssteuer - mit Argumenten von gestern, erwidert ein Befürworter - Von Dean Baker

In einem Beruf, in dem fast alle Zugehörigen die größte Vermögensblase der Weltgeschichte übersehen haben, verdient Ken Rogoff zumindest ein "B" für seine frühen Warnungen vor gefährlichen ökonomischen Ungleichgewichten. Seine kürzlich veröffentlichte Kritik an Finanztransaktionssteuern (FTS) reiht sich jedoch eher in die Arbeit seiner hoffnungslos fehlgeleiteten Kollegen.

Rogoff argumentiert, dass eine FTS in einer von der EU erwogenen Größenordnung den Informationsinhalt von Preisen und die Liquidität auf den Finanzmärkten reduzieren würde. Zudem hätte die Steuer keine nennenswerten Auswirkungen auf die Volatilität dieser Märkte. Langfristig würden solche Steuern die Kosten für Kapital erhöhen und damit Wachstum bremsen. Und als Draufgabe würde diese Steuer nicht einmal hohe Einnahmen generieren. Das ist eine beachtenswerte Liste von Vorwürfen gegen eine Steuer von 0,1 Prozent auf Aktienhandel (0,05 Prozent für jede Seite) und von 0,01 Prozent auf Derivatehandel (0,005 Prozent für jede Seite).

Besonderen Grund zur Skepsis gegen Rogoffs Attacke gibt die Tatsache, dass diese Steuer die Transaktionskosten lediglich auf das Niveau der frühen bzw. mittleren 1990er-Jahre zurückführen würde. Durch Computerisierung und Deregulierung sind Transaktionskosten auf den Finanzmärkten in den letzten drei Jahrzehnten massiv gesunken. Eine Steuer von 0,1 Prozent auf den Handel mit Aktien würde lediglich einen Teil dieser Reduktion rückgängig machen. Die Kosten wären immer noch geringer als in den 1980er-Jahren, gar nicht zu reden von den 50er- oder 60er-Jahren, wo sie im Durchschnitt bei einem Prozent oder mehr gelegen sind.

Wenn geringere Transaktionskosten und ein höheres Handelsvolumen wichtig sind, um den Informationsgehalt von Preisen zu steigern, so müssten die Preise auf den Finanzmärkten im Jahr 2011 (und sogar 2007) mehr Informationsgehalt gehabt haben, als in den 1950er- oder 1960er-Jahren. Es dürfte schwierig sein, Belege für diese Annahme zu finden

Natürlich würden geringere Transaktionsvolumina bedeuten, dass Märkte weniger liquid wären. Die Frage ist aber: Hatten wir vor 15 bis 20 Jahren Liquiditätsprobleme? Für die am meisten und schnellsten gehandelten Aktien würde die Steuer die Transaktionskosten für große Händler um 50 Prozent erhöhen. Bei Vermögenswerten, bei denen eine Reduktion der Liquidität ein Problem wäre, wäre die Auswirkung der FTS jedenfalls sehr gering. Der Grund ist, dass weniger liquide Vermögenswerte bereits viel höhere Handelskosten haben. Doch bei weniger liquiden Aktien können Transaktionskosten bereits jetzt rund 1 Prozent betragen. Das bedeutet, dass die Kostensteigerung durch die 0, 1-prozentige Steuer rund 10 Prozent beträgt, was eine geringe Auswirkung auf das Handelsvolumen erwarten lässt.

Wo ist das Problem?

Die Auswirkung der Steuer auf die Volatilität ist zugegebenermaßen fraglich. Wenn wir das kurzfristige Ausnutzen von Preisunterschieden verteuern, könnte dies zu höheren täglichen Schwankungen führen. Es ist jedoch nicht wahrscheinlich, dass dies eine starke Besorgnis bei den Investoren auslösen wird. Die eigentliche Frage ist, ob eine Steigerung der Handelskosten Ereignisse wie die dot.com-Blase der 1990er unwahrscheinlicher machen würde. Ich glaube nicht, dass es darauf eine eindeutige Antwort gibt.

Das führt uns zurück zur Geschichte mit den Kapitalkosten. Glauben wir wirklich, dass eine 0,1-prozentige Steigerung der Transaktionskosten einen messbaren Effekt auf die Kapitalkosten haben wird? Wenn dem so ist, dann hätten die in den letzten drei Jahrzehnten gesunkenen Kapitalkosten zu hohen Wachstumssteigerungen führen müssen. Die meisten Ökonomen haben anscheinend vergessen, diese in ihre Wachstumsmodelle zu inkludieren. Die Daten zeigen keine derartigen Wachstumsgewinne: Die Wachstumsraten lagen in den 1960ern in fast allen Ländern über jenen der 2000er-Jahre, also jenen vor dem Crash.

Ein weiteres Problem Rogoffs ist, dass es reale Beispiele für FTS gibt, insbesondere in Großbritannien, wo Aktienhandel seit 1696 besteuert wird. Der Steuersatz beträgt 0,5 Prozent auf jeden Handelsvorgang, fünfmal höher als die Rate, die die EU gerade diskutiert. Hätte die vorgeschlagene EU-Steuer diese schrecklichen Effekte auf Kapitalkosten und Wachstum, dann müsste Großbritannien seit Jahrhunderten schwer unter dieser Steuer leiden. Das scheint nicht der Fall zu sein. Es fällt sogar auf, dass die Ökonomen diese Steuer nicht einmal in ihre Regressionsmodelle inkludieren, wenn sie Ländervergleiche durchführen. Großbritannien nimmt 0,2 bis 0,3 Prozent des BIP (immerhin 30 bis 40 Mrd. US-Dollar pro Jahr) mit dieser Steuer ein. Es ist anzunehmen, dass sich die Märkte an die Steuer angepasst haben. Zudem kommen die Einnahmen aus einer FTS von der besten aller möglichen Quellen - der Beseitigung von Abfall im Finanzsektor. Handel ist sehr elastisch. Wenn eine FTS die Transaktionskosten verdoppelt, würden die Investoren nur halb so oft handeln, was ihre Gesamthandelskosten unverändert ließe.

Der Verlierer wäre also nicht die Realwirtschaft sondern der Finanzsektor, der aufgrund dieser Steuer weniger Einnahmen hätte. Das könnte dazu führen, dass etliche Personen aus diesem Sektor in andere Bereiche wechseln. In anderen Worten, sie würden Jobs in produktiveren Teilen der Gesellschaft annehmen. Das würde Wachstum beschleunigen.

Zusammenfassend fällt es schwer, den Sinn von Rogoffs Argumenten zu erkennen. Wir wissen, dass FTS hohe Einnahmen generieren können und die Stabilität der Märkte nicht schwächen. Was genau ist also das Problem? (Aus dem Englischen von Karin Küblböck, Attac Österreich/DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2011)

Dean Baker, Jg. 1958, ist Kodirektor des Center for Economic and Policy Research (CEPR) in Washington, DC.

Zum Thema: 

Der trügerische Charme der Transaktionssteuer - Von Kenneth Rogoff

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Beispiel Grossbritannien

leider falsch zitiert.
Tatsaechliche Einnahmen sind ca. 3.5bn GBP p.a, keine 20-40bn. Der Autor hat die Transaktionssteuer auf Wertpapiere hier mit der Grundverkehrsabgabe (auch stamp duty) zusammengewuerfelt.

Rogoff hat also zumindest in dem Punkt recht, das das effektive Aufkommen relativ gering ist - zumind aus Aktien (London ist der liquidiste Aktienmarkt in Europa, wenn 0.5% dort 3.5Mrd erloesen, kommt aus dem ganzen Rest von Europa max 2Mrd zustande).

Auch aus dem OTC Geschaeft kommt da nicht ganz so viel rum - wohl eher bei ca 2 Mrd, ausgehen von 20,000 Mrd steuerbarem Jahresumsatz (und selbst da gibt es viele Ausnahmen).

Aber glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefaelscht hast :)

Hallo, eine Frage:

habe woanders gelesen (Die Presse + Mr. Unterberger + Eh U), dass irgendwer irgendwie berechnet hat, dass der finanzielle Nettoeffekt dieser Steuer aus Sicht des Eh U-Budgets vermutlich negativ sein könnte, da glaube ich, nach Einführung der FTS rund 0,5%-BIP-Verlust drohen würde.

Mich würde nun interessieren, auf Basis welcher schöner Modelle Mr. Baker / Ms. Küblböck vs. Eh U jeweils argumentieren. Danke schön, danke sehr, danke bald.

Auch das Licht muss sich der Gravitation beugen

und das obwohl es garkeine Ruhemasse hat.

Zugegeben, das ist kein Argument. Aber eine Analogie.

die FTS bzw. FTT ist ein muss und wird auch kommen.

klar ist die FI (finanzindustrie) dagegen, sie zahlt bisher faktisch keine steuern sondern steigert ihre gewinne durch abzocke der steuerzahler, bzw. der staatshaushalte. dramatische namen wie "rettungsschirm" sind das "licht ins dunkel" der FI, das dunkel bleiben muss, sonst kommt kein licht (geld).

es muss verhindert werden, dass die FTT durch ihre üblichen polit-lobbies an sie zurückfliesst. die FTT hat für die finanzierung des

BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS für alle

in ausreichender höhe festgesetzt und zweckgebunden zu werden. nur so wird ihr raub an den 99% abgezahlt und der soziale friede noch gerettet.

das jüngste angebot der FI von 0,1% ist allerdings ein orientalischer händlerwitz, der traurige folgen haben könnte.

wow... um ehrlich zu sein:

ich hab selten soviel nonsens gelesen.
sie wissen schon dass kommunismus längst ausgestoreben ist oder ?

Der Kommunismus lebt!

Wir können doch gerade mit verfolgen, wie die gigantischen Zockerverluste sozialisiert werden.
Genau so wie früher in der guten alten Zeit. ;)

Alle für einen, aber leider macht sich der eine danach vom Acker(mann).

jo man

wow... um ehrlich zu sein:

Sie sind heute der, der dem Deppen Aufmerksamkeit geschenkt hat.

Nix für ungut, aber Trolle sollte man einfach nicht füttern

SIE sollten wissen, dass er nicht ausgestorben ist und dass er sich, wo er noch in seiner obsoleten form existiert, NICHT für das BGE einsetzt.

die KPÖ hat zwar eine positive grundsatzerklärung für das BGE abgegeben, geht damit aber nicht in die breite öffentlichkeit, weil sie sonst ihre altkader verlieren würde.

obwohl sie kein freund von gründlicher information zu sein scheinen, könnte sie das BGE zumindest googeln, bevor sie ins dunkle schiessen.

da sie anscheinend schlechter informiert sind:

wir haben 2011 und die Sowjetunion gibt es nicht mehr.
und die kommunisten in china sind es nur am papier kommunisten. willkommen im 21. jahrhundert.
und die kpö ist so bedeutungslos, da hat mein kleiner sohn mehr zu sagen.
und im übrigen: BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS untergräbt jedes Leistungsprinzip.
ich würde sofort kündigen und das BEDINGUNGSLOSEN GRUNDEINKOMMENS nehmen. und das werden viele. ergo: die wirtschaft geht denbach runter.

sie würden es nicht lange ohne sinnvolle beschäftigung aushalten, wie die absolute mehrheit auch, und das BGE erlaubt es, dass dann umsomehr nach wahrem bedarf, wahrem interesse und wahrer begabung gearbeitet wird, wodurch die qaulität der leistungen endlich wieder steigen könnten.

googeln sie bitte "kommunistische länder" (dann sehen sie, dass es sie noch gibt) und suchen sie dortige unterstützung des BGE. es gibt keine.

die wirtschaft geht nicht am kommenden BGE zugrunde sondern an der profitsucht der FI (finanzindustrie), die die grössten gewinne ihrer geschichte und das gesamte wirtschaftssystem kaputt macht, inklusive reallöhne und sozialleistungen.

da stimme ich nicht nicht (Teil 2)

* wenn TK eingehoben wird (im übrigen egal wer sie trägt, denn diese werden meist sowohl von käufer
als auch verkäufer getragen-> VWL grundkurs) zahlen nicht nur die grossen (bösen) hedgefonds
und Banken, sonder auch der kleine mann der einen aktiensparplan, eine lebensversicherung hat, bzw.
iwann eine pension haben will.
ich würde diverse derivate unter die lupe nehmen und bessere regulieren, anstatt von diese
viel diskutierte steuer einzuführen.

da stimme ich nicht nicht (Teil 1)

* nicht nur durch Computerisierung und Deregulierung sind die transaktionskosten(kurz TK) gesunken, sonder
auch duch globalisierung, das führt dazu dass der arbitrageffekt wegfällt. und
genau das (was übrigens positiv zu bewerten ist) hat der löwenanteil an senkung der TK.
* vor 15-20 jahren hatten wir keine Liquiditätsprobleme, allerdings auch nicht soviele finanzprodukte
und ganz andere (viel geringere) Volumina.daher hinkt der vergleich hier etwas

Wesentlich spannender als der Artikel sind die Posts

Es ist nämlich schon überraschend, dass 28 verschiedene Poster (bis dato) allesamt keine Verbindung zwischen Finanzwirtschaft und Realwirtschaft sehen.

28 verschiedene Poster sind der Überzeugung, eine höhere Besteuerung der Finanzwirtschaft macht halt so reiche Börsianer und so ärmer, und sonst hat das keinerlei Auswirkung.

Das ist interessant, finde ich

Teile der Finanzwirtschaft haben sich leider schon sehr weit von der Realwirtschaft entfernt, was auch Teil des Problems ist und einer Lösung/Regulierung bedarf.

Ja, da gebe ich Ihnen absolut recht.

Ich denke auch, dass eine FTT in Summe mehr Vorteile als Nachteile bringt.

Interessant finde ich nur die Situation, dass sowohl Poster als auch Organisationen wie Attac offenbar davon ausgehen, eine FTT hat gar keine Nachteile, ja nicht mal irgend eine Auswirkung auf die Realwirtschaft.

Ein solch enges Denken fand ich erstaunlich!

Dem was Sie entgegen halten, kann ich vorbehaltlos zustimmen!

tja, entweder die finanzwirtschaft hat es verabsäumt, die wichtigkeit all ihrer geschäfte (versicherungen für versicherungen für kursbewegungen, die es ohne die handelsdynamik gar nicht gäbe) für die realwirtschaft darzustellen ...

... oder diese verbindung ist gar nicht so stark (außer die realwirtschaft darf wieder mal was auffangen)

Nehmen wir an, Sie möchten eine Firma gründen. Eine realwirtschaftliche, die Arbeitsplätze schafft, Wertschöpfung betreibt, usw..

Wird die Firmengründung nach Einführung einer Finanztransaktionssteuer

a) leichter, billiger und wahrscheinlicher
b) teurer und schwerer und unwahrscheinlicher
c) es hat keinerlei Auswirkung
d) das hängt davon ab, wie viele Versicherungen die Finanzwirtschaft zu Wertpapieren abschließt

lol, wenns teurer wird, wirds attraktiver...

Cool!

hauptsächlich c), geringfügig a).

Grund: langfristige Investitionen, wie es eine Firmengründung nunmal darstellt, werden attraktiver.

ah, gibt echt einen, der das glaubt

wird immer noch cooler :-))

Wie wäre es mit einer nachvollziehbaren Argumentation?

Du brauchst eine Argumentation, warum etwas nicht attraktiver wird, wenn man eine Steuet drauf erhebt???????

Nehmen wir an, ab morgen gibts eine Steuer auf Milch.

Kaufst du dann mehr Käse, weil der weniger stark verteuert wird als Buttermilch?

Oder kaufst du dann weniger Milchprodukte aller Art?

Der EU Plan sieht nicht vor, eine (zusaetzliche) Kreditssteuer einzuheben, sondern:

"Eine Finanztransaktionssteuer wäre bei jedem Kauf oder Verkauf von Aktien, Devisen, festverzinslichen Wertpapieren und anderen wichtigen Finanzprodukten zu bezahlen."

Sofern sich der Untnerhmensgruender also nicht - was sehr unwahrscheinlich ist - an der Boerse sein Geld holt, ist er nicht von der Steuer betroffen, und auch nicht die Bank, die ihm das Geld gibt, und auch nicht der Sparer, der sein Geld zur Bank traegt (anstatt es vielleicht in Aktien zu investieren). Daher: Oranjes hat mMn recht: KMUs wuerden sich wohl geringfuegig leichter finanzieren koennen.

Wenn man eine Steuer auf Futtermitteltransport erhebt, wird der Käse BILLIGER???

Richtige doch bitte Oranjes aus, dass in der Wirtschaft Dinge zusammenhängen.

Wenn Kapital teuerer wird, wirds für alle teurer, nicht nur für die bösen.

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