Lehrreiches Nein für Europa

Kommentar | András Szigetvari , 12. Oktober 2011, 18:26

Wer die Eurozone voranbringen will, muss den slowakischen EU-Skeptikern zuhören

Das Nein der Slowaken zum erweiterten Eurorettungsschirm zeigt eindrucksvoll, dass die EU-Kommission und die tonangebenden Regierungen in Paris und Berlin ihre Krisenstrategie künftig besser kommunizieren müssen. Denn auch wenn das slowakische Parlament schon bald in einer zweiten Abstimmung dem Schirm zustimmen wird - in Teilen der Bevölkerung brodelt es.

Aus slowakischer Sicht sprechen viele Argumente gegen die Erweiterung des Auffangnetzes für marode Staaten. Die Griechen stöhnen zwar unter einer gewaltigen Rezession. Heuer soll ihre Wirtschaft um fünf Prozent schrumpfen. Trotzdem ist für die allermeisten Slowaken der Lebensstandard in Griechenland in weiter Ferne: Ihre Wirtschaftsleistung pro Kopf ist etwa nur halb so hoch.

Viele Menschen in Bratislava, und noch mehr jene im verarmten Osten des Landes, werden sich fragen, warum sie für die Schulden eines wohlhabenderen Landes haften sollen, das offensichtlich unfähig ist, seinen Haushalt zu sanieren. Der Anführer der Euroskeptiker in Bratislava, Parlamentspräsident Richard Sulik, hat dieses Argument natürlich populistisch ausgereizt. Die oppositionellen Sozialdemokraten haben den Rettungsschirm zuerst überhaupt nur abgelehnt, um politisches Kleingeld zu schlagen.

In dem ganzen Getöse haben sie aber auch einige stichhaltige Fragen gestellt: Wer sagt, dass die anderen 16 Euroländer mit ihren Plänen zum neuen Rettungsschirm richtigliegen? Bisher haben die Auflagen für und die Darlehen an Griechenland die Situation nicht entspannt. Unter Ökonomen ist der Rettungsschirm umstritten.

Recht hatten die Euroskeptiker in Bratislava mit ihrem Nein dennoch nicht. Gerade weil niemand weiß, was die richtige Antwort auf die Staatsschuldenkrise ist, hat Europa nur einen Trumpf in der Hand: politischen Zusammenhalt. Kein Politiker kann sagen, ob neue Bankenrettungen und Staatshilfen die Krise lösen oder auch nur mindern. Aber zumindest gibt es eine Strategie, alle ziehen an einem Strang. Diesem Minimalkonsens hat sich die Slowakei - wenn auch nur für kurze Zeit - verweigert.

Nun könnten alle zur Tagesordnung übergehen, wird doch in Bratislava ohnehin bald Ja gesagt. Doch die Slowakei ist nicht das einzige Land, in dem es brodelt: Die Euroskeptiker sind auch in Finnland erstarkt, in Österreich steht die Regierung unter Dauerdruck von FPÖ und BZÖ. Selbst in den Niederlanden wird die Debatte kritischer.

Das ist fatal, denn in den kommenden Wochen stehen zahlreiche Entscheidungen an, die einstimmig beschlossen werden müssen. Die Bandbreite reicht von einer möglichen Entschuldung Griechenlands bis hin zur Rekapitalisierung von Banken durch den Schutzschirm. Was, wenn dabei einmal wirklich ein unumstößliches Veto eingelegt wird?

Damit Europa handlungsfähig bleibt, muss zuerst der Versuch unternommen werden, die Innenperspektiven der anderen Länder deutlich sichtbar zu machen. Das bedeutet zum Beispiel, die Bedingungen, unter denen das slowakische Nein zustande gekommen ist, zu beleuchten - was nicht bedeutet, das Votum auch gutzuheißen. Es wäre falsch, Kritikern einfach mangelndes Europabewusstsein vorzuwerfen. Erst ein Europa, dem es auf diese Weise gelingt, Verständigung und Verständnis zwischen den Bevölkerungen zu schaffen, kann auf jene Solidarität hoffen, die jetzt bitter nötig ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.10.2011)

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derbrain
00
23.10.2011, 01:44

Dass Staaten einen gemeinsamen Rettungsschirm aufbauen, finde ich nicht prinzipiell verkehrt. Aber wenn das nur dazu dient, Banken zu retten, dann schon. Die Banken sollen gefälligst ihren eigenen Rettungsschirm aufbauen. Wahrscheinlich sind sie dazu aber zumindest kurzfristig nicht im Stande - was uns klar machen sollte, auf welch zerbrechlichen Beinen unsere Wirtschaft eigentlich steht. Wir vertrauen einer Blase, die jederzeit platzen kann, sobald ebendieses Vertrauen erschüttert wird.
Auch wenn es im Moment wohl nur mit Hauruck-Methoden geht, mittelfristig werden wir die Macht der Banken abschütteln müssen, wenn das nicht ständig so weiter gehen soll.

wurm83
 
10
20.10.2011, 12:03
alternativen?

es juckt china und die usa schon fast nicht was die EU sagt...was glaubt ihr wieviel denen die meinugn von österreich wert ist? aber auch deutschland oder frankreich hätten alleine nichs zu melden...

das problem was die EU hat ist, dass sie von den populisten die sich so auf ihre nationalen wurzeln stehn zurückgehalten werden...wenn jedes land defakto ein vetorecht hat kann das nciht funktionieren...

ich fidne man sollte auf dieser ebene mit den gleichen emhrheitsrechten handeln wie man es auch national macht...
die eu als handlungsunfähig kritisieren...na ich will sehen was passiert wenn in österreich jeder abgeorndete eine veto stimme bekommt...

Oddo Wolf
01
18.10.2011, 13:18
Who rules the world?

---
Aber zumindest gibt es eine Strategie, alle ziehen an einem Strang.

Tolle Strategie. Während sich am anderen Ende des Strangs die Schlinge um unseren Hals immer fester zuzieht. Wenn wir dann nach Luft röcheln während wir viel zu spät erkennen, daß unsere Demokratie kaum mehr wert ist, als das Papier auf dem Euro und US-$ gedruckt sind, haben die Scharfschützen der Finanzdiktatoren schon längst unsere ungeborenen Enkelkinder im Visier.
Europa wird regiert von IWF, Weltbank, Goldmann Sachs & Co. Regierungen und Medien schweigen.
Ach ja, die werden von denselbigen regiert.

prado
02
13.10.2011, 18:03
"Recht hatten die Euroskeptiker in Bratislava mit ihrem Nein dennoch nicht."

doch, als einziges Land hält sich die Slowakei an $125 des Lissabon Vertrags der die Übernahme von Länderschuleden durch die EU-Gemeinschaft ausschließt.

http://www.lisbon-treaty.org/wcm/the-l... e-125.html

Demian Höllwarth
 
00
13.10.2011, 18:25

So ist es. Und wenn Sulik jetzt im deutschsprachigen Raum zum Euroskeptiker erklärt wird ist das einfach falsch: Allein schon ein Blick auf die Wählerschaft seiner Partei zeigt: Der Mann wurde von dem jungen, proeuropäischen Städtern gewählt, auch von seiner persönlicher Biographie scheint er mir ein leidenschaftlicher Europäer zu sein (nur halt mit liberalen Überzeugungen).

Ich glaube, Franz Fischler hat einmal gesagt, wenn Politik nur noch ausführt, was scheinbar unabänderliche Umstände von ihr verlangen, ohne dass das politische Tun ausverhandelt wird, ist das das Ende von Politik. In diesem Sinn kann ich nur sagen, bitte wieder mehr so prinzipienfeste Politiker, die etwas riskieren und nicht nur ausführen was Banken erwarten.

CEEIT
00
13.10.2011, 17:58
Zuerst braucht es die Einsicht, dass der EURO

unter dem Einbezug der Weichwährungsländer eine Fehlkonstruktionist.
Bei ungleich starken Wirtschaftsräumen braucht es entweder Wechselkurse oder eine ewige Transferunion bzw. damit verbundene politische Union.
erst muss das klar sein.
Dann kann man eine gemeinsame Strategie umsetzen.

fizcerraldo kinski
00
13.10.2011, 16:41

die quintessenz ist allso zuerst einmal mitzahlen (weil europäischer konsens und sich niemand verweigern darf) und im anschluss hoffen, dass der eigene staat nicht pleitegeht dabei?

Peda
02
13.10.2011, 16:07

Das wahre Problem der EU sind nicht Kommunikation und "Skeptiker", sondern - wie im Artikel beiläufig erwähnt - Populisten und Parteien, die auf politisches Kleingeld aus sind und nebenbei die Macht haben, Entscheidungen im Parlament zu "kommandieren". Eine Fraktion, die an einem Tag gegen die Erweiterung des Auffangmechanismus stimmt und wenig später dafür, besteht nicht aus Skeptikern, sondern missbraucht den polit. Auftrag
der Wähler und die damit verbundene Macht.

Diese Abgehobenheit und Abkehr von den Problemen und Interessen der Bevölkerung hat weit schlimmere Folgen als es eine Griechenlandpleite oder das Ende des Euro je haben könnten - und wären natürlich für beides mitverantwortlich.

Demian Höllwarth
 
00
13.10.2011, 18:34

Naja. Was von Fico zu halten ist...

x
02
13.10.2011, 15:52

Aber zumindest gibt es eine Strategie, alle ziehen an einem Strang. Diesem Minimalkonsens hat sich die Slowakei - wenn auch nur für kurze Zeit - verweigert...

Es gibt eine EU-Strategie die Milliarden kostet, aber von der niemand weiß ob sie richtig ist - und der einzige der es wagt dieses Vorgehen zu kritisieren ist ein Verhinderer und Verweigerer ?

Was soll das sein ? Eine Plädoyer für das hirnlose mitmachen bei allem und jedem was von 'oben' verordnet wird ?

Michael Lan
00
13.10.2011, 15:21
...hat Europa nur einen Trumpf in der Hand: politischen Zusammenhalt.

Genau!!
Der Zusammenhalt wird wohl auch in immer stärkerem Maße getestet werden. Wenn diese Krise analog der 2008 geht dann werden bald die Ängste vor Bank Runs um sich greifen. Die Einlagensicherungen sind in der Euro-Zone auch unterschiedlich gut(duh!). Dann wird sich die Frage stellen ob der EFSF/ESM nicht als Einlagensicherung für den Euro-Raum fungieren soll. Alternativen wird's wiedermal keine geben X-D.
Die Welt ist schon lustig!

Cyberroland
02
13.10.2011, 15:16
Staat = Unternehmen?

Staaten und deren Haushalte werden am globalen Finanzmarkt nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertet (was meiner Ansicht nach ein Unsinn ist). Niemand würde jedoch Geld in einen Betrieb stecken, der nicht wettbewerbsfähig ist (weil kein Cash Flow, aufgeblasener Personalstamm, veraltete Strukturen etc.). Das Unternehmen geht in einem solchen Fall ein Insolvenz, tut es das nicht, macht sich die Geschäftsleitung strafbar. Merkel und Sarkozy machen sich soeben ebenfalls der Konkursverschleppung strafbar, diese wird zum Schaden aller EU- Bürger sein.

uSwLeR
00
13.10.2011, 15:45

in Ihrem Kommentar vergleichen Sie aber selbst einen Staat mit einem Unternehmen...

also: wie war das mit Unsinn?

Cyberroland
00
13.10.2011, 15:51
missverständlich

Zur Klarstellung: Ich bin der Meinung, dass ein Staat NICHT 1:1 nach betriebswirtschaftlichen Kriterien bewertet werden dürfte. Es ist nun aber so, Staaten unterwerfen sich dem Prinzip der Ratingagenturen. Auch wenn das im Grundsatz falsch ist, so müsste es, einer inneren Logik gehorchend, zur zeitnahen Insolvenz Griechenlands führen.

system1
03
13.10.2011, 14:18
sie ziehen alle am selben strang.

zwar am falschen und in die falsche richtung aber am selben.

WFL1
14
13.10.2011, 13:56

Hr. Szigetvari,
Sie bringen es ziemlich gut auf den Punkt:
Wieso muss ein Land wie die Slowakei, das noch dazu 40 Jahre Kommunismus hinter sich hat, für Griechenland zahlen? Warum nicht umgekehrt?
Hier findet nichts anders statt als ein innereuropäischer Vermögenstransfer an Griechenland, den skrupellosesten Sozialfall der EU. Und das alles im Namen der "europäischen Idee"
und der "Europabewusstseins" (giving "Europe" a
bad name, nennt man das).
Es ist nur mehr ein Frage der Zeit, bis ein Land unumstößlich NEIN sagt, da wird man so viel "kommunizieren" können.

system1
01
13.10.2011, 14:20
Vermögenstransfer an Griechenland

aber höchstens 2 sekunden später direkt weiter an die banken.

WFL1
11
13.10.2011, 14:54
und warum an die Banken?

@system1:
Und warum sofort weiter an die Banken? Weil Griechenland über 300 mrd. EUR Schulden bei den Banken hat. Und warum hat Griechenland so hohe Schulden bei den Banken? Weil es seit Jahrzehnten über seine Verhältnisse auf Pump lebt.
Simple as that.

kyselak3
 
01
13.10.2011, 14:36
wollen sie damit behaupten,

griechenland hätte kein geld von den banken bekommen?

(wenn uns die bank'n gölder leih'n,
is es ein tropfen auf'n hoaßen stein.
doch damit is es nicht genug,
sie wolln's auch z'ruck.

qualtinger/bronner)

slow motion
21
13.10.2011, 11:31
Ich glaube nicht an Lehren.

Und schon gar nicht in der Politik.
Das slowakische Nein wird wahrscheinlich sowieso nicht lange Bestand haben, und man wird es als Volksirrtum oder sowas abtun, ähnlich wie das bei den Referenden in Irland oder zum Maastricht-Vertrag der Fall war ....

kiter
10
13.10.2011, 09:25

...super Kommenatar! Trifft die Sache genau auf den Punkt! http://echte-demokratie-jetzt.eu/

flattop
00
13.10.2011, 05:24
Wo bleibt die Solidarität der slowakischen Sozialdemokraten?

michelkholhaas
00
13.10.2011, 08:44
Die slowakische Sozialdemokratie hat auch als

Regierungspartei noch nie mit Solidarität geglänzt, z. B. mit der Flat Rate und einer brutalen wirtschaftlichen Polarisierung der Gesellschaft. Das sind Sozialisten wie Tony Blair, Gerhard Schröder und leider auch Franz Vranitzky, der auch noch bei MAGNA im Aufsichtsrat Brötchen bäckt ..

cyber ferkel
412
13.10.2011, 08:02

Solidarität? Wo, frage ich mich, bleibt die Solidarität der Griechen?

Slowakische Durchschnittspension: Euro 375.-. Griechische Durchnittpension: Euro 1.350.-.

Wie soll man da einem slowakischen Rentner beibringen, dass er nun für die Griechen löhnen soll?

CEEIT
00
13.10.2011, 19:32
Durchschnittsbruttolohn (Vollzeit) pro Jahr:

Greichenland: 30.000,-
Slowakei: 10.000,-

http://www.bfs.admin.ch/bfs/porta... oehne.html

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