Harrers Analysen

Einladung zum Perspektivenwechsel

Analyse | Gudrun Harrer , 12. Oktober 2011, 18:23
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    foto: reuters/mohammed mashour

     

    König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud im April dieses Jahres bei einem Kulturfestival. Für die Kritiker des neu zu schaffenden Wiener Dialogzentrums ist er ein Propagandist eines besonders strengen Islam - für manche in seinem eigenen Land geht er mit der Öffnung fast schon zu weit.

Kann ein Land mit einem totalitären religiösen System als Dialog-Sponsor auftreten? Saudi-Arabien tut das - und der Verdacht ist zulässig, dass König Abdullah damit auch eine Botschaft an seine eigenen Leute senden will.

Es fällt gar nicht leicht, nach den medialen Entrüstungsstürmen über das "King Abdullah Bin Abdulaziz International Center for Interreligious and Intercultural Dialogue", dessen Gründungsvertrag heute in Wien unterzeichnet wird, die Kritiker zu einem Perspektivenwechsel einzuladen. Denn, um es ganz platt zu sagen, sie haben mit (fast) allem, was sie aus ihrer Sicht zu Saudi-Arabien sagen, recht. Hier haben wir es mit einem extrem eng geführten, puritanistischen Islam zu tun, und die Sakralisierung des Landes durch die Präsenz der heiligen Stätten führt darüber hinaus zu einer strengen Exklusion von allem, was nicht islamisch ist.

Wobei über existierende Dialogformate aber oft erst recht gelästert wird - da reden, heißt es dann, die üblichen Vertreter der Dialogindustrie miteinander, die längst gelernt haben, ihren religiösen oder kulturellen Hintergrund so zu abstrahieren, dass er das Gespräch nicht weiter stört. Mit den "wirklich anderen" müsse man sprechen. Das zumindest wird mit einem Dialogpartner Saudi-Arabien, dem Gottesstaat, der - anders als der Iran - nicht einmal eine Verfassung haben darf, sicher erreicht.

Unebenheiten in der Wüste

Aber auch auf Saudi-Arabien ist eine differenzierte Sicht möglich. Die Kritiker sehen eine große flache wahhabitische Wüste ohne Leben. Aber im Königreich gibt es erstens historische Unebenheiten - schon zwischen dem weltoffeneren, früher osmanischen Hijaz und dem geschlosseneren Najd, von dem die wahhabitische Bewegung ausging -, und zweitens ist heute viel in Bewegung. Das Bild vom nach Liberalität lechzenden Volk, das von der erzkonservativen oberen Kaste unterdrückt wird, liegt ebenfalls schief. Die Elite ist in weiten Teilen kosmopolitisch und liberal, und das sickert von oben nach unten - langsam.

König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud (87) vertritt einerseits die Familie Saud, die sich bereits 1740 die Doktrin des Muhammad Bin Abdulwahhab zu eigen machte, der dem "ursprünglichen", dem reinen Islam wieder zu seinem Recht verhelfen wollte und alle "Neuerungen" - auch den farbigen Volksislam - bekämpfte. (Von Ibn Abdulwahhab hat der Wahhabismus seinen Namen, der jedoch eine - ursprünglich pejorative - Fremdbezeichnung ist.)

Andererseits ist der König, nach dem das Dialogzentrum genannt wird, in diesem System ein "Reformer". So sieht man ihn innen. Abdullah forderte bereits als Kronprinz eine systematische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Problemen ein und begann 2003 mit landesweiten Dialogkonferenzen zu den Themen Frauen, Erziehung, Jugend, Fremdarbeiter, Wir und die anderen (Religionen), zu denen er einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung einlud.

Es ist richtig, dass die Nachjustierung des Systems gemäß den gesellschaftlichen Realitäten - wie etwa der wirtschaftlichen Stärke der Frauen - nur in homöopathischen Dosen erfolgt, die aber manchen Landsleuten noch immer fast zu hoch sind. Von außen wird man der Sache nur gerecht, wenn man Grautöne zulässt: Zu den nächsten - insignifikanten - Lokalwahlen Frauen zuzulassen, kann man als nichts abtun. Man kann es aber auch als Vermächtnis des alten Königs sehen, der seinen - vielleicht engstirnigeren - Nachfolgern inmitten des Arabischen Frühlings eine Richtungsänderung vorgibt, die sie nicht ignorieren können.

Bei seinem Besuch bei Papst Benedikt im Vatikan führte König Abdullah 2007 laut eigener Aussage eines der wichtigsten Gespräche seines Lebens. Gestrige unter sich? Vielleicht, aber von den saudi-arabischen Geistlichen sind nicht alle davon begeistert, dass Abdullah nun dem Anliegen seinem Namen leiht, "Missverständnisse unter Religionen" auszuräumen. Das ist wohl ein Grund dafür, dass sein Dialogzentrum in einem Ring-Palais angesiedelt sein wird und nicht in Riad.

Die Saudis selbst werden es nicht zugeben, aber das Zentrum hat auch eine innersaudische Botschaft - und das ist keine "wahhabitische". Nur so kommen auch ein Buddhist und ein Hindu in den Vorstand, also Vertreter nichtabrahamitischer Religionen.

Interimistischer Leiter ist jener Mann, der auch Abdullahs nationale Konferenzen betreute, Vize-Bildungsminister Faisal Bin Abdulrahman Bin Muammar. Rabbi David Rosen, der jüdische Vertreter im Vorstand, betont in einem Standard-Gespräch, wie wichtig eine von Saudi-Arabien unabhängige Leitung des Zentrums sein wird. Das stimmt, und auch der zweite Teil des Versprechens im Zentrumsnamen - der interkulturelle Dialog - sollte eingelöst werden. Denn ohne Säkulare im Bunde können die Herren - und Damen? - trefflich über die Zukunft der Welt reden, es wird an der Realität vorbeigehen. Warum nicht als Betrachter zurückgelehnt zusehen, wie das - saudi-arabische - Steuergeld ausgegeben wird? Die Noten kommen später. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2011)

 

Kommentar posten
24 Postings
living reef
00
23.10.2011, 08:57
und wie viele frauen werden im vorstand sein?

Katja Spreitzer
01
13.10.2011, 23:56
ich glaube, der König wird bald die Hilfe Israels benötigen, um an der Macht zu bleiben

Jan Malekzade1
 
13
13.10.2011, 16:09
das einzig Positive

dass ich in dieser Initiative sehe, ist die Tatsache dass dieses saudische Geld nicht zur 'Foerderung' radikaler Gruppen ausgegeben werden kann, weil es halt in Wien ausgegeben wird.

Ansonsten sollten die Scheikhs mal den Geldhahn Richtung islamistischer Radikalgruppen zudrehen. Damit waere der Verstaendigung zwischen Religionen sehr viel mehr geholfen!

Bertel Mann
40
14.10.2011, 08:41
Die Scheichs gehören zu islamistischen Radikalgruppen - das ist das Problem

studiosa1
03
14.10.2011, 14:43
"Die Scheichs gehören zu islamistischen Radikalgruppen"

Welche Scheikhs denn??
Abdullah ist König.
Die "Scheikhs" aus den Emiraten? Das sind Emire.

Die wirklichen "Scheikhs" sind religöse Ehrentitel, die Leute haben keine Milliarden.Kleine aber feine Unterschiede.

Sie vermuten einfach irgendwas, was in den Kram passt, das ist an solchen Details sichtbar.

soseies
142
13.10.2011, 08:04

hab ihr es verstanden...

iran böse...BÖSE...B Ö S E...

saudi arabien nich richtig gut, aber, aber auch irgendwie nich böse sondern, naja, irgendwie anders...differenzierter....

aber auf dem richtigen weg, da tut sich was, ein bißchen, wenn auch nur in "homöopathischen dosen"....

aber besser als iran.....

versteht das doch endlich....

living reef
00
23.10.2011, 08:58
saudi arabien muss gut sein - schon allein wegen des immensen erdöllagers

kerstin stiege
00
14.10.2011, 13:35

aber geh, der iran ist doch total supi ;)

soseies
70
13.10.2011, 17:46

hahahahah...

hätte ich noch "satire off" schreiben sollen

Dr. Lari and Mr. Fari
 
01
14.10.2011, 16:45
Schau, der Iran ist mit Kuba und Venezuela befreundet,

also sind das à priori Helden weil sie gegen die ultraböse Wahnsinnsungeheuersupersupermacht USA sind.

Das ist hier so.

Bertel Mann
82
13.10.2011, 04:52
So verständnisvoll wird bei uns eine Diktatur beschrieben, die zu den Guten gehört

Nix mit Herbeibomben von Demokratie und Frauenrechten, die sonst immer als Begründung für die Überfälle der Guten herhalten müssen.

Dhimmi
18
13.10.2011, 11:19
Fällt Ihnen niemals etwas anderes ein?

Es gibt auch eine Welt jenseits von US-Hass und EU-Selbsthass.

Bertel Mann
10
14.10.2011, 08:43
Fällt Ihnen niemals etwas anderes ein?

Es gibt auch eine Welt jenseits von Antiamerikanismus-Keule und Propagandagläubigkeit.

Nanomyte
15
13.10.2011, 03:59
Der Artikel ist seltsam...

Will er doch nur aussagen, dass auch Saudis nicht vom Mars kommen, sondern pragmatisch sein können.
So pragmatisch wie es eben nützt Waffen zu verkaufen, Minderheiten zu unterdrücken. In Bahrain den Platz der Volksaufstände nieder zu walzen und Finanzier des internationalen Islamismus von Pakistan bis in den Kosovo und sonstwo zu sein um Macht und Kontrolle über die Grenzen hinaus zu erweitern. Imperialismus auf dem Sockel der Monarchie und Theokratie.

Johnny Chicago
07
13.10.2011, 01:18

bin auch der meinung dass abdullah um einiges moderater ist als teile seines landes. spannend wird die entwicklung der innerarabischen spannungen am golf.

Dhimmi
13
13.10.2011, 00:19
Na gut wechseln wir mal die Perspektive.

"Die Elite ist in weiten Teilen kosmopolitisch und liberal" wie Sie sagen.

Liberal oder einfach konsumgeil-eigensüchtig?
Wir wollen auch nicht vergessen, dass diese Liberalen die beispiellose Sunnitisierung-sprich Radikalisierung- des Islam finanzieren.

Gut, erpresst von der wahhab. Ulema- und das nehmen wir besser so an, denn sonst brauchen wir gar nicht weiterreden.

Also sehen wir uns mal an, was das für ein Dialog werden wird.

Trotzdem: Mit Wien als Standort kann ich das Projekt nicht so ganz Ernst nehmen. Alles kann man in Wien, Brüssel, Berlin, Rom....veranstalten, kein Problem.

Aber einen Dialog würde ich mir mehr in Ankara, Kairo, Rabat, oder Kuala Lumpur wünschen.
Und allen voran:

JERUSALEM!

Da würde auch ich applaudieren.

Prof. Alois
 
00
15.10.2011, 15:26
Wien ist schon gut. Weil der Schnittpunkt zwischen Europa und Osten.

So blöd es sich auch anhört: Der Balkan fängt tatsächlich am Rennweg an. Eine Wasserscheide sozusagen. In Wien k ann sich jedermann wohlfühlen - außer die Wiener selber, aber das ist eine andere Geschichte.
Man merkt das an unserem Umgang mit Politik. Stark patriarchalisch organisiert, aber doch Züge von Liberalität. Grundsätzlich ein Kammerstaat, also ständestaatlich organisiert, aber doch auch viel Platz für andere poltitische Meinung. Diese Mitte zwischen autoritärem und liberalem Gehaben macht Österreich für all jene attraktiv, die aus Weltgegenden kommen, die so gar nicht liberal gestrickt sind: Russen, Araber jeder Herkunft. Kreisky wusste auf dieser Geige virtuos zu spielen. Der hat diesen Ansatz bis zum letzten ausgereizt.

politisch verfolgt
12
12.10.2011, 22:48
nein, sorry

mit apeasement kommt man solchen typen nicht bei. mehr noch: man macht sich in wahrheit zu ihrem handlanger. ich bin ja sonst sehr gegen einen vergleich mit zeiten vor 70 jahren, aber hätte man damals vielleicht im angesicht der unsagbarkeiten über ein kulturzentrum luftsprünge machen sollen? daß der saudische könig zu kommunalwahlen frauen zulassen will, kann einem europäer doch nicht einmal ein müdes lächeln entlocken. das wäre doch völlig erbärmlich.

Dhimmi
03
13.10.2011, 12:02
"frauen zulassen will, kann einem europäer doch nicht einmal ein müdes lächeln entlocken"

Doch kann es. Es ist sogar ein klein wenig beeindruckend.

Wir und die Saudis sind nun mal nicht "gleichzeitig", deswegen solltest Du mit Vergleichen sehr sehr vorsichtig sein.

Es war ebenso beeindruckend wie der alte Saud in eine völlig neue Situation gestellt, die Amis und Briten gegeneinander ausspielte und einen für sein Reich bis heute optimalen Deal herausholte. (Die Iraner haben das in vergleichbarer Situation nicht geschafft)

Ebenso beeindruckend der Makhtoum vom lausigst denkbaren Emirat, nämlich Dubai. Und heute? Und das praktisch ohne Öl!

Diese Leute sind über ihren eigenen Schatten gesprungen, da gibt es nicht viele Parallelen.
Und Abdullah scheint auf seine alten Tage auch noch ein Sprüngchen zu wagen.

politisch verfolgt
00
13.10.2011, 13:34
nein, kann es nicht

was von den saudis für sie selbst herausgeholt wurde oder auch nicht ist mir völlig wurscht.

super Typ
03
13.10.2011, 12:01

Sie sind sehr gegen einen Vergleich mit Zeiten vor 70 Jahren, wenn andere ihn verwenden, denn dann fühlen Sie sich gleich wieder politisch verfolgt.

Hier passt der Vergleich aber überhaupt nicht. Das saudische Regime mit seinem 87-jährigen König ist keine neue, aufstrebende Bewegung, bei denen die Staatengemeinschaft unsicher wäre, was von denen zu halten ist und wie man mit ihnen umgehen soll.

Vor allem wird in diesem Dialogzentrum keine Weltpolitik gemacht werden. Ob die Amerikaner die Saudis als Verbündete sehen und ihnen Kampfflugzeuge liefern oder ob die Deutschen Panzer an Saudi-Arabien verkaufen, wird auch weiterhin sicher nicht in diesem Dialogzentrum sondern ganz woanders entschieden werden.

politisch verfolgt
00
13.10.2011, 19:48
doch

hier paßt der vergleich insofern, als ich daran lediglich die frage festgemacht habe, ob grauenhafte regime plötzlich weniger grauenhaft werden, wenn sie zwar weiterhin mit blut an den händen regieren, aber bei uns als feigenblatt ein kulturzentrum eröffnen.

Fritz Wunderlich
22
12.10.2011, 20:21

angesichts der großen schiitische minderheit hätten die saudis im eigenen land so ein zentrum nötig, nicht wahr?
den strategischen nutzen bezweifle ich, für den tagungstourismus könnte es etwas bringen

aber gut, wenn sich jemand unbedingt mit wahhabiten religiös unterhalten will, bitte schön

gendergerecht sollten alle männer vollverschleiert an diesen tagungen teilnehmen
:-))

beliar
00
13.10.2011, 16:58

tuaregs? glaub die werden auch nicht zugelassen

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