Kann ein Land mit einem totalitären religiösen System als Dialog-Sponsor auftreten? Saudi-Arabien tut das - und der Verdacht ist zulässig, dass König Abdullah damit auch eine Botschaft an seine eigenen Leute senden will.
Es fällt gar nicht leicht, nach den medialen Entrüstungsstürmen über das
"King Abdullah Bin Abdulaziz International Center for Interreligious and
Intercultural Dialogue", dessen Gründungsvertrag heute in Wien unterzeichnet
wird, die Kritiker zu einem Perspektivenwechsel einzuladen. Denn, um es ganz
platt zu sagen, sie haben mit (fast) allem, was sie aus ihrer Sicht zu
Saudi-Arabien sagen, recht. Hier haben wir es mit einem extrem eng geführten,
puritanistischen Islam zu tun, und die Sakralisierung des Landes durch die
Präsenz der heiligen Stätten führt darüber hinaus zu einer strengen Exklusion
von allem, was nicht islamisch ist.
Wobei über existierende Dialogformate aber oft erst recht gelästert wird - da
reden, heißt es dann, die üblichen Vertreter der Dialogindustrie miteinander,
die längst gelernt haben, ihren religiösen oder kulturellen Hintergrund so zu
abstrahieren, dass er das Gespräch nicht weiter stört. Mit den "wirklich
anderen" müsse man sprechen. Das zumindest wird mit einem Dialogpartner
Saudi-Arabien, dem Gottesstaat, der - anders als der Iran - nicht einmal eine
Verfassung haben darf, sicher erreicht.
Unebenheiten in der Wüste
Aber auch auf Saudi-Arabien ist eine differenzierte Sicht möglich. Die
Kritiker sehen eine große flache wahhabitische Wüste ohne Leben. Aber im
Königreich gibt es erstens historische Unebenheiten - schon zwischen dem
weltoffeneren, früher osmanischen Hijaz und dem geschlosseneren Najd, von dem
die wahhabitische Bewegung ausging -, und zweitens ist heute viel in Bewegung.
Das Bild vom nach Liberalität lechzenden Volk, das von der erzkonservativen
oberen Kaste unterdrückt wird, liegt ebenfalls schief. Die Elite ist in weiten
Teilen kosmopolitisch und liberal, und das sickert von oben nach unten -
langsam.
König Abdullah Bin Abdulaziz Al Saud (87) vertritt einerseits die Familie
Saud, die sich bereits 1740 die Doktrin des Muhammad Bin Abdulwahhab zu eigen
machte, der dem "ursprünglichen", dem reinen Islam wieder zu seinem Recht
verhelfen wollte und alle "Neuerungen" - auch den farbigen Volksislam -
bekämpfte. (Von Ibn Abdulwahhab hat der Wahhabismus seinen Namen, der jedoch
eine - ursprünglich pejorative - Fremdbezeichnung ist.)
Andererseits ist der König, nach dem das Dialogzentrum genannt wird, in
diesem System ein "Reformer". So sieht man ihn innen. Abdullah forderte bereits
als Kronprinz eine systematische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen
Problemen ein und begann 2003 mit landesweiten Dialogkonferenzen zu den Themen
Frauen, Erziehung, Jugend, Fremdarbeiter, Wir und die anderen (Religionen), zu
denen er einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung einlud.
Es ist richtig, dass die Nachjustierung des Systems gemäß den
gesellschaftlichen Realitäten - wie etwa der wirtschaftlichen Stärke der Frauen
- nur in homöopathischen Dosen erfolgt, die aber manchen Landsleuten noch immer
fast zu hoch sind. Von außen wird man der Sache nur gerecht, wenn man Grautöne
zulässt: Zu den nächsten - insignifikanten - Lokalwahlen Frauen zuzulassen, kann
man als nichts abtun. Man kann es aber auch als Vermächtnis des alten Königs
sehen, der seinen - vielleicht engstirnigeren - Nachfolgern inmitten des
Arabischen Frühlings eine Richtungsänderung vorgibt, die sie nicht ignorieren
können.
Bei seinem Besuch bei Papst Benedikt im Vatikan führte König Abdullah 2007
laut eigener Aussage eines der wichtigsten Gespräche seines Lebens. Gestrige
unter sich? Vielleicht, aber von den saudi-arabischen Geistlichen sind nicht
alle davon begeistert, dass Abdullah nun dem Anliegen seinem Namen leiht,
"Missverständnisse unter Religionen" auszuräumen. Das ist wohl ein Grund dafür,
dass sein Dialogzentrum in einem Ring-Palais angesiedelt sein wird und nicht in
Riad.
Die Saudis selbst werden es nicht zugeben, aber das Zentrum hat auch eine
innersaudische Botschaft - und das ist keine "wahhabitische". Nur so kommen auch
ein Buddhist und ein Hindu in den Vorstand, also Vertreter nichtabrahamitischer
Religionen.
Interimistischer Leiter ist jener Mann, der auch Abdullahs nationale
Konferenzen betreute, Vize-Bildungsminister Faisal Bin Abdulrahman Bin Muammar.
Rabbi David Rosen, der jüdische Vertreter im Vorstand, betont in einem
Standard-Gespräch, wie wichtig eine von Saudi-Arabien unabhängige Leitung des
Zentrums sein wird. Das stimmt, und auch der zweite Teil des Versprechens im
Zentrumsnamen - der interkulturelle Dialog - sollte eingelöst werden. Denn ohne
Säkulare im Bunde können die Herren - und Damen? - trefflich über die Zukunft
der Welt reden, es wird an der Realität vorbeigehen. Warum nicht als Betrachter
zurückgelehnt zusehen, wie das - saudi-arabische - Steuergeld ausgegeben wird?
Die Noten kommen später. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.10.2011)