Der Traum vom Leben ohne Unfall

14. Oktober 2011, 19:47
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Mit dem Argument Sicherheit lässt sich fast alles erlauben, verbieten, verkaufen. Das belebt das Geschäft, denn Autofahren ist noch immer gefährlich

Wollte man das Auto per Volksbefragung einführen, es würde wohl kaum gelingen, etwa mit der Fragestellung: Wollen Sie eine Technologie, die unermesslichen wirtschaftlichen Fortschritt und persönliche Freiheit bringt, aber österreichweit jährlich rund 500 Menschenleben kostet oder in Indien täglich einen Blutzoll wie bei einem Jumboabsturz fordert? Wie immer man das Bild interpretieren mag, Tatsache ist, dass Anfang der 1970er-Jahre in Österreich noch fast fünfmal so viele Menschen im Straßenverkehr ums Leben kamen, obwohl es weit weniger als halb so viele Autos gab. Ein Fortschritt also?

"Unfallfreies Fahren" lautet sodann das unendliche Arbeitsgebiet der Ingenieure. Ziel: null Unfälle. Statistisch nachweisbare Fortschritte in Sachen Sicherheit brachten wohl Gurtpflicht, Helmpflicht für Motorradfahrer und schärfere Überwachung und Ahndung der Alkoholpromillegrenze. Schon Airbag und ESP lassen sich nicht mehr signifikant als Sicherheitsgewinn nachweisen, vielleicht auch weil sie sich fließend vermehrten und nicht an einem Tag eingeführt wurden. Aber wer behauptet, mehr Staus führten zu weniger schweren Unfällen, liegt möglicherweise auch nicht falsch.

Was aber "Sicherheit" mit Sicherheit ist: ein treffliches Verkaufsargument, kurzum ein wirksamer Katalysator zur Prolongation der Erfolgsgeschichte des Automobils. Und so beantworten die Hersteller nunmehr mithilfe der Elektronik emsig eine Frage nach der anderen, die eigentlich noch gar niemand gestellt hat.

Autos erkennen über eine mannigfaltige Sensorik eine Unfallsituation frühzeitig, rücken automatisch den Sitz zurecht, spannen den Gurt vor, schließen das Schiebedach, bevor es kracht. Nachtsichtsysteme helfen bei schlechter Sicht Hindernisse und Fußgänger früher erkennen, ermöglichen aber gleichzeitig, dass man unter widrigen Witterungsbedingungen schneller fahren kann. Die automatische Vollbremsung im Notfall ist mittlerweile nicht nur ein technisches Problem, sondern auch ein juristisches. Wie viel darf das Auto dem Fahrer an Verantwortung abnehmen? Eines ist sicher: Die Autohersteller werden sich nicht darum reißen.

Etliches ist einfach Spielerei, faszinierende Elektronik, aber es grenzt an Zynismus, dem allen praktischen Sicherheitsgewinn zuzumessen. Warnung, wenn man seine Fahrspur zu verlassen droht, Warnung, wenn sich ein Auto im toten Winkel befindet, Warnung, wenn die Sensorik Ermüdungserscheinungen hinterm Lenkrad diagnostiziert (die selbst Telefonieren samt Freisprechanlage erkennt): Wohl wird es noch viel besser sein, seine eigene Verantwortung wahrzunehmen und sich nur fit hinters Lenkrad zu setzen. Und noch eine kleine Volksbefragung: Was würden Sie tun, wenn Sie die Wahl hätten, Ihren Job zu verlieren oder Ihr Leben, weil gerade ein schlechter Tag ist zum Autofahren? (Rudolf Skarics/DER STANDARD/rondoMobil/Oktober 2011)

  • Kinder springen auf die Straße, die Elektronik schreit laut "Achtung" und blendet's alarmgelb in die Scheibe, und ist der Fahrer gerade unachtsam, so bremst das Autosogar selbst: Lebensrettungstrend "elektronische Schutzengel".
    foto: werk

    Kinder springen auf die Straße, die Elektronik schreit laut "Achtung" und blendet's alarmgelb in die Scheibe, und ist der Fahrer gerade unachtsam, so bremst das Autosogar selbst: Lebensrettungstrend "elektronische Schutzengel".

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