Am Schöpfwerk: "Der Zaun ist wie eine Watsch'n"

Reportage | Rosa Winkler-Hermaden, 13. Oktober 2011, 15:36
  • Artikelbild
    vergrößern 500x330
    foto: winkler-hermaden/derstandard.at

    Die Schule am Schöpfwerk. Bald wird sie umzäunt sein.

  • Artikelbild
    vergrößern 500x305
    foto: winkler-hermaden/derstandard.at

    Anrainer protestieren.

  • Artikelbild
    vergrößern 500x326
    foto: winkler-hermaden/derstandard.at

    Der Bagger ist schon am Werk.

  • Artikelbild
    vergrößern 500x335
    foto: winkler-hermaden/derstandard.at

    In der Zwischenzeit wurden provisorische Gitter aufgestellt.

  • Artikelbild
    vergrößern 500x329
    foto: winkler-hermaden/derstandard.at

    Maria Wildam fürchtet sich in der Siedlung nicht: "Ich gehe um halb zwei in der Nacht durchs Schöpfwerk und habe keine Angst."

Das Schulgebäude in einer Wohnhaussiedlung im 12. Bezirk soll eingezäunt werden - Das empört die Anrainer, die einen Baustopp fordern

Das Schöpfwerk in Wien Meidling ist zurzeit eine einzige Baustelle. Die Fassade der Wohnhaussiedlung wird erneuert, die Fenster werden ausgetauscht. Für die thermisch-energetische Sanierung werden 68 Millionen Euro in die Hand genommen. Bagger, Baucontainer und Absperrgitter sind in weiten Teilen der Siedlung zu finden. Da fällt es kaum auf, dass auch die Schule am Schöpfwerk neuerdings eingezäunt ist - vorerst provisorisch. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass ein 1 Meter 80 hoher Zaun errichtet werden soll. Grund dafür ist die angeblich fehlende Sicherheit in der Siedlung. "Es gibt Brandanschläge, Scherben, Spritzen, Kampfhunde", zählt Christine Huth-Nirschl, die Direktorin einer der beiden im Gebäude angesiedelten Schulen, auf. "Die Schulwände sind als Pissoir verwendet worden. Seit Jahren klagen Schüler und Eltern. Wir haben probiert, die Probleme in den Griff zu bekommen, es war nicht möglich." Der Zaun soll nun Abhilfe schaffen.

Viele Bewohner der Schöpfwerk-Siedlung sind darüber erzürnt. Rund dreißig Personen haben sich zur "Dorfplatz-Gruppe" zusammengeschlossen. In der Bassena, einem lokalen Treffpunkt in der Siedlung, sitzen ein paar von ihnen nun im Sesselkreis zusammen und überlegen, was sie tun können. Zwei Schülerinnen, eine Trafikantin, eine Lehrerin, eine Mutter, ein 60-Jähriger Arbeitssuchender: sie alle sind nicht der Meinung, dass das Schöpfwerk so gefährlich ist. Einen Brief an den Bürgermeister haben sie schon geschrieben und eine Unterschriftenaktion gegen den Zaun gestartet. Ihre Forderung: Ein Baustopp.

Ghettoisierung und Stigmatisierung

Die Bewohner ärgert, dass die Medienberichte der vergangenen Tage über den Zaun ein schlechtes Bild übers Schöpfwerk transportiert haben. "Es stimmt nicht, dass so viel Kriminalität vorherrscht. Kampfhunde gibt es bei uns nicht. Ich gehe um halb zwei in der Nacht durchs Schöpfwerk und habe keine Angst", sagt Maria Wildam, eine Sprecherin der Gruppe. Sie ist Lehrerin und lebt sie 31 Jahren am Schöpfwerk. "Natürlich heißt das nicht, dass es gar keine Probleme gibt", sagt sie. Aber der Platz vor der Schule sei nicht das Zentrum der Gewalt.

Die Anrainer wehren sich, dass ein schon oft durchgekautes Klischee nun wieder an die Oberfläche kommt, nämlich, dass im Schöpfwerk ein rauer Wind wehe: "Wir wehren uns gegen die Ghettoisierung." Wildam: "Es gibt viel hässlichere Bauten, ich würde nicht mehr hier wegziehen." Das Schöpfwerk wird in ihren Augen stigmatisiert. Die Schaffung einer Barriere rund um die Schule sei die  Draufgabe: "Der Zaun ist wie eine Watsch'n."

Gegenkonzept

Am allermeisten stört die "Dorfplatz-Gruppe", dass sie nicht in den Prozess der Beschlussfassung zur Errichtung der baulichen Abgrenzung einbezogen wurde: "Es wurde über unsere Köpfe hinweg entschieden." Dabei haben die Bewohner, als sie das erste Mal von dem Plan gehört haben, sogar versucht, die Verantwortlichen mit einem Gegenkonzept zu überzeugen: Sie schlugen vor, vermehrt Schulsozialarbeiter einzusetzen und Workshops zur Gewaltprävention zu veranstalten.

Die Bemühungen haben jedoch nichts genutzt. Seit wenigen Tagen sind nun die Bagger am Werk.

So schlimm findet Direktorin Huth-Nirschl das allerdings nicht: "Das Tor wird ja geöffnet sein, nur in den Nachtstunden machen wir zu." Sie verstehe den Unmut, sagt sie im Gespräch mit derStandard.at: "Ich kann mir schon vorstellen, dass es nicht schön ist, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden." Gleichzeitig spricht sie eine Einladung an die Anrainer aus: "Sie sollen bei der Gestaltung des Bereichs hinter dem Zaun mitreden und ihn mitgestalten."

Huth-Nirschl rechtfertigt sich außerdem: "Wir wurden um unsere Meinung gefragt und haben sie auch gesagt, aber die Entscheidung ist woanders gefallen - im Bezirk."

Beim Bezirk bekommt man als Begründung für die Errichtung des Zauns folgendes zu hören: "Der Wunsch ist von den beiden Direktorinnen an uns herangetragen worden", sagt Bezirksvorsteherin Gabriele Votava (SPÖ) im Gespräch mit derStandard.at. Sie zieht als Begründung für die Errichtung des Zauns in erster Linie die Verschmutzung, die es im Bereich der Schule gibt, her. "Die Kinder haben ein Recht, mit sauberem Fuß in die Schule zu gehen und keinen Balanceakt durch die Hundstrümmerln machen zu müssen", sagt sie. Votava bedauert, dass sich eine Gruppe von Anrainern vor den Kopf gestoßen fühlt. "Aber lassen wir die Kirche im Dorf", sagt sie, "es sind nicht alle Bewohner dagegen." Auch sie verwehrt sich gegen Aussagen, die Kriminalität am Schöpfwerk sei so hoch. "Hier leben 7000 Menschen", um ein negatives Bild zu erzeugen, reiche es schon, wenn sich nur eine Handvoll nicht an Regeln halte.

"Ab und zu brennt ein Mistkübel"

Ist die Siedlung am Schöpfwerk tatsächlich ein Herd von Gewalt? "Das Schöpfwerk ist kein Kriminalitätshotspot", sagt Hans Golob von der Presseabteilung der Polizeidirektion Wien. Zwar gebe es immer wieder Probleme mit Lärm und Verschmutzung, "ab und zu brennt ein Mistkübel", aber es sei nicht gefährlicher als anderswo in Wien.

Die Anrainer-Gruppe jedenfalls kämpft für die Beibehaltung ihres Dorfplatzes, wie sie den Bereich vor der Schule nennen. Sie posieren für ein Foto vor der Schule mit ein Transparent, auf dem geschrieben steht: "Für die Erhaltung des Dorfplatzes".

Für sie steht fest: sie wollen sich ihren Dorfplatz nicht wegnehmen lassen. Und sie planen bereits ein Fest, das genau hier in der Mitte der Siedlung stattfinden soll. Am 25. Oktober wird mit Bauerngolf und Sackhüpfen gefeiert. Für musikalische Untermalung sorgen Christoph und Lollo mit ihrem nach Aussagen der Anrainer passenden Song: "Diese Stadt gehört schon längst nicht mehr uns". (Rosa Winkler-Hermaden, derStandard.at, 13.10.2011)

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 190
1 2 3 4 5
nick4u
00
5.11.2011, 09:22
Vandalismus zu Halloween

31.10.: Tatort Schuleingang
Obwohl bekannt ist, dass das Schulgebäude regelmäßig im Bereich der Eingänge massiv beschmutzt und beschädigt wird - Beweisfotos derwiederholten Verwüstungen gibt es bereits in großen Mengen- gab es wieder keinen Kontrolleinsatz der Polizei oder wenigsten durch Wiener Wohnen organisierte Ordnungshüter - Fazit: 9 zerstörte Glastüren und eine verdreckt klebrige Masse auf Front und Boden des Schuleingang
Wieder ein Grund mehr, dass ein Zaun rund um das Schulareal einen Schutz vor diesen Verrückten darstellt!
Schlimm ist, dass die Verdächtigen laut Polizei zu jung sind, um etwas tun zu können - trotz Anzeige wird wieder nichts geschehen!

nik.2008
00
22.10.2011, 23:53

nach 10 jahren wien, sind wir vor 9 jahren wieder zurück aufs land gezogen - haben auch im 12. gewohnt. all das was in dem artikel stand waren die gründe - wir haben uns selber nicht mehr wohl gefühlt und wollten nicht, dass die kids so aufwachsen. mich wunderts nicht - unsere kids waren bis 17 uhr in der schule, dazwischen durften sie 30 minuten im hof spielen und am gürtel gabs fußballkäfige neben der blechlawine. da heraußen waren sie nachmittag im wald/garten oder mit den schulk. am fußballplatz und am abend müde und ausgeglichen und die aufgabe war gemacht, da haben die lehrer im hort schon drauf gschaut. und die paar kids die nicht deutscher mutterspache sind, die integrieren sich rasch und gehören dazu - jeder passt sich eben an.

RS69
 
00
23.10.2011, 00:27

Wien ist nicht nur Meidling.

Heavyweather
15
16.10.2011, 19:01

Gibt es echt Schulen die ihren Grund nicht einzäunen?
Wozu brauchen die Leute den Grünstreifen vor der Schule? Damit die Hunderln hineinscheixxen können?

nick4u
00
5.11.2011, 15:27

Damit sie ihren Flohmarkt abhalten können. Hundsdreck ist nur ein kleiner mistanteil am schöpfwerk

Der Waehlerwille
 
16
15.10.2011, 18:47
Hätte die super Bürgerbewegung nicht schon früher nachdenken können?

Als die Probleme am Schulgelände längst evident waren?

nick4u
00
5.11.2011, 15:29

Die Bürgerbewegung sieht leider nur ihre Bedürfinisse und weniger die der Schule

Franz Woyzecks liebste Erbse
02
15.10.2011, 09:09

Erinnert mich an Harry Brown.

Michael Simader
 
38
15.10.2011, 07:16
Ab und zu brennt ein ...

... Mistkübel! Erschreckend das man das als normal hinnimmt. Laufend wird die Beleuchtung (ich repariere diese immer wieder) in der Anlage zerstört, aber es ist alles in Ordnung. Was hat man da schon für ein Wurschtigkeitsgefühl entwickelt? Was wird als nächstes hingenommen? Eine Körperverletzung pro Woche ist in naher Zukunft dann normal? Ich wohne auch in einem Gemeindebau, bei uns brennen keine Kübel, wird nichts zerstört, für manche Bürger scheinbar eine fade Gegend. Ich bin froh das ich in einer faden Gegend wohne.

Michael_Gutsch
63
16.10.2011, 09:34

Nun Wien ist kein Dorf, sondern eine Großstadt. Ja und da sind gelegentlich brennende Mistkübel normal. Ich nehme im übrigen an, das es in der Mehrzahl der Fälle auch kein Vandalismus ist, sondern Dummheit => sprich es werden noch nicht völlig ausgebrannte Zigaretten, oder noch nicht völlig ausgekühlte Asche in den Mistkübel geworfen.

nick4u
00
5.11.2011, 15:33

Wie kann ein brennender mistkübel normal sein? Wie können angepisste schulecken normal sein? Wie können angeschmierte Wände Scheiben normal sein? Wie kann es sein, dass die Meinung zu Vandalismus derartig auseinander gehen kann?

Beiddenker
19
16.10.2011, 16:06
Ich muss Sie enttäuschen, aber die Mehrzahl der Fälle sind ...

... einfach nur Vandalismus. Ich wohne im 3. Bezirk und entlang der oberen Landstrasser Hauptstr. werden regelmässig - vorzugsweise am Freitag abend/Samstag abend - Mistkübel runter getreten und auch schon gern mal angezündet. Dreimal konnte ich es selbst aus dem Fenster beobachten: ein Rudel Jugendlicher, denen es im Suff einfach egal ist, was sie alles zerstören.

Und NEIN, es ist nirgends "normal", dass Mistkübel oder anderes brennt.

Raimund Lehner
11
15.10.2011, 09:05
nichts ist in Ordnung, aber man muss wo anders ansetzen und nicht als Resignation beim Zaun, das ist der falsche Weg!

@michael: es stellt sich die Frage: von wo geht der Wurstigkeitsstandpunkt aus? Ist es nicht generell unsere Gesellschaft? Sind es nicht die Erziehungsberechtigten die ihre Verpflichtungen vernachlässigen. Immer sollen und müssen die anderen etwas tun, nur ja nicht selbst. Sind es nicht auch „rauchende“ Erwachsene die Achtlos ihre Tschik wegwerfen, nicht austreten und dadurch Brände verursachen können. Da kann schon eine große Zeitspanne vergehen, zwischen Wegwerfen eines nicht ausgetretenen Tschiks und Entstehung eines Brandes. Ich kenn viele derartige „ab und zu Brände“ die rein gar nichts mit Vandalismus zu tun haben, aber anders ausgelegt werden. Wie v Brände entst. in südl. Ländern genau dadurch, meist unwissend von Touristen verursa

Der Waehlerwille
 
05
15.10.2011, 18:48
ja schön und gut

und während wir versuchen die Menschheit zu verbessern muss man trotzdem die Kinder jetzt! schützen.

hcl3
03
17.10.2011, 10:00
unsere schule im 15

vorplatz zugeschissen, zerbrochene flaschen, spritzen mit oder ohne ihre benutzer auf den bänken-

zaun drumherum würde bedeuten

bewegungsfreiraum für die volkschüler
die nach dem schliessen eines turnsaals zugunsten einer gardarbe eh nur mehr ,49mq² freifläche pro kind haben
....die gestaltung der abgrenzung muss ja nicht wie
für "häfenbrüder" ausschauen

nick4u
00
5.11.2011, 15:36

Im Gegenteil wäre es fein, wenn die eingezäunte Fläche tw als Beerenbeet genutzt wird. Die Schüler freuen sich schon auf Ribisel Himbeeren und Brombeeren

Raimund Lehner
51
15.10.2011, 20:30
@der Waehlerwille: Frage: hast du die Berichte in den Medien nicht gelesen? Zur Aufklärung: Während den Betriebszeiten ist das 4 Meter breite Tor geöffnet

und vor wen oder was soll nun der Zaun schützen? Aha verstehe, wenn nun ein „Kampfhund“ vor dem Tor steht und ein Schulkind sich nicht raustraut und der Hund die Angst spürt kommt der Hund rein, alles klar verstehe und genau deswegen der Zaun. Um bei dem Beispiel zu bleiben und der böse Kampfhund dem ängstlichem Kind nachläuft, so hat der Hund gute Chancen zubeißen zu können, denn der Schüler wird in irgend eine ZAUNECKE getrieben werden und wenn er/sie nicht sportlich genug ist und über 1,80 Meter drüber springen kann, no dann haben er/sie halt Pech gehabt. Soll nie vorkommen, aber das wäre für JuristInnen eine interessante Aufklärungsarbeit. Vielleicht müsste dann noch ein 2. oder 3. Tor als Fluchtweg geöffnet werden! Wer weiß!

Der Waehlerwille
 
02
16.10.2011, 14:48
Sie sind also aus Gründen einer art Lokalpatriotismus vermischt mit falsch verstandener politischen Korrektheit gegen den Kinderschutz?

nau seawas ... weit hammas bracht.

onduras
010
14.10.2011, 17:15

gelebte multi-kulti welt
ich kenn die direktorin persönlich, tägliche vandalenakte lassen keine andere handlung zu

Raimund Lehner
11
15.10.2011, 00:16

@onduras: ist das nicht ein wenig übertrieben zu sagen. „täglich“?
Andere Handlungen gibt es sehr wohl: „mit`n Reden kommen die Leute zusammen“ und das hat es nicht in ausreichender Form gegeben Punkt.

Der Waehlerwille
 
07
15.10.2011, 18:49
unterhalten sie sich doch einfach mit den Sachbeschädigern. Währenddessen muss man die Kinder beschützen.

wenn dann durch Ihre Initiative. Wenn dann alles besser geworden ist kann man den Zaun immer noch abbaun. Deal?

crème brûlée
00
16.10.2011, 23:21

danke, eine stimme der vernunft.

sleepyc
01
14.10.2011, 16:12
wenn ich mir das photo der lieben

frau religionslehrerin wildam anschaue, kann ich mir gut vorstellen, dass SIE sich nicht fürchtet.
schaut ja auch resolut genug aus die gute...

Die Gezeichneten
02
14.10.2011, 14:16
Einen Brief an den Bürgermeister haben sie schon geschrieben...

...wie schnell der wohl im Mistküberl war...

Ramsay Bolton
67
14.10.2011, 13:15

Die 60jährige Lehrerin fürchtet sich also um halb 2 in der Nacht nicht. Irgendwie klar, wovor auch? Da sagt ja jeder freiwillig nein.

Aber ein 16jähriges Mädl das um halb 2 regelmäßig durch die Siedlung muß. Ich trau mich wetten, dass die sich fürchtet. Vor allem als Österreicherin.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 190
1 2 3 4 5

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.