Nationalfeiertag auf Chinesisch

13. Oktober 2011, 09:00
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Der Staatsfeiertag bedeutet für die meisten Chinesen vor allem stundenlange patriotische Fernsehsendungen und Reisechaos

Dieses Jahr wurde am 1. Oktober auf dem chinesischen Festland, in Hongkong und Macao zum 62. Mal die Gründung der Volksrepublik China gefeiert: Vor allem in Peking und in anderen großen Städten organisiert die Regierung Veranstaltungen oder Themendekorationen auf Hauptplätzen. Die Bilder, die darüber in den Medien kursierten, sehen immer sehr imposant aus, und die Symbolsprache ist sehr wirkungsvoll: Die allgegenwärtige rote Farbe steht für Glück und die Präsenz vieler Menschen will den Rückhalt und die Begeisterung der Bevölkerung suggerieren. Aber entgegen der Selbstdarstellung in den Medien ist die Beteiligung an diesen Veranstaltungen bei Weitem nicht so groß, und von einer nationalen Euphorie war wenig zu spüren. Gerade in Yunnan hielt sich die Beteiligung an den Feierlichkeiten in Grenzen, vielleicht auch weil ein beachtlicher Teil der Bevölkerung sich nicht als Han-chinesisch versteht. Einige Minderheiten haben eigene Festlichkeiten, die diesen Tag an Wichtigkeit übertreffen, während andere, wie die Tibeter,  ihn schlichtweg ignorieren.

Glanzleistung des Tourismusmanagements

Aber die absolute Mehrheit der Bevölkerung Chinas sieht täglich viele Stunden lang fern. Deshalb bedeutet der Nationalfeiertag, chinesisch Guoqingjie, für die meisten Chinesen vor allem zwei Dinge: Hunderte von Fernsehansprachen und Themensendungen über ihr Land und die Regierung und seit 1999 auchbis zu sieben Tage Urlaub. Von einem exklusiven Hotelzimmer aus die Nationalfeiertagssendungen anzusehen oder ein Bild vor einem Blumenarrangement zu machen, gilt dann als Gipfel des Patriotismus.

Die Einführung der Urlaubstage war ein Segen für die Tourismusindustrie, denn es gibt in China ansonsten nur wenige offizielle freie Tage. Die sogenannte „goldene Woche" ist eine der Urlaubshochsaisonen, und wer kann, der verreist. Wer nicht verreisen kann, der fährt in die nahegelegenen Parks. Während dieser Woche sind die meisten Büros, Schulen und andere Institutionen geschlossen. In den Touristenorten herrscht dagegen Hochbetrieb.

Reisefieber und Souvenirjagd

Monate vorher werden in Foren die besten Reisetipps ausgetauscht, vor den Geschäften für Reiseartikel bilden sich Warteschlangen, und einige Shops haben Schlussverkauf. Gleich nach der Freigabe sind die meisten Flug- und Zugtickets ausverkauft, und wirklich Verzweifelte kaufen Händlern ihre Tickets um das Vielfache des Einkaufswerts ab. Wenn man überhaupt Busplätze ergattern kann, muss man häufig die gesamte Fahrt lang stehen. Das Hauptgesprächsthema während dieser Wochen ist sind die Reiseziele und die besten Strategien, wie man doch noch ein Hotelzimmer ergattern kann. Die bekannten Touristenorte quellen während der "goldenen Woche" über von manisch fotografierenden Touristenhorden. Denn die meisten Chinesen wollen nicht irgendwo hin reisen, sondern möglichst viele beliebte Orte von der "To-Do-Liste" abhaken. Wenn die Familie oder die Arbeitskollegen nach der Rückkehr nach dem Urlaub fragen, will man schließlich seinen guten Geschmack unter Beweis stellen.

Ein weiteres Must ist das Mitbringen von möglichst vielen ortstypischen Souvenirs und Lebensmitteln, und die Listen mit den wichtigsten Einkaufstipps wollen schon vor der Fahrt gut recherchiert sein. Und dann müssen noch die Adressen der berühmtesten, teuersten, besten Restaurants (in dieser Reihenfolge) für alle potentiellen Reiseziele ausfindig gemacht und mit Anfahrtsbeschreibung ausgedruckt werden.

Wegen dem Stress, der mit dem Verreisen zu der Zeit zusammenhängt, gibt es mittlerweile auch immer mehr Menschen, die sich dem Reisewahnsinn entgegenstellen und freiwillig zuhause bleiben. Sie ruhen sich aus bereiten sich schon auf das nächste Chaos vor: Das chinesische Frühlingsfest, bei dem traditionell der komplette Verkehr durch die reisenden Massen lahmgelegt wird. (An Yan, 13. Oktober 2011, daStandard.at)

  • Nur einige Fahnen schmücken am Nationalfeiertag die Straßen von Lijiang, einem der Haupttouristenziele in Yunnan.
    foto: an yan

    Nur einige Fahnen schmücken am Nationalfeiertag die Straßen von Lijiang, einem der Haupttouristenziele in Yunnan.

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