Alles nur für Detroit

12. Oktober 2011, 13:56
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Detroit ist die Stadt und die Lions sind das Team. Die NFL ist zum "Megatron"-Territorium und aus dem einstigen Geheimtipp ein ernstzunehmender Titelkandidat geworden

Green Bay, zweimal Tampa Bay, Miami, zweimal Minnesota, Kansas City und Dallas. So sah die Abschussliste der Detroit Lions bis zum letzten Sonntag aus. Montagnacht mussten auch die Chicago Bears (2-3) einsehen, dass gegen die Honolulu-Blauen derzeit kein Kraut gewachsen ist. Seit dem 5. Dezember 2010 sind die Herrschaften aus der „Motor City" nun ungeschlagen. Nur der amtierende Champion und Divisionsrivale Green Bay kann bei 5-0 noch mitbieten. Spielen beide Klubs so weiter, dann treffen am 24. November (Thanksgiving-Game) zwei 10-0-Teams im Kampf um die Poleposition der NFC North aufeinander. Aber noch viel könnte bis dahin passieren. Chicago trifft man am Soldier Field wieder, Carolina ist unangenehm in Woche elf und San Francisco (absolute #1 der NFC West) am kommenden Sonntag ist auch kein Hongischlecken. Insgesamt sieht der Schedule der Lions mittlerweile aber lösbar für sie aus.

55 Jahre im Wartezimmer

Als Jim Schwartz 1966 das Licht der Welt erblickte, da feierte Detroit 10-jähriges Jubiläum. 1956 legten sie einen 5-0-Saisonstart hin. Herr Schwartz musste erstmal 45 Jahre alt und Headcoach des Teams werden, um das zu wiederholen. Vor und nach 1956 war sonst nicht viel. Die Super Bowl sah man ein Mal in Detroit. 2006 fand sie am Ford Field statt. Freilich ohne den Lions. Die Steelers besiegten die Seahawks 21:10. Ein Grottenspiel, auch.

Schwartz, der 2009 vom Defense Coordinator der Tennessee Titans zum Cheftrainer der Lions gemacht wurde, ist auch ein Großteil des heutigen Erfolgs zuzuschreiben. Er übernahm ein 0-16-Team, holte zwei Siege in seinem ersten, sechs in seinem zweiten und die bisherigen fünf in seinem dritten Jahr. Im Gegensatz zu anderen Klubs, die als unverwechselbares Kennzeichen Niederlagen in Serie tragen, wussten die Lions ihre frühen Draft Picks in den vergangenen Jahren zu nutzen. Quarterback Matthew Stafford (#1 2009), Defensive Tackle Ndamukong Suh (#2 2010), Running Back Jahvid Best (#30 2010) sind auf Schwartz zurückzuführen, Wide Receiver Calvin Johnson, heute ehrfürchtig "Megatron" genannt, den erbte er als gelungenen Firstrounder (#2) aus dem Jahr 2007. Auch die 2011er Draft-Klasse Detroits schätzt man hoch ein, wobei sich diese noch beweisen muss. Receiver Titus Young hat den langen Schatten Johnsons vor, hinter und neben sich, der hoch eingeschätzte Defensive Tackle Nick Fairley kämpft derzeit noch mit Verletzung, anstatt mit dem Gegner.

Insgesamt hat Schwartz ein homogenes Kollektiv formiert, welches in allen Statistik-Kategorien vorne dabei ist. Stafford ist ein Top 10-Spielmacher, Best kratzt an der Marke, Johnson ist der mit Abstand gefährlichste Receiver der Liga und de facto nicht zu covern, die Offense in Summe die Nummer 7, die Defense die Nummer 12. Damit lässt es sich gut gewinnen. Die kollektive "Oh-Detroit!"-Überraschung ist daher auch ein wenig gespielt, denn man konnte schon Ende 2010 ahnen, dass die Löwen 2011 dann auch brüllen werden.

Alles für die Stadt

Ungewöhnlich für eine chronisch erfolglose Mannschaft ist der starke Rückhalt in der Bevölkerung. Detroit ist zwar "Hockeytown" (Red Wings) und vor allem Welthauptstadt der guten und der "geht so"- Mucke (Temptations, The White Stripes, John Lee Hooker, The Stooges, wohl aber auch Madonna, Kid Rock und Eminem), steht aber offensichtlich auch hinter seinen Versagern. Football in Michigan ist in erster Linie am College ein Riesending. 70 Kilometer außerhalb von Detroit befindet sich ein Standort der University of Michigan, Heimat der Wolverines. Ann Arbour ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Michael Phelps und Tom Brady haben die Uni absolviert, das "Michigan Stadium" ist das größte der USA, das drittgrößte der Welt. In "AA" leben 114.000 Menschen, 114.804 (Rekordkulisse) waren beim Spiel der Michigan Wolverines gegen Notre Dame am 10. September dieses Jahres im Stadion. Man kann erahnen, wie hoch der Prozentsatz an Footballinteressierten in der Gegend ist.

Trotz des jahrelangen Misserfolgs war so auch das Ford Field stets gut gefüllt. Eine Parallele zu Minnesota, die trotz überschaubaren Erfolgen ebenfalls eine treue Fangemeinde hinter sich wissen. Das ist im Norden der USA nicht die Regel. In Buffalo, Cincinnati und Cleveland waren/sind TV-Blackouts ganz normal. Nun geben die Lions den Fans ihre anhaltende Begeisterung in Form von Siegen zurück. 67.861 sahen den Erfolg gegen die Bears. Ebenfalls ein Rekord.

Unter dem Radar

Die vielleicht größere Überraschung liefern derzeit aber die San Francisco 49ers (4-1) ab. Die Zwischenüberschrift, die gilt vor allem mir. Ich sah die Niners bisher - obschon 3-1 - gar nicht so gewaltig aufkommen. Vielleicht ging es ihnen ja anders. In meinem sozialen Umfeld gibt es eine ungewöhnlich hohe Anzahl 49ers-Fans, die jedes Jahr vom „Aufschwung jetzt!" schwärmen, das Wort "Super Bowl" in den Mund nehmen, wenn die Freibäder hierzulande noch offen haben und jedes Jahr, nach ein paar Wochen dann, traurig drein schauen, verstummen und ab November auf die nächste verbalisierte Super Bowl warten. Ein „lasst mich doch mit denen in Ruhe!" aus reiner Gewohnheit von mir. Schrecklich, unerträglich, einfach nur schlecht sind sie und wurde mir von ihnen in den letzten gefühlten 15 Jahren. Mir war schon klar, dass der so erfolgreiche Stanford-Chef Jim Harbaugh frischen Wind reinbringen würde und - sind wir uns da ehrlich - es nach Mike "The Cross" Singeltary gar nicht mehr tiefer nach unten gehen konnte, aber dass dieser Wind zu einem Orkan anwächst, der Tampa Bay (3-2) mit 48:3 aus der Bay fegt, daran hätte ich im Traum nicht gedacht. Das kommende Spiel in Detroit wird daher enorm interessant. San Francsico könnte den Lions die Show stehlen, bleibt Runningback Frank Gore (125 Rushing Yards, 1TD) so frisch und die Defense (272 Yards gegen TB zugelassen, 2 INT, 3 Sacks) so giftig. Die drei Passing-Touchdowns von Quarterback Alex Smith, zwei davon auf Tight End Vernon Davis, erlaube ich mir trotzdem als Einzelereignis abzutun.

Stirb schön IV

Sie würden das Sterben in Schönheit perfektionieren, schrieb ich in der Vorwoche über die Carolina Panthers (1-4) und dem ist nach Woche 5 eigentlich nichts hinzuzufügen. Den New Orleans Saints (4-1) ebenbürtig, lieferten sich die Panthers einen zum Teil spektakulären Schlagabtausch mit dem Super Bowl-Champion der Saison 2009, bei dem (auch das eine Wiederholung) Rookie-Quarterback Cam Newton (zwischenzeitlich der #4 QB der Liga overall) formidabel aussah (3TDs, 1 INT, 251 Offensive Yards).

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Sollten Sie Fantasy spielen und Newton in ihrem Team haben, dann standen sie sicher auch schon öfter (in panischer Erwartung eines Absturzes) vor der kniffligen Entscheidung: Start or sit? Jedes Mal, wenn ich Newton dann mit schweißnassem Händchen auf die Bank setzte, bestrafte er mich dafür mit Leistung. Noch dazu meine designierte Nummer 1 auf der Position im Salary-Modus der Quarterback der Atlanta Falcons ist, dessen Name mir seit Woche 3 aber gar nicht mehr einfallen will. Selbsthilfegruppen-Modus on: „Mein Name ist Walter, ich habe Cam Newton gedrafted und werden ihn auch spielen lassen." An der Stelle müssen Sie meinem Outing applaudieren und sich selbst einbringen...
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Irgendwie funktioniert es aber mit dem Gewinnen trotzdem nicht. Die Panthers verlieren gegen die Saints mit einem Fieldgoal Unterschied. Diese Kunst, Spiele in Serie mit nur einem Score zu verlieren, die ist freilich keine, die man erlernen mag. Die Tendenz ist allerdings steigend bzw. eigentlich fallend. Verlor Carolina gegen Arizona und Green Bay noch mit sieben Punkten, waren es gegen Chicago nur mehr fünf und gegen New Orleans nur mehr drei. Bleibt es bei der grafischen Darstellung, dann geht das Spiel im Georgia Dome gegen das Team mit dem Namenlosen (2-3) am kommenden Sonntag in die Overtime. Gegen Washington beginnt dann die Panthers-Siegesserie. Sagt zumindest mein Excel.

Was sonst noch geschah

Die Steelers-Schadenfreude hat mal Pause. Die zuletzt Rückenwind spürende Anti-Pittsburgh-Fraktion wurde zurecht gewiesen und mit ihnen die Tennessee Titans (3-2). Ben Roethlisberger warf beim 38:17-Sieg fünf (!) Touchdown-Pässe. Wohin? In your face! In der AFC North ist damit alles offen. Baltimore (3-1), Cincinnati (3-2), Pittsburgh (3-2) und Cleveland (2-2) sind noch weitgehend unsortiert, ich sage ihnen aber heute schon die Sortierung nach Woche 17 vorher: 1. Baltimore, 2. Pittsburgh, 3. egal, 4. völlig egal.

Schadenfreude ist ja eher etwas, was man sich erarbeiten muss, Mitleid gibt es bekanntlich umsonst. Wovon rede ich? Von Minnesota (1-4) natürlich. Adrian Peterson - Ja! - Der ist immer noch dort, auch wenn man es bisher nicht so recht bemerkt hat - lief im ersten Quarter gegen die Arizona Cardinals (1-4) zu drei Touchdowns. So viele wie in den vier bisherigen Spielen zusammen. Da machte es auch gar nichts, dass Quarterback Donovan McNabb nicht mal die Hälfte seiner Pässe für 169 Yards an den Mann brachte, denn auf der Gegenseite regierte das Kardinals-Chaos. Kevin Kolb und ein gewisser Richard Bartel warfen in Summe drei Picks. Kolb verlor noch einen Fumble, die Cardinals das Spiel, die noch dazu hinter Seattle (2-3) zurück fielen, die ernsthaft in New Jersey gegen die Giants (3-2) die Oberhand behielten. Ein kurioses Spiel im Met Life Stadion, denn die Hawks brachten Charlie Whitehurst (!) statt Tarvaris Jackson als QB nach Halbzeit und der schlussendlich den Erfolg (!!). Die Giants kassierten einen Safety und einen Pick Six, Eli Manning warf für 420 Yards, drei Picks und drei Touchdowns, Victor Cruz ist der derzeit wachste Sleeper der NFL, mit der Kurve 0, 2, 3, 6 und nun acht Receptions für 161 Yards (!) im Spiel. Fehlen in Summe nur noch 26 Yards zum Leading Receiver der G-Men. Aber hallo! Der vor der Saison viel versprechende Mario Manningham ist nicht mal halb so produktiv.

Ich muss Buße tun. Ich habe mich über Curtis Painter lustig gemacht. Mehrmals. Und das mit großer Lust, denn sein Gesicht ruft bei mir eigenartige Assoziationen hervor. Ich sehe darin Justin Bieber, der sich zu Halloween als Kurt Cobain ausgibt, mit einem guten Schuss Stan Laurel als Krönung dieses optischen Unfalls. Aber: Don't judge a Quarterback by his funny face, Reiterer! Der Mann spielt ordentlich bisher. Man wartet auf einen "Orlovsky", aber er kommt nicht. Dafür sah man gegen Kansas City (2-3) zwei Painter-Touchdowns auf Pierre Garcon. Zum ersten Sieg für die Indianapolis Colts (0-5) reichte es trotzdem nicht, weil auf der Gegenseite Quarterback Matt Cassel sich urplötzlich wieder fand und je ein Doppel-Sixpack auf Dwayne Bowe und Steve Breaston warf, womit er in dem einen Spiel die Anzahl seiner Touchdown-Pässe aus den Wochen 1-4 egalisierte. Die Colts-D ließ gegen die Chiefs 436 Yards zu. Das geht gar nicht.

Der wöchentlich Blick aus dem Augenwinkel auf "Elite-Phil". Herr Rivers im darbenden Denver, wo man zur Halbzeit von Kyle Orton (nach beinahe 50 Prozent Completion Rate und 34 geworfenen Yards bei einem Pick) genug gesehen hatte. Tim Tebow kam, sah, siegte jedoch nicht. Aber er riss die Partie mit zwei Touchdowns fast noch einmal herum. Hoffnung für Denver? Möglicherweise. Die Chargers überlebten einen frühen Rivers Pick-Six und einen Fumble ihres Spielmachers im letzten Quarter durch zwei Fieldgoals von Nick Novak. Das PR-Rating nach Woche 5: 87.6, weiterhin Platz 13. Nach Passing Yards schon #5, nach TDs sogar die #4 und eine Kategorie führt Philip Rivers überhaupt an: Sieben Interceptions haben bisher nur er und - siehe oben - Kyle Orton geworfen, dessen Restsaison wohl eher banklastig angelegt sein wird. Aber auch Michael Vick ist da mit sieben Picks dabei, wobei er damit gar nicht das Peinlichste ist, was Philadelphia (1-4) derzeit zu bieten hat. Die Niederlage gegen Buffalo (4-1), also gegen eines der "Real Dream Teams", ist nur die logische Fortsetzung der teuersten Abwärtsspirale aller Zeiten. Aber was macht San Diego trotzdem so stark? Die Nummer 5 Defense overall holt die Kastanien aus dem Feuer. 4-1 und damit die Nummer 1 der AFC West vor den Oakland Raiders (3-2).

Die Raiders "feierten" einen emotionalen Sieg über die Houston Texans, denn Teambesitzer Al Davis verstarb am Tag vor dem Spiel 82-jährig. Kein anderer steht so für die Erfolge (drei Super Bowl-Titel), wie aber auch für viele seltsame Entscheidungen der Okaland Raiders in jüngster Vergangenheit. Zudem bekleidete Davis so ziemlich jede Position im Football: Coach, Manager, Commissioner, Owner. Das 25:20 rettete am Ende Michael Huff, der einen Pass von Matt Schaub bei auslaufender Uhr abfing. Just win, baby.

Zum Abschluss der TV-Tipp in eigener Sache. PULS 4 erledigte die New England-Trilogie (vs. SD, @OAK und vs. NYJ) mit drei Patriots-Erfolgen - nun geht es ab in den Süden. Die New Orleans Saints gastieren im Raymond James-Stadion bei den Tampa Bay Buccaneers und dort geht es dann um den Führungsanspruch in der NFC South. (Walter Reiterer)

Tampa Bay Buccaneers vs. New Orleans Saints
Sonntag 16. Oktober 2011, 22:15, Live auf PULS 4
Kommentatoren: Walter Reiterer und Michael Eschlböck

NFL-Ergebnisse Woche 5:

Buffalo Bills - Philadelphia Eagles 31:24
Carolina Panthers -New Orleans Saints 27:30
Houston Texans - Oakland Raiders 20:25
Indianapolis Colts - Kansas City Chiefs 24:28
Jacksonville Jaguars - Cincinnati Bengals 20:30
Minnesota Vikings - Arizona Cardinals 34:10
New York Giants - Seattle Seahawks25:36
Pittsburgh Steelers - Tennessee Titans 38:17
San Francisco 19ers -Tampa Bay Buccaneers 48:3
Denver Broncos - San Diego Chargers 24:29
New England Patriots - New York Jets 30:21
Atlanta Falcons - Green Bay 14:25
Detroit Lions - Chicago Bears 24:13

Spielfrei: Baltimore Ravens, Cleveland Browns, Dallas Cowboys, Miami Dolphins, St. Louis Rams, Washington Redskins

Tabellen: siehe NFL.com

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    Sie nannten ihn "Megatron". Receiver Calvin Johnson ist der Transformer der NFL. Er verwandelte das einst schwache Detroit in eine Kampfmaschine.

  • "The Big House" in Ann Arbour, Heimat der Michigan Wolverines. Beim Spiel gegen die Fighting Irish waren 804 Zuschauer mehr im Stadion, als die Stadt überhaupt Einwohner hat.
    foto: free

    "The Big House" in Ann Arbour, Heimat der Michigan Wolverines. Beim Spiel gegen die Fighting Irish waren 804 Zuschauer mehr im Stadion, als die Stadt überhaupt Einwohner hat.

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    Nicht lustig: Curtis Painter spielt derzeit vernünftigen Football. Die Colts bleiben trotzdem sieglos.

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    Al Davis: 1929-2011.

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