Journalisten stehen zunehmend unter wirtschaftlichem Druck

12. Oktober 2011, 11:30
11 Postings

Katzian: Pflichtpraktika wegen Missbrauchs aufheben - Hummel: Freie Mitarbeit oft Umgehung von Angestelltenverhältnis - Kurzfassung der Studie als Download

Journalisten stehen in Österreich zunehmend unter wirtschaftlichem Druck, der Umbruch in der Medienlandschaft beeinflusst auch den Journalistenberuf. Das zeige sich sowohl bei der schlechter werdenden Einkommenssituation besonders der sogenannten "Freien Mitarbeiter" als auch beim besonders schwierigen Berufseinstieg, wo viele trotz guter Ausbildung nur schlecht oder gar nicht bezahlte Praktika bekommen, wurde bei einer Podiumsdiskussion zur Studie "Medienkarrieren im Umbruch - Arbeitsbedingungen und Berufserwartungen von Journalisten" Dienstagabend in Wien deutlich. Gleichzeitig gehe die Schere auf zwischen Medien mit Informations- und Aufklärungsanspruch und jenen Medien, die ihre Hauptfunktion in Unterhaltung und als Werbeträger sehen.

In Österreich gibt es geschätzte 6.300 Journalistinnen und Journalisten, jährlich werden 100 bis 120 Stellen durch natürlichen Abgang frei. Demgegenüber drängen immer mehr Absolventen von journalistischen Ausbildungen auf den Markt: Rund siebenmal so viel Leute streben den Beruf an. "Das ist mit ein Grund, warum so wenig bezahlt wird und viele wenig oder gar nicht bezahlte Praktika machen", erläuterte Professor Roman Hummel von der Universität Salzburg, Projektleiter der Studie. Die Zahl der Arbeitsplätze gehe zurück, aber der Zustrom zu den Ausbildungen steige. Problematisch sieht er auch die weit verbreitete "Freie Mitarbeit" im Journalismus, wenn Freie mit denselben Verpflichtungen wie Arbeitnehmer arbeiten, allerdings rechtlich und finanziell schlechter gestellt sind. "Das ist ein Missbrauch", stellt Hummel klar.

Lohndumping

In den letzten Jahren habe es eine Zunahme von journalistischen Ausbildungswegen gegeben, erläuterte Fritz Wendl, Vorsitzender des ORF-Redakteursrats. Fachhochschullehrgänge, Post Graduate-Angebote etc. führen zu einem enormen Überhang der Bewerber für freie Stellen und zu Lohndumping, kritisiert er. Dies zeige sich besonders bei der "Generation Praktika" in den Medien, erläuterte Franz Bauer, Vorsitzender der Journalistengewerkschaft: Junge Menschen würden zu günstigen Bedingungen in Redaktionen gebracht, dort aber oft nicht ausgebildet sondern müssten Lücken im Redaktionsbetrieb schließen. Manchmal würden Unternehmen die Ausbildungsförderungen einstecken, aber die Praktikanten bekämen gar nichts. Viele Praktika seien "Arbeitsplätze zu Dumpinglohnbedingungen".

Katzian: Pflichtpraktika wegen Missbrauchs aufheben

GPA-djp-Vorsitzender Wolfgang Katzian fordert wegen des seit langem bestehenden Missbrauchs die Abschaffung von Pflichtpraktika. Durch die unklare Situation sei eine Grauzone zwischen vorgeschriebenen Pflichtpraktika im Rahmen der Ausbildung und sogenannten "Praktika" nach einer Ausbildung, die in Wahrheit berufliche Tätigkeit unter schlechten Bedingungen seien, entstanden. Bestimmungen in Gesetzen und Kollektivverträgen, etwa zur zeitlichen Begrenzung und Mindestentlohnung, würden oft verletzt. Der jetzige Zustand bringe nichts, meint der SPÖ-Abgeordnete: Wenn der Gesetzgeber bestimmte Praxis-Elemente in einer Ausbildung wolle, dann müsse er das anders regeln als ein Pflichtpraktikum, das sich die Auszubildenden noch dazu selber organisieren müssten.

Dem widersprach Helmut Holzinger, Präsident der Österreichischen Fachhochschulkonferenz: Die Abschaffung von Berufspraktika sei keine Lösung. Die meisten Absolventen der Journalistischen Fachhochschul-Lehrgänge fänden sehr wohl Arbeitsplätze, erfasst werde dabei aber nicht, in welcher Branche sie tätig werden, schränkte er ein.

Gewerkschafter Bauer warnt, dass durch den zunehmenden ökonomischen Druck auf Journalisten die Funktion der Medien in Gefahr komme. Wenn die marktwirtschaftlichen Mechanismen der Unternehmen zu sehr in die Medien hineingelassen würden, dann schaffe der Kapitalismus die Kontrollfunktion der Medien als "vierte Gewalt im Staat" ab. "Es ist im Sinne des Establishments, mehr Druck auszuüben, damit wir Journalisten immer weniger Zeit für Recherchen haben." Die Journalisten sollten sich stärker gewerkschaftlich organisieren, um gemeinsam gegen den zunehmenden ökonomischen Druck stärker auftreten zu können, forderten Bauer und Katzian.

Förderung des Qualitätsjournalismus über die Presseförderung

Hummel kann sich einen Hebel zur Förderung des Qualitätsjournalismus über die Presseförderung vorstellen: Überprüfbare Merkmale für Qualitätsmedien, die Presseförderung bekommen sollen, könnten die Zahl der angestellten Journalisten, die Zahl der Auslandskorrespondenten, die außenpolitische Berichterstattung und die Zahl der Ausbilder für Praktikanten sein.

Die Studie wurde von der Abteilung Journalistik des Fachbereichs Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg durchgeführt und wird gegen Jahresende veröffentlicht. Teilergebnisse wurden vorgelegt: So verdient ein Journalist im Durchschnitt zwischen 3.001 und 4.000 Euro brutto. Deutlich darunter liegen Freie und Pauschalisten (2.001 bis 2.500 Euro). Frauen verdienen mit im Schnitt 2.501 bis 3.000 Euro deutlich weniger als Männer mit 3.001 bis 4.000 Euro. Als Durchschnitt wird der Median genommen. (APA)

Share if you care.