Sticker und andere Rattenfänger-Tricks

Leserkommentar13. Oktober 2011, 09:20
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Über die Absurdität der "Stickermania": unglaubliche Tierwelten und ferne Landschaften scheinen harmlos und lehrreich, sind aber ausgeklügelte Werbeinstrumente, die Kaufdruck auf die Eltern ausüben

Seit 2010 wälzt sich eine unaufhaltsame "Seuche" durch Österreichs Kindergärten und Volksschulen. Wie so oft, war der Ausgangspunkt solcher Epidemien der Regenwald. Beschleunigt durch das feucht-tropische Klima breiteten sich die klebrigen Keime aus, zuerst auf Wüsten, dann Steppen und erreichten final über Umwege sogar das Weltall. Ausgehend vom fernen Planeten Merkur eroberte die moderne Pest Ozeanien von der fernen Arktis bis in die südlichste Antarktis und gipfelte schließlich in einer weltrekordverdächtigen Serie von Ansteckungen der Kunden (ehemals) billiger Läden.

Stickermania, Kaufdruck auf die Eltern

Diese "moderne Plage" äußert sich in Symptomen, die denen des Autismus nicht unähnlich sind. Zwanghaft werden Nummern sortiert, lückenlos müssen die Zahlenreihen sein, Verdoppelungen oder noch schlimmer Verdreifachungen sind verhasst und werden vehement abgestoßen, entweder zur Vervollständigung fremder Chiffrenketten oder um Unschuldige mit den Worten "Die brauch' ma nimmer, könnt's haben" zu infizieren. Eingeweihte Eltern "erkrankter" Kinder wissen natürlich längst, wovon ich spreche. Die "Spastiker" (=Originalzitat aus Kindermund) sind wieder da, diesmal in ihrer dritten Inkarnation: "Polar-Abenteuer". Österreichweit stöhnen leidgeplagte Eltern neuerlich unter dem auferzwungenen Joch der Stickermania. Wieder einmal heißt es: weiter zum Einkauf fahren als üblich, mehr CO2 ausstoßen als nötig (auf Wiedersehen Polkappen, baba Polar-Abenteuer), zwanghaftes Kaufrunden auf den nächsten Zehner, Klebebilder-Verwaltung für die Sprösslinge und dubiose Tauschgeschäfte mit anderen Eltern.

Die Anfänge

Begonnen hat alles eigentlich ganz harmlos, als vor mittlerweile (geschätzten) 53 Jahren der kleine Michael beim Greisler ums Eck von Frau Lange seine "Storck-Riesen" bekam. Den Ersten steckte er, wie wir wissen, immer sofort in den Mund. Damals war die Welt noch heil, der wöchentliche Lebensmittel-Einkauf ein zwischenmenschliches Erlebnis, und Mutti gönnte Frau Lange bestimmt gerne die paar Pfennige für das glückliche Lächeln ihres Sohnes.

Nostalgie Fußball-Pickerl

Auch den Ursprung der Sammelpickerl verbinde ich mit nostalgischen Erinnerungen. Ebenfalls vor (diesmal exakt) 29 Jahren sparte ich jeden Groschen Taschengeld (den Rest "erraunzte" ich mir von den Eltern) für Fußball-WM Pickerl. Mit meinen Ersparnissen fieberte ich dem wöchentlichen Trafikbesuch mit Mama entgegen, wo zufällig(!) in meiner Augenhöhe die Pickerlbox platziert war. Während Mama ihre Zeitschriften kaufte, erstand ich Degeorgi, Schachner und endlich Maradonna. Die Trafikantin hieß, glaube ich, auch Frau Lange, ich allerdings nicht Michael. Wie auch immer, es war eine schöne Zeit.

Kinder als verwundbare Zielgruppe

Ich sehe schon: Sie denken, ich schreibe nur wirres Zeug. Worauf ich hinaus will, ist ganz einfach Folgendes. Das moderne Marketing fand sein größtes Juwel vor (richtig geraten) ca. 53 Jahren im deutschen Sagenschatz, genauer gesagt beim "Rattenfänger von Hameln".

Just an jenem Tag, als Frau Lange die geniale Idee hatte, ihre Storck-Riesen Box nicht mehr hinten im Regal, sondern vorne auf dem Ladentisch zu platzieren, verdoppelte sich ihr Umsatz. Während wir Erwachsenen im Laufe der Jahre eine immer hartnäckigere Immunität gegen blinkend glitzernde Werbebotschaften entwickelt haben, sind Kinder eine Zielgruppe, die verwundbar ist. Und das nützen sie, die kollektiven Marketing-Frau-Langes verschiedenster Konsumtempel, und feuern seitdem aus allen Rohren. (Eltern sind zwar fast immun gegen PR und Werbung, allerdings nicht gegen gezielt wiederholte Satzfragmente: "Mama, ich will." "Mama, ich will!" "Mama, ich will aber!")

Kiddy-Menü, Happy-meals&Co

Heute ist der "Kinderhandel" allgegenwärtig. Einige Beispiele. Ein bedrohlicher Clown, der jenem aus Steven Kings "Es" nicht unähnlich ist, lockt unsere Sprösslinge mit Spielzeug aus meiner fernen Heimat China zum Essen in seinen, mit goldenen Doppeltorbögen geschmückten, Fast-Food-Tempel. Vor Supermarktkassen laufen gestresste Eltern mit ihren Kindern im Schlepptau durch Gänge umringt von Eistruhen und Süßigkeiten in praktischer Kinderaugenhöhe. Im Kino muss vor der Vorstellung noch unbedingt das Themen-Kiddy-Menü erstanden werden, das preislich in der Region einer weiteren Eintrittskarte anzusiedeln ist. Dabei gibt's zusätzlich zu den Pop Corn nur einen (ebenfalls chinesischen) Plastik-Wickie.

Druck auf die Eltern

Und jetzt, beide Ende 30, können meine Frau und ich uns nicht einmal mehr den Supermarkt für den wöchentlichen Einkauf aussuchen. Seit drei Wochen pilgern wir abwechselnd zu Billa und/oder Spar. Dabei liegen die nicht einmal in unserer Nähe. (Wir jetten normalerweise zum Planeten Merkur oder zum Hofer hinter der Trabrennbahn.)

Liebe Supermarktketten, ihr macht euch unter uns Eltern echt keine Freunde. Bitte hört auf damit! (Leser-Kommentar, Gottfried Chen, derStandard.at, 13.10.2011)

Autor

Dr. Gottfried Chen, ist Chinese, 39 Jahre alt, und gebürtiger Wiener. Er hat Mathematik studiert und arbeitet als Spieleprogrammierer. Zusätzlich schreibt er (hoffentlich) einmal wöchentlich über sein Leben als MMM (= Mensch mit Migrationshintergrund) und dreifacher Papa. http://gottfriedchen.blogspot.com

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    foto: billa
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